Die Frage ist, wie viele: Geldanleger müssen Risiken in Kauf nehmen

Von: Thorsten Wiese, dpa
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Nur wer wagt, gewinnt auch - aber die richtige Dosis Risiko lässt sich ermitteln. Foto: Arno Burgi

Düsseldorf/Aachen. Die Finanzkrise macht Anlegern immer noch ein ungutes Gefühl. Viele haben herbe Verluste einstecken müssen. Sparer sollten aber wissen: Geld anlegen bedeutet immer, ein Risiko einzugehen - die Frage ist, wie groß es sein darf. Für die Befriedigung des persönlichen Sicherheitsbedürfnisses gibt es kein Patentrezept. Aber Wissen und sorgfältige Planung helfen dabei, vorzusorgen und dabei weiter gut zu schlafen.

Auf das schwer zu meisternde Zusammenspiel von Sicherheitsgefühl und Wagnisdruck bei der Geldanlage wies jüngst zum Beispiel eine Studie des Instituts für Vermögensaufbau (IVA) gemeinsam mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hin: „Mit Sicherheit zu wenig” überschreiben die Experten das Ergebnis der Auswertung. Und sie betonen, dass der „Risikonutzen” von Anlegern in der Regel zu wenig in Betracht gezogen werde. Der Aufbau einer Altersvorsorge zum Beispiel könne aber nur erreicht werden, wenn Risiken in Kauf genommen werden.

„Es ist eine diffuse Angst da, sein Kapital zu vernichten”, sagt DSW-Sprecher Marco Cabras in Düsseldorf. Den Grund sieht er darin, dass die Aktienkultur in Deutschland im internationalen Vergleich wenig ausgeprägt ist. Erst seit den 90er Jahren sei mit der Telekom-Aktie als „Volksaktie” und dem Aufkommen des Fondssparens die Börse ein Thema für die breite Masse geworden.

Daher gebe es bei den Anlegern keine Erfahrungen mit großen Krisen. „In anderen Ländern gibt es schon seit 200 Jahren eine Aktienkultur. Und somit haben die Anleger dort auch mehr Zeit dafür gehabt, sich an Marktextreme zu gewöhnen.” Diese habe es immer gegeben - und werde es immer geben.

Einer der Gründe für den Missstand ist nach Auffassung der Autoren der Studie, dass es kein verständliches „Risiko-Maß” gibt, an dem sich Sparer orientieren können. An den Produkten - von Fonds über Kapitallebensversicherungen bis zu Tagesgeld oder Zertifikaten - klebt kein Etikett, das Anlagehorizont und Eignung für die Altersvorsorge transparent macht. Deshalb kommt es zu vielen Fehleinschätzungen.

„Viele vernichten auf Dauer sogar einen Teil ihres Kapitals”, bilanzieren die Autoren. Nach Steuern und Inflation bleibe unter dem Strich oft eine negative Rendite. Denn die meisten ziehen ein niedriges Risiko den Ertragsmöglichkeiten von Aktien, Anleihen oder Fonds vor, heißt es. „Dabei sinkt das Risiko für das eigene Geld am Aktienmarkt immer mehr, je länger der Anlagehorizont ist”, sagt Cabras, „und sie erhalten mit der Dividende einen laufenden Risikoabschlag.” Er verweist auf die Grundregel, dass Anleger ihr Sparvermögen zu dem Prozentsatz in Aktien investiert haben sollten, der sich aus der Rechnung „100 minus Lebensalter” ergibt.

Dass die Deutschen kein sinnvolles Verhältnis zum Risiko bei der Geldanlage haben, ergab auch eine Befragung von TNS Infratest im vergangenen Jahr. Der Grund sei, dass sich Verbraucher zu wenig informieren: Vor der Finanzkrise habe sich gerade einmal jeder neunte selbstständig intensiv über Finanzangelegenheiten informiert - während der Krise haben nur sechs Prozent begonnen, ihr Finanzwissen zu stärken.

