Berlin/Freiburg - Zwischen Kinderspiel und Kehrwoche: Kontakt unter Nachbarn erleichtert Zusammenleben

Zwischen Kinderspiel und Kehrwoche: Kontakt unter Nachbarn erleichtert Zusammenleben

Von: Anja Schäfers, ddp
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Berlin/Freiburg. Vor dem Haus stapeln sich mal wieder Umzugskisten. Mehrere Helfer tragen Möbelstücke durch das Treppenhaus. Eine junge Familie zieht aus, die nur ein Jahr in dem Mietshaus gewohnt hat. Ein weiteres Kind, ein neuer Job - die möglichen Gründe für ihren Wegzug sind vielfältig.

„Durch die zunehmende Mobilität unserer Gesellschaft sind viele Leute nicht mehr an Nachbarschaft interessiert”, sagt Elisabeth Bonneau, Kommunikationstrainerin in Freiburg. Dabei gäbe es viele gute Gründe, die Anonymität zu durchbrechen.

Wenn viele Menschen auf mehr oder minder engem Raum zusammenleben, ergeben sich daraus gemeinsame Anliegen und auch Reibungspunkte. Dann profitiert man zum Beispiel davon, dass ein Nachbar den Stromableser in den Keller begleitet oder ärgert sich über die laute Musik aus der Wohnung über einem. Solche Themen lassen sich einfacher besprechen, wenn man sich zumindest oberflächlich kennt. „Wenn ich meinen Nachbarn nicht grüße, kann ich nicht erwarten, dass er mir ein Ei leiht oder Verständnis für mein lautes Hobby hat”, sagt Bonneau.

Insofern sei es empfehlenswert, sich seinen Nachbarn beim Einzug kurz vorzustellen. „Auch in einem großen Wohnblock mit vielen Apartments sollte man zumindest bei seinen direkten Nachbarn klingeln - also oben und unten, rechts und links”, sagt Bonneau. Wenn man jemanden mehrfach nicht angetroffen habe, könne man ihm auch ein kleines Briefchen hinterlassen. „Solche Höflichkeitsrituale geben allen Beteiligten ein sicheres Gefühl”, berichtet die Kommunikationstrainerin.

Niemand brauche sich davor zu fürchten, dass ihn ein solcher „Antrittsbesuch” zu Weiterem verpflichte. „Denn schließlich kann jeder selbst bestimmen, wie viel er von sich preisgibt oder wie sehr er sich auf andere einlässt”, sagt Bonneau. Sie empfiehlt ohnehin, in kleinen Schritten vorzugehen: „Man sollte nicht gleich das ganze Haus zu einer Einweihungsparty einladen, sondern lieber erst mit einzelnen Nachbarn im Treppenhaus sprechen.” Dabei ergebe es sich meist von ganz allein, ob man selbst oder der Nachbar näheren Kontakt wünschte.

In einer ungezwungenen Unterhaltung könne man sich auch nach unklaren Punkten in der Hausordnung erkundigen oder für eigene Interessen werben. Vielleicht braucht man zu gewissen Zeiten Ruhe, weil man ausschlafen will oder konzentriert arbeiten muss. Auch wenn man ein Musikinstrument spielt oder ein lautes Hobby hat, sollte man dies ansprechen. „Je mehr Menschen voneinander wissen, desto toleranter sind sie meist”, sagt die Kommunikationstrainerin.

Zahlreiche Gerichtsakten zeugen davon, wie schnell Nachbarschaftsprobleme eskalieren können. Dann stört sich ein Mieter etwa daran, dass ein Kinderwagen ihm den Weg zum Postkasten versperrt. Nachdem er sich monatelang stillschweigend geärgert hatte, stellte er den Buggy eines Tages in den Keller. Die Angelegenheit weitete sich zu einem langjährigen Streit aus. „In solch einem Fall sollte man immer zuerst das direkte Gespräch suchen”, sagt Nadja Gilbert, Mediatorin und Supervisorin aus dem Berliner Bezirk Mitte, die auch in Nachbarschaftskonflikten vermittelt.

Damit die Aussprache nicht emotional oder aggressiv geführt wird, sollte man seinen Ärger nicht über einen längeren Zeitraum ansammeln. „Ganz wichtig ist auch, dass man dem anderen keine böswilligen Absichten unterstellt”, sagt Gilbert. In vielen Fällen wüssten die Betreffenden nämlich gar nicht, dass sie mit ihrem Verhalten andere Menschen stören. Mit einer solchen Grundeinstellung falle es einem auch leichter, auf Vorwürfe wie „Immer verstellen sie mir mit ihrer Karre den Weg zum Postkasten” zu verzichten und dem anderen in ruhigen Worten die eigene Situation zu erklären.

„Zudem ist es hilfreich, an jedes Problem differenziert heranzugehen und realistische Ziele zu verfolgen”, erläutert die Mediatorin. Schließlich habe jeder Nachbar seine eigenen Rechte und Bedürfnisse. In einem Mietshaus mit mehreren Parteien könne man zum Beispiel nicht erwarten, dass dort 24 Stunden am Tag Ruhe herrschen. Häufig ließen sich aber Kompromisse finden, mit denen alle Beteiligten leben können. Dann werden etwa bestimmte Zeiten vereinbart, in denen Kinder laut spielen oder ein Hobbymusiker üben könne.

„Klärende Gespräche sind selten einfach und oft hilft es, wenn ein neutraler Dritter dabei ist”, sagt Gilbert. In ihrer Beratungspraxis erlebt sie aber auch, dass Nachbarn ungewöhnlich kreative Lösungen finden. Eine ältere Dame zum Beispiel beschwerte sich über den Lärm, den die Nachbarskinder machten, wenn sie nach der Schule nach Hause kamen. In Gesprächen stellte sich heraus, dass sie einer Großmutter-Rolle nicht abgeneigt war. „Die Kinder gehen jetzt manchmal mittags direkt zu der Nachbarin und spielen mit ihr”, berichtet die Mediatorin.
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