Kreativ arbeiten ist keine Zauberei

Von: Tobias Schormann, dpa
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Kreativität
Verschiedene Sichtweisen kombinieren: Das ist die Idee der Sechs-Hüte-Übung. Foto: dpa

Mainz/München. Kreative Köpfe sind heute überall gefragt. Das gilt nicht nur in Designerbüros. Selbst in Amtsstuben sind Mitarbeiter gefordert, in unerwarteten Situationen zu improvisieren und kreativ zu werden. Fällt im Finanzamt zum Beispiel das Computersystem aus, gibt es schließlich keine Lösung nach Schema F. Dann sind auch unkonventionelle Ideen gefragt.

Um sie zu entwickeln, muss man nicht als genialer Ideengeber geboren sein. Denn kreatives Arbeiten ist keine Zauberei.

„Früher dachte man: Es gibt die Genies, und es gibt die anderen”, sagt Prof. Horst Geschka von der Gesellschaft für Kreativität in Mainz. Das sei heute aber überholt. Die Fähigkeit, bei Problemen querzudenken und sich neue und nützliche Lösungen einfallen zu lassen, sei vielmehr trainierbar.

„Jeder kann kreativ sein”, meint auch die Psychologin Jennifer Gunkel von der Technischen Universität München. Ob jemand im Beruf vor Ideen sprüht oder nicht, sei nicht nur eine Charakterfrage. Es hänge vielmehr von den Arbeitsbedingungen ab. Denn damit sich die Kreativität entfalten kann, müssten Arbeitnehmer genug Freiräume haben, erläutert Gunkel, die zum Thema Kreativität forscht. Eine fehlende Kreativkultur in Unternehmen hemme Geistesblitze und innovative Gedanken. „Ich muss das Gefühl haben, dass neue Ideen willkommen sind.” Auch sei es wichtig, dass im Team oder der Abteilung ein offener Umgang herrscht: „Es muss klar sein, dass ich etwas äußern darf, ohne dass meine Idee gleich runtergemacht wird.”

Das ist längst nicht in allen Betrieben so, wie eine Umfrage der Firma Iqudo in Stuttgart unter 534 Männern und Frauen ergeben hat. Jeder Siebte davon (14,5 Prozent) sagt, dass es von ihm nicht gefordert wird, bei der Arbeit kreativ zu werden. Auch ein passendes Umfeld fehlt offensichtlich häufig: Nur 6,4 Prozent bekommen gute Ideen bei der Arbeit. Die meisten (47,9 Prozent) haben Geistesblitze eher beim Erholen, also etwa auf der Couch oder in der Badewanne. Und knapp jeder Vierte (24,1 Prozent) hat beim Sport die besten Einfälle.

„Das ist ein typisches Phänomen”, sagt Prof. Geschka. „Wir quälen uns am Schreibtisch, und uns fällt nichts ein. Und dann, wenn wir am Wochenende joggen oder grillen, kommt uns die zündende Idee.” Manchmal könne es daher helfen, bei Denkblockaden die Umgebung zu wechseln: Eventuell bringe es einen schon auf andere Gedanken, sich einen Kaffee in der Betriebsküche zu holen.

Der Chef müsse Mitarbeitern außerdem gestatten, selbstständig zu arbeiten, sagt Gunkel. Eigenverantwortung fördere die Kreativität. Dazu gehört, Entscheidungen treffen und Prozesse mitgestalten zu dürfen. Beim Arbeiten nach der Fließbandmethode, bei der jeder nur vorgegebene Handgriffe ausführt, sei nur wenig Kreativität möglich.

Auch Zeitdruck ist laut Gunkel ein Kreativitätskiller: Wer ständig mit Blick auf die Uhr arbeitet, könne nicht offen für alternative Ideen sein. Fehlende zeitliche Vorgaben hemmten innovatives Denken im Job aber ebenfalls. Denn bei einer Aufgabe mit offenem Ende fangen Mitarbeiter womöglich gar nicht erst an, neue Lösungswege zu suchen - es hat ja noch Zeit. Am besten wirke sich ein Mittelweg bei der Zeitplanung auf die Kreativität der Mitarbeiter aus, sagt Gunkel. Das bedeutet: Für das Erledigen von Aufgaben sollte es zeitliche Grenzen geben, aber keinen extremen Termindruck.

Übungen fürs kreative Arbeiten

Die Sechs-Hüte-Übung:
Diese Technik hat der Mediziner Edward de Bono entwickelt. Die Teilnehmer nehmen jeweils eine bestimmte Sichtweise ein: objektiv, subjektiv, positiv, negativ, kreativ und vermittelnd. Dann suchen sie gemeinsam nach Lösungen, indem sie reihum die Perspektiven wechseln und sich in Gedanken einen anderen „Hut” aufsetzen. Der Zweck der Übung: „Man durchbricht Denkmuster und verhindert, dass ein Team vorzeitig in eine Richtung rennt”, erläuterte die Wirtschaftspsychologin Annette Fredrich aus Bönningstedt bei Hamburg. Zugleich lässt sich so vermeiden, dass die Mitglieder eines Teams in ihren Rollen verharren und sich gegenseitig ausbremsen.

Die Ringtausch-Technik:
Sie wird auch „635-Methode” genannt und ist eine Abwandlung des klassischen Brainstormings: Sechs Mitarbeiter schreiben jeweils 3 Ideen in 5 Minuten auf. Dann entwickeln sie diese gemeinsam weiter. Dazu werden zunächst einige Schreibblätter in drei Spalten geteilt, erklärt Prof. Horst Geschka. Jeder Teilnehmer füllt nun die Spalten mit jeweils einer Idee. Danach werden die Blätter reihum an den jeweiligen Nachbarn gereicht. Er arbeitet die Ideen wiederum in fünf Minuten weiter aus. Dieser Vorgang wird fünfmal wiederholt.

Die Reizwort-Analyse:
Diese Technik soll dabei helfen, Denkblockaden zu lösen. Sie geht so: Wenn man nicht weiterkommt, denkt man einfach an etwas ganz anderes. Dazu wählen Beschäftigte ein Wort, das nichts mit ihrer Aufgabe zu tun hat. „Nehmen wir an, Sie sollen ein neues Handy entwickeln. Dann denken Sie an eine Vase”, sagt Geschka. „Als nächstes übertragen Sie die Eigenschaften der Vase auf ihre Aufgabe.” Das hat den Effekt, dass Mitarbeiter offener für neue Ideen werden und nicht nur in vorgefertigten Bahnen denken. So sei eine Vase oft durchsichtig. So sieht man sofort, wie viel Wasser sie enthält. Das lasse sich auf Handys übertragen: Ein neues Modell müsste dieser Überlegung nach auf einen Blick den Akkustand erkennen lassen.<

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