Hamburg - Lücken in der Vorsorge: Altersarmut bedroht besonders Frauen

Lücken in der Vorsorge: Altersarmut bedroht besonders Frauen

Von: Felix Rehwald, dpa
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Rente Frau Altersvorsorge
Für das Alter richtig vorsorgen: Lohnt sich die Rürup-Rente? Foto: dpa

Hamburg. An eine sichere Rente glaubt kaum noch jemand. Doch wie schlimm es finanziell im Alter werden kann, machen sich viele gar nicht klar. Die Rente der Frauen ist beispielsweise nur halb so hoch wie die der Männer. Altersarmut in Deutschland - besonders Frauen sind betroffen.

Dass die Renten sicher sind, glaubt von den heutigen Beitragszahlern wohl kaum noch jemand. Der demografische Wandel sowie die Diskussion um Renteneinstiegsalter und -kürzungen lässt viele bezweifeln, dass sie ihren Ruhestand später allein mit den Zahlungen aus der gesetzlichen Alterssicherung bestreiten können. Doch nur wenige realisieren, wie heftig es sie einmal treffen könnte: Experten rechnen in den nächsten Jahren mit einer deutlichen Zunahme der Altersarmut. Vor allem Frauen dürften darunter leiden.

Schon heute betrifft Altersarmut in Deutschland „überwiegend Frauen”, hat die Gewerkschaft IG Metall kürzlich in einer Studie zur Situation der Alterssicherung von Frauen festgestellt. So war ihre Rente im Jahr 2007 mit durchschnittlich 468 Euro im Monat nur halb so hoch wie die der Männer. Als Grund werden die geringen Einkommen und Versicherungsjahre genannt: Frauen verdienen weniger als Männer und haben eine unregelmäßige Erwerbsbiografie, da sie öfter aufgrund von Schwangerschaft und Kinderbetreuung pausieren oder Teilzeit arbeiten.

Das wirkt sich auf die Rentenhöhe aus. Laut IG Metall ist die Alterssicherung der Frauen daher „im hohen Maße” vom Einkommen ihrer Männer abhängig. Häufig erreichten Frauen erst durch die Kombination ihrer eigenen sehr niedrigen Rente und einer Hinterbliebenenrente ein ausreichendes Einkommen.

Ein ähnlich düsteres Bild zeichnete vor kurzem eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), welche die Renten der Bevölkerung in Ostdeutschland untersucht hatte. Bei den jüngeren Jahrgängen dürften die Renten demnach dort unter das Niveau der Grundsicherung sinken. Als Ursachen nennt das DIW die hohe Langzeitarbeitslosigkeit und den Trend zu Minijobs in Ostdeutschland. Vor allem Frauen rutschten aus Vollzeitstellen in geringfügige Beschäftigung.

Problematisch für die neuen Bundesländer: Während verheiratete Frauen in Westdeutschland niedrige Renten oft durch höhere Renten ihrer Männer ausgleichen können, entfällt dieser Effekt laut DIW im Osten. Denn in Paarhaushalten komme hier zu einer Rente auf Grundsicherungsniveau oft nur eine zweite in ähnlicher Höhe dazu.

Für Barbara Riedmüller, Professorin für Sozialpolitik an der Freien Universität Berlin, ist indes nicht die schlechte Lage am Arbeitsmarkt ausschlaggebend. „Hauptgrund für Altersarmut bei Frauen ist die Familie”, betont die Rentenexpertin. Zehn Prozent der Frauen bekämen ihre Kinder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, hinzu kämen hohe Scheidungsraten.

Und selbst in der „klassischen” Familie sei Kinderbetreuung meist immer noch Frauensache. Das führe dazu, dass Frauen in Deutschland ihre Arbeitstätigkeit unterbrechen, sobald ein Kind da ist - gezwungenermaßen oder freiwillig. „Selbst Akademikerinnen wechseln auf Teilzeit, wenn sie Kinder kriegen”, sagt Riedmüller. „Das ist ein Werte- und Entscheidungskonflikt.”

Denn die Unterbrechung der Erwerbsbiografie sei „der Knackpunkt” in der Diskussion um Altersarmut: „Jede Unterbrechung führt beim Wiedereinstieg zu Gehaltseinbußen”, lautet Riedmüllers Erfahrung. Und somit zu Abschlägen beim Rentenbezug.

