Jork/München - Fleiß zahlt sich nicht aus: Karrieremachen geht oft ganz anders

Fleiß zahlt sich nicht aus: Karrieremachen geht oft ganz anders

Von: Andreas Heimann, dpa
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Oben angekommen - Karriere machen fühlt sich gut an, ist aber oft mit Opfern verbunden. Foto: dpa

Jork/München. Beruflich vorwärtskommen möchte fast jeder. Viele setzen den Hebel dabei aber an der falschen Stelle an und ackern sich vergeblich ab. Das hat auch damit zu tun, dass so schwer zu durchschauen ist, wie Karrieremachen funktioniert.

„Viele haben ganz falsche Vorstellungen”, sagt der Coach Martin Wehrle aus Jork bei Hamburg. Die häufigsten Irrtümer im Überblick:

NICHT NUR DEN DIENSTWEG GEHEN: Wer Erfolg haben will, darf nicht auf den „Dienstweg” vertrauen, warnt Wehrle. Das fange schon bei der Bewerbung an. „Stellenausschreibungen sind oft eine Farce. In mindestens der Hälfte der Fälle ist die Entscheidung längst gefallen, wenn die Stellenanzeige veröffentlicht wird.” Bewerber machten sich dann große Hoffnungen und zweifelten an sich selbst, wenn sie eine Absage bekommen. Häufig werden Stellen aber intern vergeben. Wer aufsteigen möchte, muss das einkalkulieren.

BEFÖRDERUNGEN KOMMEN NICHT VON ALLEIN: Falsch ist auch die verbreitete Vorstellung, ein Mitarbeiter erwerbe ein Anrecht auf eine Beförderung, weil er schon lange Zeit im Unternehmen ist. „Oft klagen solche Menschen, sie wären eigentlich dran gewesen, aber wieder übergangen worden”, sagt Wehrle. Tatsächlich nimmt die Wahrscheinlichkeit aufzusteigen aber nicht mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit zu. „Wer in den ersten drei bis fünf Jahren nicht befördert wurde, wird es danach tendenziell eher auch nicht.”

ZWEITER BILDUNGSWEG IST KEIN KARRIERE-HEMMSCHUH: Dass der zweite Bildungsweg nur eine Karriere zweiter Klasse möglich macht, ist ein verbreitetes Klischee. In Wirklichkeit trifft das nach den Erfahrungen von Madeleine Leitner nicht zu: „Im Gegenteil, man zeigt, dass man belastbar und ehrgeizig ist”, sagt die Diplom-Psychologin, die in München als Coach arbeitet. Gute Perspektiven gebe es gerade für diejenigen, die schon früh neben dem Beruf das Abitur oder Studium nachholen. „Heute gibt es viele entsprechende Weiterbildungsangebote.” Martin Wehrle sieht das ähnlich: „Man hat schon vorher einen Beruf gehabt und die Energie besessen, abends noch zu lernen. Das zeigt großes Durchhaltevermögen.”

FRÜHER AUFSTEHEN BRINGT NICHTS: Fleiß ist nicht automatisch karrierefördernd: Es kommt darauf an, ob der Vorgesetzte auch merkt, wie viel jemand arbeitet. Merkt er das nicht, hilft aller Fleiß nicht weiter. Wer konzentriert arbeitet, schon um 16 Uhr fertig ist und regelmäßig pünktlich geht, fällt eher unangenehm auf. „Wer bleibt, bis es dunkel wird, gilt als Held der Arbeit”, sagt Madeleine Leitner. Kommt ein Mitarbeiter früh, geht aber auch früh, hat er die schlechteren Karten: „Die meisten Chefs fangen eher später an und bleiben länger”, sagt Martin Wehrle. „Mitarbeiter, die früh anfangen, sind abends oft nicht mehr da, wenn der Chef sie braucht.”

SICH ZUM EXPERTEN MACHEN: Gut fürs Vorankommen ist auf jeden Fall, wenn klar erkennbar ist, welche Kompetenzen ein Mitarbeiter hat. „Man soll sich keine Maske überstülpen und etwas vortäuschen, aber man soll sich profilieren”, empfiehlt Claudia Cornelsen, Expertin für Personality-PR in Hamburg. „Deshalb ist wichtig, sich frühzeitig bestimmte Themen unter den Nagel zu reißen.” Auch hier gilt: Entscheidend ist, dass andere davon erfahren. „Man kann zum Beispiel in der Betriebszeitung über sein Fachgebiet schreiben und an entsprechenden Kongressen teilnehmen.” Dann werden auch andere außerhalb der direkten Umgebung schnell auf einen aufmerksam.

BETRIEBSKLIMA NICHT ALS PSYCHO-KRAM ABTUN: Das Betriebsklima ist nicht nur eine psychologische Größe, wie viele meinen. „Auch Kunden oder Geschäftspartner bekommen das mit”, sagt Martin Wehrle. „Das merkt man oft, sobald man die Firma betritt, egal ob das eine Arztpraxis ist oder ein Fachgeschäft.” Nicht nur, weil Mitarbeiter bei gutem Betriebsklima motivierter sind, gibt es einen Zusammenhang zum Unternehmenserfolg: „Auch die Kunden werden dadurch beeinflusst”, sagt Wehrle. „Ein schlechtes Betriebsklima führt langfristig dazu, dass Firmen sich das Wasser selbst abgraben.”

NICHT ZU OFT DEN JOB WECHSELN: Regelmäßig die Stelle zu wechseln, gilt oft als Voraussetzung, um vorwärtszukommen. Das kann aber nach hinten losgehen: „Personalabteilungen sehen da genau hin”, sagt Cornelsen. „Wenn ein Bewerber überall nur zwei Jahre geblieben ist, dann wissen sie, der ist hier in zwei Jahren auch wieder weg.” In solche Mitarbeiter investieren Arbeitgeber ungern. Hinzu kommt: Wer sich immer wieder auf neue Positionen bewirbt, landet leicht an der falschen Stelle - und ist dann überfordert oder gelangweilt.

BRANCHENKENNER HABEN NICHT IMMER HEIMVORTEIL: Branchenwechsel sind keine Voraussetzung fürs berufliche Weiterkommen. Es gibt aber deutliche Unterschiede, je nach angestrebter Position: „Im Marketing zum Beispiel ist das Fachwissen nicht branchenspezifisch”, sagt Leitner. „Da wünschen sich Unternehmen oft von neuen Kollegen, dass sie frischen Wind mitbringen und auch aus einer anderen Branche kommen.” In vielen Betrieben werden Branchenfremde aber mit Skepsis betrachtet: „Da heißt es dann, der versteht unser Geschäft nicht”, sagt Wehrle. Eine Ausnahme ist das gehobene Management: „Da ist der Manager Experte fürs Managen, nicht für Autos oder Eiscreme.”


Literatur: Martin Wehrle: Lexikon der Karriereirrtümer, Econ, ISBN 978-3-430-20059-2, 16,90 Euro.
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