Nichts überstürzen: Berufswechsel helfen Arbeitslosen nur selten

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Berufswechsel
Vom Verkäufer zum Busfahrer - mit diesem Berufswechsel hat Metin Tari den Schritt aus der Arbeitslosigkeit geschafft. Foto: dpa

Hamburg. Arbeitslosigkeit kann auch eine Chance sein. Denn jedes Ende ist bekanntlich ein Anfang. Und wer eigentlich immer schon etwas anderes machen wollte, kann nun durchstarten. Arbeitslose dürfen sich aber keine Illusionen machen: Von der Buchhändlerin zur Reiseleiterin oder vom Verkäufer zum Altenpfleger ist es kein leichter Weg.

Berufliches Neuland betreten heißt oft wieder klein anzufangen. Und die Jobsuche für Quereinsteiger ist nicht einfach.

Aussteiger-Sendungen im TV wie „Mein neues Leben XXL” sind eher ein schlechtes Vorbild: Denn meist ist die Arbeitslosigkeit nicht die Zeit zum Träumen. Kontraproduktiv sind auch Kurzschlussreaktionen nach einer Kündigung: „Aktionismus und Schüsse aus der Hüfte bringen einen nicht weiter”, sagt Andrea Schottelius, die als Coach in Hamburg arbeitet. Impulsive Entscheidungen führten in den seltensten Fällen zum Erfolg. Auch wenn sich Entlassene im ersten Moment vielleicht trotzig sagen mögen: „Der Job war eh das Letzte” - ebenso wie Panik ist auch verletzter Stolz kein guter Ratgeber.

Wer sich neu erfinden will, sollte sich auf Ursachenforschung begeben und klären, was ihn im alten Job gestört hat. „Sehr oft sind das nur sehr wenige Dinge”, hat Schottelius beobachtet. „Die meisten sind im Großen und Ganzen mit ihrer alten Tätigkeit zufrieden.” Der Reiz des Neuen kann sich dagegen schnell abnutzen. Und jeder Job hat seine Schattenseiten.

Arbeitslosen wird zwar gerade in Krisenzeiten oft geraten, bei der Stellensuche flexibel zu sein. Sie sollten ihren alten Beruf aber besser nicht gleich an den Nagel hängen, wenn sie auf Anhieb keine Stelle finden, rät die Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München. Es sei falsch, nach dem Motto „Könnte das nicht auch etwas für mich sein? Ich bin doch lernfähig!” sofort auf andere Berufe zu schielen, nur weil die ersten Bewerbungen nicht erfolgreich waren.

Aus der Not heraus bewirbt sich mancher dann für alle möglichen Jobs, auch wenn er nicht für sie geeignet ist. Das verbessert die Jobchancen aber nicht, im Gegenteil: Sie sinken. Leitner rät Bewerbern daher, sich von ersten Misserfolgen nicht beirren zu lassen. Stattdessen sollten sie ihrem Ziel treu bleiben.

Vor einer beruflichen Neuorientierung sollten Arbeitslose sich ein genaues Bild davon machen, was es bedeutet, in ihrem neuen Wunschberuf zu arbeiten. „Sehr oft ist es so, dass das, was man sich da erträumt, nur wenig mit dem Arbeitsalltag zu tun hat”, sagt Schottelius. Sie empfiehlt daher, sich mit anderen zu unterhalten, die in dem angestrebten Bereich tätig sind. Deren Erfahrungsberichte könnten einen realistischen Einblick vermitteln.

Klar muss einem auch sein, dass ein Berufswechsel häufig erst einmal einen Rückschritt bedeutet. Denn im neuen Metier müssen Wechsler sich womöglich noch einmal von ganz unten hocharbeiten. „Man ist dann ja wieder Berufsanfänger”, erläutert Schottelius. Das dürfte in der Regel auch weniger Gehalt bedeuten.

Je weiter der erlernte vom neuen Beruf inhaltlich entfernt ist, desto höher ist zudem das Risiko, „unterwertig” beschäftigt zu sein. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Ein Facharbeiter wird also beispielsweise wie ein Un- oder Angelernter behandelt.

Quereinsteiger müssen auch besser als andere begründen können, warum sie für den neuen Job geeignet sind. Persönliche Gründe wie „Weil ich mich verändern will” reichen dafür nicht - ein Arbeitgeber bietet schließlich keine Selbstfindungskurse an. Er will überzeugt werden, dass ein Bewerber den Job stemmen wird.

Das ist meist einfacher, wenn Berufswechsler auch im neuen Job ihre bisher erlernten Fähigkeiten einbringen können. Wer etwa früher eine Lehrtätigkeit ausgeübt hat, könne damit bei einer Bewerbung als Altenpfleger durchaus punkten, meint Schottelius. „Da geht es ja auch um Kommunikation und darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.”

Wer sich also richtig verkaufen kann, hat als Arbeitsloser auch in neuen Berufsfeldern Chancen. Und unter Umständen ist er nach einem Berufswechsel sogar im Vorteil: „Das kann ja auch ganz viel Energie freisetzen”, sagt Schottelius. Und womöglich ist es genau dieser Motivationsschub, der Bewerbern im Rennen um eine Stelle den entscheidenden Vorsprung verschafft.


Berufswechsel muss kein Makel im Lebenslauf sein

Wer den Beruf wechselt, ruiniert damit heute nicht mehr seinen Lebenslauf. Denn dass ein Berufsweg nicht geradlinig verläuft, sei nichts Ungewöhnliches mehr, sagt die Karriereberaterin Andrea Schottelius aus Hamburg. Auch seien Quereinsteiger in manchen Betrieben durchaus willkommen. „Der Chef findet das vielleicht sogar gut, wenn jemanden das Ganze mit anderen Augen sieht.”
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