Biallos Ratgeber: „Es bleibt eine schwierige Anlagesituation“

Von: Brigitte Watermann und Gisela Baur
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Aachen. Können Sparer bald höhere Zinsen einstreichen? Oder steht weiterhin Schmalkost auf dem Plan? Martin Hüfner, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Assénagon, im Interview.

Die Konjunktur in Euroland erholt sich, wenn auch von Land zu Land unterschiedlich schnell. Kommt jetzt bald das Ende des Zinstiefs für Sparer?

Hüfner: Für die USA ist die Zinsentwicklung etwas einfacher vorherzusagen, da hat die Notenbank ja bereits Zinserhöhungen angekündigt -; wenn auch nicht sofort, sondern fürs kommende Jahr. Und sie fährt ihre Anleihenkäufe am Kapitalmarkt bereits zurück. Gleichzeitig sind die fundamentalen wirtschaftlichen Daten so robust, dass man darauf vertrauen kann, dass die alte Regel greift: In der Erholung gehen die Zinsen nach oben.

Und in Europa?

Hüfner: In Europa sieht die Sache etwas schwieriger aus, das Bild ist unklarer: Auf der einen Seite haben wir auch einen Aufschwung, besonders stark in Deutschland, aber auch in den südeuropäischen Schuldnerländern. Andererseits ist die Notenbank immer noch geneigt, im Zweifel eine Deflation mit weiteren Lockerungsmaßnahmen bekämpfen zu müssen. Wenn wir wirklich eine Deflation bekämen, könnten wir japanische Zinsen bekommen. Dort liegen die Zinsen für zehnjährige Papiere nicht bei 1,5 Prozent wie in Europa, sondern bei 0,6 Prozent, in der Schweiz bei einem Prozent. Dann könnte es also noch weiter nach unten gehen.

Halten Sie eine Deflation für eine reale Gefahr für Euroland?

Hüfner: Natürlich kann man nie etwas ausschließen. Die rückläufige Teuerung, Fachleute sprechen in diesem Fall von Disinflation, das hat viele Experten schon überrascht. Unsere Situation hat aber nichts mit Japan zu tun. Bei uns ist die disinflationäre Preisentwicklung gewollt. Wir müssten eigentlich nur sagen, wir hören auf mit den Anpassungsmaßnahmen. Das wollen wir aber nicht. Und übrigens sind Griechen oder Spanier über die Preisentwicklung nicht unglücklich. Nachdem die Einkommen hier spürbar gesunken sind, bezahlen sie jetzt auch ein bisschen weniger für ihre Lebenshaltung.

Welche Rolle spielt die Schuldenkrise noch für die europäische Geldpolitik?

Hüfner: Es hat sich fundamental Deutliches getan, es hat sich wirklich etwas verbessert. Die Rezession ist überwunden, wir haben wirklich niedrigere Lohnstückkosten, in Griechenland sogar um 20 Prozent -; und damit gestiegene Wettbewerbsfähigkeit. Man darf allerdings bei den öffentlichen Defiziten gewisse Zweifel haben, ob hier wirklich große Fortschritte erzielt wurden. Auf der monetären Seite haben wir allerdings ganz ungewöhnliche Verhältnisse: Wir haben extrem hohe Liquidität. Früher oder später muss man die absaugen, damit es nicht zu einer inflationären Preisentwicklung kommt. Wenn die Volkswirtschaften sich erholen, führt hohe Liquidität dauerhaft einfach zu Inflation. Deshalb wäre mein Votum, dass die EZB frühzeitig beginnt gegenzusteuern.

Warum haben wir dann noch keine Inflation?

Hüfner: Zum einen wegen der in der Krise fehlenden Nachfrage, aber auch die niedrigen Öl- und Benzinpreise waren ein wichtiger Faktor. Wir haben sozusagen Glück gehabt. Bei den Benzinpreisen rechne ich nicht damit, dass sie schnell ansteigen. Anders sieht es bei der Nachfrage aus, sie sollte immer besser laufen. Und nach den Berechnungen der Deutschen Bundesbank liegen wir nur noch ein Prozent unter dem Niveau der Vollbeschäftigung.

Daher gehe ich davon aus, dass wir im nächsten Jahr höhere Preissteigerungen haben werden als in diesem Jahr -; aber noch nicht in der Höhe, dass man wirklich Angst haben muss. Ich rechne in diesem Jahr mit weniger als ein Prozent Inflation in Europa und im nächsten wie die Europäische Zentralbank mit etwa 1,5 Prozent, 2016 kann die Teuerung dann an die Zwei-Prozent-Marke rankommen. Das liegt auch daran, dass wir in den Schuldnerländern immer noch mit angezogener Handbremse fahren, denn sie haben die Anpassung noch nicht ganz durchgezogen. Ich halte weder die Deflationsangst für gerechtfertigt, noch die Inflationsangst.

Dann bleiben den Sparern die Minizinsen also noch eine Weile erhalten?

Hüfner: Die Niedrigzinsphase wird anhalten, auch wenn die Zinsen ganz allmählich steigen werden. In diesem Jahr vielleicht schon ein bisschen am Kapitalmarkt, so dass die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen von 1,5 auf etwas über die 2 Prozent steigen könnten. Der Sparer hat es also noch schwer in diesem Jahr. Es ist noch nicht so, dass er richtig Geld verdienen kann, es bleibt eine sehr schwierige Anlagesituation.

Geldanlage-Vergleich: Diese Zinsen gibt es derzeit bei Tagesgeld, Festgeld und Sparbriefen.

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