Doch nur Aufklärung und Information hilft beim richtigen Umgang mit dem Risiko, sagt Prof. Rüdiger von Nitzsch, Finanzexperte an der RWTH Aachen. Risiko müsse nicht abstrakt bleiben - es lasse sich eingrenzen. „Die Planungen der Vorsorge müssen sich auf den Zeitpunkt beziehen, zu dem das Geld verfügbar sein soll.

Und ich muss wissen, wie viel Geld ich im Ruhestand brauche.” Dann sollten Sparer prüfen, was ihnen Aktien oder Anleihen zum Beispiel über zehn Jahre bringen und wie ihr Anlageziel mit dem eigenen Haushaltsplan zusammenpasst - also mit dem, was sie sparen können.

Eine Beratung bei der Bank werde allein keine verlässlichen Ergebnisse bringen, sagt von Nitzsch. „Da bekommen Sie eine große Bandbreite an Vorschlägen heraus.” Das Studium von Fondstabellen und Kursen bleibt Anlegern also nicht erspart. „Schauen Sie sich die Entwicklung der unterschiedlichen Anlagen an und wählen Sie aus.” Genau das ist aber für viele ein Problem - sie verstehen zu wenig davon oder haben nicht die Zeit, sich in Börsenkurse zu vertiefen.

Mehr finanzielle Bildung ist notwendig, findet auch Cabras. Die DSW unterstütze zum Beispiel seit langem Überlegungen zu einem sogenannten Aktienführerschein. „Man fühlt sich in Deutschland zu wenig für sich selbst verantwortlich”, so sieht von Nitzsch das Problem der mangelnden Aktienkultur. Allerdings räumt er ein, dass es zum Geldanlegen erst einmal Geld braucht, das übrig ist. Wer so viel hat, dass er es in unterschiedliche Anlagen stecken kann, sollte so viel wie möglich streuen.

„Der Goldpreis und der Aktienmarkt zum Beispiel entwickeln sich unabhängig voneinander”, sagt Cabras. Wer also nicht alles auf ein Pferd setzt, wird auch nicht alles verlieren. „Es gibt unterschiedliche Risiken, jede Anlage hat ihr eigenes”, erläutert von Nitzsch. Bei Aktien sei unklar, ob der Markt das Papier in einem Jahr höher bewertet als heute. Bei Anleihen gibt es das Risiko, dass der Schuldner das Geld nicht zurückzahlen kann. Klassische Spareinlagen dagegen unterliegen der Inflation.

„Wenn Sie das Geld also jahrelang auf einem schlecht verzinsten Tagesgeldkonto liegen lassen, verliert es unter Umständen sogar an Wert”, warnt von Nitzsch. Die Kunst besteht darin, eine Balance zwischen den einzelnen Risiken herzustellen. Finanzwissenschaftler haben dafür das Sinnbild des „Magischen Dreiecks” entworfen: Anleger müssen sich entscheiden, wo sie zwischen den drei Eckpunkten Rendite, Liquidität und Sicherheit ihren Schwerpunkt setzen. Denn eine Anlage, die gleichzeitig eine hohe Rendite, kein Risiko und 100 Prozent Liquidität - also schnelle Verfügbarkeit - bietet, gibt es nicht.

Es bleibt ein schwer greifbares „psychologisches Moment”, sagt Cabras. Ein besserer gesetzlicher Rahmen und unabhängige Beratung, die sich jeder leisten kann, können mehr Sicherheit bringen. „Aber man hängt da allein in den Seilen. Bislang gibt es wenig, auch wenn die aktuellen Initiativen von Verbraucherschutzministerium und Bankenverbänden hoffen lassen”, meint von Nitzsch. Bis auf weiteres bleibe ein „diffuses Gefühl”. Das in eine klare Entscheidung zu überführen sei die Aufgabe, der sich jeder Anleger stellen müsse.

Literatur: Rüdiger von Nitzsch, Olaf Stotz: Risikobewusst investieren - Der Schlüssel zum kontrollierten Portfoliomanagement. FinanzBuch Verlag, ISBN 978-3-89879-217-2, 34,90 Euro.
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