Wohnen in der „Eltern-WG”: Studenten sollten klare Regeln aufstellen

Von: Özlem Yilmazer, dpa
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Wohnen in der „Eltern-WG” - Studenten sollten Regeln aufstellen
Zoff und Diskussionen: Um das zu vermeiden, sollten Studenten für das Zusammenleben mit ihren Eltern Regeln absprechen. Foto: dpa

Berlin. Das Zusammenleben mit den Eltern während des Studiums kann zu einem richtigen Abenteuer werden. Dauerzoff, Einmischung oder Verhätschelung sind dabei nicht selten. Das kann das Leben unter einem Dach über kurz oder lang erschweren.

Ob freiwillig oder gezwungenermaßen zu Hause geblieben: Damit aus dem heimischen Nest eine möglichst erwachsene Wohngemeinschaft mit den Eltern wird, sind viel Diplomatie und ein guter Plan nötig. Nach Ansicht von Experten überwiegen aber die Nachteile, da der Auszug aus dem Elternhaus als wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit gilt.

Von den bundesweit mehr als zwei Millionen Studenten lebt nach der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) rund ein Fünftel bei den Eltern. Dabei würden acht von zehn Studenten am liebsten in einer Mietwohnung leben. 23 Prozent teilen sich die Wohnung mit Mama und Papa. „Das sind meist Studierende, die zu Hause einen Studienplatz gefunden haben, oder Studierende, die eher aus bildungsfernen Elternhäusern kommen und deren Eltern weniger Geld zur Verfügung haben”, sagt DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Eine zusätzliche Belastung seien die Studiengebühren in einigen Bundesländern.

Nach den Worten des DSW-Generalsekretärs hat sich die Zahl der Studenten, die bei ihren Eltern wohnen, in den vergangenen Jahren erhöht. Der finanzielle Zuschuss der Eltern sei hingegen gesunken. Lag der Elternanteil am Gesamteinkommen der Studis 2006 noch bei 53 Prozent, sank er 2009 auf 48 Prozent. Dass für viele Studenten Bequemlichkeit der Hauptgrund für das Wohnen bei den Eltern ist, lässt Meyer auf der Heyde nicht gelten: „Ich glaube nicht, dass in dem Alter Studierende unbedingt freiwillig zu Hause wohnen bleiben. Der Großteil würde gerne ausziehen, das scheitert natürlich an den ökonomischen Barrieren.”

Klar ist aber, dass ein gemeinsamer Schlachtplan mit den Eltern her muss, wenn der Student bei den Eltern wohnt. Denn mit dem Übergang von der Schule zur Uni verändert sich von den Essens- bis zu den Schlafzeiten viel - das muss beiden Seiten klar sein. „Ich spreche nicht mehr alles bis ins Detail mit meinen Eltern ab wie in der Schulzeit”, erzählt Kerstin Wolf aus München. „Ich mache mehr mein Ding als noch vor einem Jahr nach dem Abi.” Die 19-Jährige hat mehrere Gründe, warum sie bei den Eltern wohnt: „Ich wollte keine krasse Umstellung, sondern alles Schritt für Schritt im eigenen Tempo machen und nicht ins kalte Wasser geworfen werden.”

Die Studentin hat keine Geschwister, das Zusammenleben mit ihren Eltern klappe ganz gut. Neben dem Komfort-Faktor wie eine Spülmaschine zu haben, seien auch die hohen Mietpreise in München ausschlaggebend, noch zu Hause zu wohnen. „Es wäre schön, wenn man noch selbstständiger wäre, aber dafür ist mir im wahrsten Sinne des Wortes der Preis zu hoch.” Den Schritt in die vollständige Selbstständigkeit will Kerstin Wolf aber spätestens zum Master-Beginn gehen und am liebsten in eine WG ziehen.

Für Studenten, die Konflikte im Zusammenleben mit den Eltern erleben, bieten Hochschulen und Studentenwerke Hilfe an. Ein Beispiel ist die psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. „Meistens wird beklagt, dass sich die Eltern zu sehr einmischen”, sagt Hans-Werner Rückert, der Leiter der Beratungsstelle. Dabei gehe es etwa um die Lautstärke der Musik, das Nacht- und Liebesleben, die häuslichen Pflichten oder um unentwegt blockierte Telefonleitungen.

Damit Probleme nicht überraschend auftauchen, sollten Abmachungen getroffen werden. „Man muss sich darüber abstimmen, was sich jetzt ändert”, sagt Rückert. „Kann man mal eine Arbeitsgruppe in den Garten der Eltern einladen?” Fragen wie diese sollten früh geklärt werden. Die Studenten dürften dabei nicht außer Acht lassen, dass die Wohnung immer noch der Lebensmittelpunkt der Eltern sei. Spontan Leute mitzubringen, sei nicht so einfach: „Eltern legen da meist keinen großen Wert darauf, dass drei Fremde plötzlich mit am Abendtisch sitzen - was in der WG ganz anders sein kann.”

Die Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben sei der respektvolle Umgang und die gegenseitige Rücksichtnahme, sagt die Berliner Psychologin und Konfliktberaterin Birgit Weisswange-Lehmann. „In der Regel ist das Auskommen mit den Eltern auch ein gutes Kommunikationstraining.” Die Herausforderung für beide Seiten: „Kinder müssen sich wie Erwachsene verhalten und Eltern müssen akzeptieren, dass ihre Kinder erwachsen werden.”

Die Psychologin empfiehlt, die „Eltern-WG” als Zwischenstadium zu betrachten und möglichst schnell einen Job zu finden, um in eine Wohngemeinschaft oder in ein Studentenwohnheim zu ziehen. „Das Wohnen bei den Eltern nimmt den Jugendlichen die Pflichten ab, auf den eigenen Füßen zu stehen”, sagt Weisswange-Lehmann.
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