Rettung in der Krise: Mikrokredite helfen kleinen Unternehmen

Von: Berti Kolbow, dpa
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Rettung in der Krise: Mikrokredite helfen kleinen Unternehmen
Viele kleine Unternehmer kommen leichter an einen Mikrokredit als an frisches Geld von der Bank. Foto: dpa

Hannover/Berlin. Kleine Unternehmen bekommen oft nur schwer einen Kredit. Und in der aktuellen Krise sind die Banken noch vorsichtiger als sonst. Damit muss der Geldhahn für Selbstständige mit finanziellen Engpässen aber nicht zu sein.

Eine Alternative können öffentlich geförderte Mikrokredite für Freiberufler und andere Kleinunternehmen sein. Besonders die gegenwärtige Krise treibt offenbar die Nachfrage.

„Es kommen in diesem Jahr mehr Menschen auf uns zu”, bestätigt Mila Gepfner, Geschäftsführerin des Mikrofinanzierers Artel aus Hannover, den Trend. Vor allem eine schlechte Zahlungsmoral von Kunden bringe derzeit so manches Kleinunternehmen in Finanznöte. „Und es ist für Start-ups schwer zu verkraften, wenn die Lieferanten gleichzeitig bezahlt werden möchten.”

Laut Gepfner sind herkömmliche Banken prinzipiell zögerlich bei weiteren Finanzierungsrunden, wenn das Unternehmen nicht mindestens drei Jahre existiert. Wenn Start-ups nicht sofort abblitzen, müssten sie mit langwierigen Antragsprüfungen rechnen. Auch unabhängige Beobachter sehen daher eine Wachstumstendenz: Für Banken sei die Risikoprüfung aufwendig.

„Eine Verschiebung hin zu Mikrokrediten ist deshalb wahrscheinlich”, sagt Alexander Kritikos, Mikrokredit-Experte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Vor allem für Freiberufler, Dienstleister und Händler, die regelmäßig für die Auftragsvorfinanzierung und bei saisonalen Engpässen Unterstützung benötigen, sind Mikrokredite interessant.”

Rund 250.000 bis 500.000 Selbstständige kommen als Zielgruppe für das hierzulande noch recht unbekannte Angebot infrage, schätzt der Experte. Mikrokredite erhalten Kleinunternehmen derzeit bei zehn Vermittlern, die beim Deutschen Mikrofinanz-Institut (DMI) in Berlin registriert sind. Die Organisation fördert hierzulande den Aufbau des Mikrofinanzsektors. Beim ersten Mal werden Darlehen bis zu 10.000 Euro, bei Folgekrediten bis zu 20.000 Euro vergeben. Der Zinssatz liegt fix bei zehn Prozent.

Die Laufzeit für die Rückzahlung beträgt maximal zwei Jahre, eine Tilgung der Finanzspritze ist jederzeit ohne Zusatzkosten möglich. Die Akkreditierung beim DMI sorge für die Einhaltung dieser Standards. Das Geld der von den DMI-Partnern vermittelten Kredite stammt fast ausschließlich von der auf soziale und ethisch-ökologische Investments spezialisierten GLS Gemeinschaftsbank in Bochum.

„Die Mikrofinanzierung boomt derzeit”, hat Sprecher Christof Lützel beobachtet. Das Volumen der Mikrokredite aus seinem Haus sei seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um die Hälfte gestiegen. Ein Zusammenhang mit der Krise liege nahe, könne aber nicht bestätigt werden.

Erfahrungsgemäß handle es sich bei den Kleinkreditnehmern zu zwei Drittel um Existenzgründer, die aus der Arbeitslosigkeit heraus den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt haben. „Der Zugang zum Bankenkreditmarkt ist für sie in der Regel versperrt”, erläutert Oliver Förster vom DMI. Den Start schaffen Existenzgründer meist noch mit eigenen Ersparnissen oder der Unterstützung aus der Familie oder dem Freundeskreis. In der Wachstumsphase benötigen sie aber häufig zusätzliche, externe Mittel.

Eine Prüfung bei den Banken dauert lange. Bei Mikrofinanzierern seien Entscheidungen innerhalb von zwei Wochen üblich, sagt Gepfner. Ob es um eine Naturheilpraxis, einen Hausmeisterservice oder eine Werbeagentur geht - wichtig sei, dass eine langfristige Perspektive aufgezeigt werden kann.

Laut Kritikos liegt die Ausfallquote von Mikrokrediten im Schnitt bei drei bis vier Prozent und damit weit unter dem Niveau im herkömmlichen Bankkreditgeschäft. „Mikrofinanzierer zeichnet prinzipiell aus, dass sie anders als die meisten Banken nicht in Bilanzquartalen denken. Sie suchen daher bei Rückzahlungsproblemen geduldiger mit den Schuldnern nach Lösungen.”

Ohne staatliche Unterstützung würde das im Aufbau befindliche System aber noch nicht funktionieren. Ein Fonds der staatlichen Förderbank KfW, der GLS sowie zweier Bundesministerien sichert die Mikrofinanzierung ab. Seit 2005 wurden auf diese Weise mehr als 300 Kredite in Höhe von etwa 2,2 Millionen Euro vergeben.

Für die Kreditvergabe werden im Schnitt rund 300 Euro Beratungskosten fällig. Damit verdienen die Vermittler aber nichts. Sie leben von Anschlussfinanzierungen, Beratungsdienstleistungen oder Fortbildungsangeboten. Dort, wo die hauptsächlich regional aufgestellten Vermittler noch nicht tätig sind, gibt es laut Förster mitunter Kleinkreditprojekte auf kommunaler oder Landesebene.
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