Zurück zum Herd: Mit dem ersten Kind fallen Frauen in alte Rollen

Von: Carina Frey, dpa
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Mutter / Kind / Baby
Viele Mütter und Väter finden zwar, dass beide berufstätig sein sollten - für Frauen ist das erste Kind aber oft das Karriereende. Foto: dpa

Frankfurt/Main. Früher sorgten Frauen für den Haushalt, und ihre Männer brachten das Geld nach Hause. So einfach war das! Dann kamen Frauenbewegung und Bildungsexpansion - heute stellen Frauen die Hälfte aller Studierenden. Selbst einen Beruf auszuüben, ist für viele eine Selbstverständlichkeit. Die Männer im Haushalt einzuspannen, ebenso. Doch dann kommt plötzlich der Salto rückwärts.

Mit der Geburt des ersten Kindes fallen Frauen in ihre traditionelle Rolle im Heim und am Herd zurück - meistens für immer.

Das ist seltsam: Denn immerhin 62 Prozent der Mütter und Väter finden, dass beide Eltern berufstätig sein und sich die Kinderbetreuung teilen sollten, ergab eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2008. Die Realität sieht anders aus: Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem gleichen Jahr machen 76 Prozent der Mütter „alles” oder „das meiste” im Haushalt. Nur 22 Prozent teilen sich die Aufgaben mit dem Partner. Wo ist sie, die gleichberechtigte Aufteilung der Hausarbeit?

„Die Geburt des ersten Kindes ist die Zäsur”, sagt Kai-Olaf Maiwald vom Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt. „In der Regel kommt es dann zur Re-Traditionalisierung.” Die Frauen übernehmen Kinderbetreuung und Haushalt. Zu genau diesem Ergebnis kam eine Studie von Prof. Hans-Peter Blossfeld. Der Leiter des Staatsinstitutes für Familienforschung an der Universität Bamberg nahm die ersten 14 Ehejahre von westdeutschen Paaren unter die Lupe.

Er stellte fest: Je länger eine Ehe dauert, desto weniger beteiligen sich die Männer an der Hausarbeit. Und die Geburt des ersten Kindes „reduziert die Neigung einer weiteren Beteiligung der Männer an der Hausarbeit drastisch”, obwohl der Arbeitsaufwand insgesamt massiv zunimmt. Die Männer steigern sogar ihr berufliches Engagement, verbringen also mehr Zeit bei der Arbeit.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Sie ist Folge zahlreicher Entscheidungssituationen, glaubt Maiwald. Die erste stellt sich direkt nach der Geburt: Wer betreut das Baby? „Es wird von der Gesellschaft erwartet, dass sich erstmal die Mutter um das Kind kümmert”, erklärt der Sozialwissenschaftler. Mütter, die das nicht tun, stünden unter großem Rechtfertigungsdruck.

„Die Vorstellung der guten Mutter, die sich um ihr Kind kümmert, ist in Deutschland tief verankert”, sagt auch Barbara Keddi, Familienforscherin beim Deutschen Jugendinstitut in München. Das Wort „Rabenmutter” für berufstätige Mütter zeige das deutlich. „Den Begriff gibt es in anderen Ländern nicht.”

Auch Frauen, die eigentlich berufstätig sein wollen, können sich kaum von den Rollenerwartungen freimachen. Fangen sie wieder an zu arbeiten, hätten viele ein schlechtes Gewissen. Darüber hinaus ist es mit dem Job nach der Familienpause gar nicht so einfach. „Viele Frauen möchten viel früher wieder anfangen zu arbeiten”, sagt Keddi. Aber es fehlten flexible Betreuungsplätze für die Kinder. Und es gibt zu wenige Teilzeitstellen - vor allem für qualifizierte Frauen.

Das gilt für Männer noch stärker. „Bei Männern gibt es in der Mitte des Lebenslaufs so gut wie keine Teilzeitstellen”, erklärt Prof. Blossfeld. Und da Männer häufig mehr verdienen als Frauen, sprächen auch ökonomische Gründe für die traditionelle Aufteilung.

Kai-Olaf Maiwald glaubt, dass der höhere Verdienst der Väter zwar oft als Begründung genannt wird, tatsächlich aber nicht die zentrale Rolle spielt. Viel wichtiger sei, dass sich die Paare nicht darüber austauschen, wer welche Aufgaben übernimmt. Es fehlten „explizite Entscheidungen”. Zum Beispiel darüber, wann eine Frau wieder anfängt zu arbeiten. Und wie das Paar dann mit Familienarbeit umgeht. Hat sich die Mutter zwei Jahre lang um Haushalt und Kinder gekümmert, tut sie es eben auch weiterhin. „Es hat sich eingespielt und bleibt so”, sagt Blossfeld. Ein Gewöhnungseffekt tritt ein.

„Ich denke, dass bei vielen Vätern die Bereitschaft da wäre, beispielsweise ihr Kind aus der Kita abzuholen”, sagt Keddi. Tatsächlich machten es häufig aber doch die Mütter - aus Pragmatismus. „Es ist wahnsinnig mühsam und oft konfliktreich, immer wieder eine stärkere Beteiligung der Männer einzufordern.” Das sei ein Grund, warum Frauen nach drei Jahren Familienarbeit nicht auf den Tisch hauen und sagen: „Jetzt bist Du dran, ich geh arbeiten!”

Wer nicht in diese Falle tappen will, müsse sehr früh klare Absprachen treffen, rät Keddi. Wer steckt wann im Job zurück? Wie kann die Kinderbetreuung aussehen? Wer bleibt zu Hause, wenn der Nachwuchs krank wird? Das seien Fragen, die es zu klären gilt. „Im Alltag sieht es dann wahrscheinlich oft anders aus, aber man hat erstmal eine Basis geschaffen”, sagt sie. Und die müsse immer wieder neu verhandelt werden - auch wenn das anstrengend ist.


Bei gut gebildeten Paaren tut sich was

Gut gebildete Paare fallen seltener in die traditionelle Rollenaufteilung zurück. „Die streben eher nach einer gleichberechtigten Arbeitsteilung”, sagt der Familienforscher Prof. Hans-Peter Blossfeld. Früher habe man gedacht, dass sich mit steigender Bildung der Frauen die traditionelle Rollenverteilung auflöst. „Heute weiß man: Das passiert nicht automatisch. Das ist ein sehr träger Prozess. Man muss in Jahrzehnten denken.”

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