Hinzu komme, dass das Rentenniveau ohnehin deutlich abgesenkt wurde, sagt Achim Backendorf, Leiter der Abteilung Sozialpolitik beim Sozialverband VdK Deutschland. „Um eine Rente über Sozialhilfeniveau zu bekommen, muss man heute 28 Jahre gearbeitet und Beiträge in Höhe des Durchschnittsverdienstes gezahlt haben.”

Bei Alleinstehenden liegt die Sozialhilfe bei etwa 670 Euro. „Daran sieht man schon, welch lange Beitragszeiten man benötigt, wenn man deutlich geringer verdient hat.” Die Einführung der Rente ab 67 dürfte zudem dazu führen, dass künftig mehr Berufstätige vorzeitig in Rente gehen - und dafür Abschläge bei der Rentenhöhe in Kauf nehmen müssen.

Backendorfs Erfahrung ist, dass viele junge Leute diese Entwicklungen verdrängen. Entweder weil sie ganz damit beschäftigt sind, überhaupt erst mal einen Job zu bekommen. Oder weil sie resignieren und nicht mehr an ein funktionierendes Rentensystem glauben. Das hält er jedoch für falsch: „Wir leben in einem reichen Land. Es wird immer eine gesetzliche Rente geben. Die Alternative: Jeder sorgt nur privat für sich. Dies ist nicht der richtige Weg.” Und wer wisse heute schon, wie sich der Arbeitsmarkt in ein paar Jahren entwickelt?

„Die Risikovermeidung besteht darin, erwerbstätig zu bleiben”, ist Prof. Riedmüllers Schlussfolgerung, wie insbesondere Frauen spätere Altersarmut verhindern. Es gebe keine andere Lösung des Dilemmas. Das sollten Frauen bedenken, wenn sie über eine Auszeit vom Beruf zugunsten der Kinderbetreuung nachdenken. Sie denkt da auch an die gut qualifizierten Frauen, auch sie könnten im Alter von Armut bedroht sein.

Und auf einen weiteren Irrglauben macht Riedmüller aufmerksam: „Das Versorgungsmodell durch die Ehe hat keine Basis mehr.” Selbst wenn eine Frau glücklich verheiratet ist, sollte sie bedenken, dass das nicht ihre Alterssicherung darstellt. Denn mit einer Witwenrente - die nach derzeitiger Gesetzeslage etwa die Hälfte von der Rente, die der Mann bezogen hat, ausmacht - lande sie später oft nur unter Grundsicherungsniveau.

Aufgrund der Unwägbarkeit in Sachen Rentenbezug wäre es nur konsequent, sich eine zusätzliche Alterssicherung aufzubauen. „Für eine junge, qualifizierte Frau bringt es schon was, dass sie privat vorsorgt”, bestätigt Riedmüller.

Auch laut Achim Backendorf vom VdK kann es nicht schaden, Zusatzangebote der privaten Altersvorsorge zu prüfen. Auch wenn eine alleinerziehende, geringverdienende Frau wohl kaum größere Summen in eine private Altersvorsorge stecken kann. Auf dieses Dilemma weist auch Michael Wortberg, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, hin: Wer kein Geld hat, kann auch nichts für später ansparen.

Wer es versucht, für den kommen laut Achim Backendorf vor allem Riester-Angebote in Betracht. Wegen der staatlichen Zuschüsse seien sie für Geringverdiener und Familien besonders geeignet. Auch Michael Wortberg rät zu riestern. „Bei Riester ist doch gerade bei Geringverdienern die Förderung des Staates prozentual höher.”

Man sollte aber nicht den Fehler machen, ohne Beratung in eine zusätzliche Altersvorsorge zu investieren. Immer wieder habe die Verbraucherzentrale mit Fällen zu tun, bei denen sich Geringverdiener die falschen Produkte andrehen ließen. Was besonders ärgerlich ist, wenn das wenige Geld, das man übrig hat, auch noch falsch angelegt wird. Wortberg empfiehlt, es zunächst bei Riester-Anlagen zu belassen. „Wenn man später mehr Geld übrig hat, kann man ja immer noch zusätzlich was machen.”
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