Wie viel Kavalier darf es heute noch sein?

Von: Florian Sanktjohanser, dpa
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In die Jacke zu helfen, gehört immer noch zum guten Ton. Allerdings sollten Männer Frauen vorher fragen. Foto: dpa

Hamburg/Berlin. Die Zeiten für Kavaliere waren schon einfacher: Damals, in der Ära vor Alice Schwarzer, als man den Fräulein noch selbstverständlich aus dem Wagen und in den Mantel half und sie es mit einem Lächeln quittierten.

Heute bekommt manch verhinderter Gentleman ein barsches „das kann ich selbst” entgegengezischt. Andere Frauen dagegen schmelzen dahin. Zurück bleiben verunsicherte Männer, die sich fragen: Wie viel Kavalier darf es nun sein?

So viel wie möglich, sagen Experten unisono. „Im Prinzip ist alles immer noch gern gesehen”, schildert Imme Vogelsang von Etikette Trainer International in Hamburg ihre Erfahrung. Schließlich zeige höfliches Verhalten nur, dass man Mitmenschen wertschätzt.

Gerade bei jungen Menschen stellt Vogelsang in ihren Seminaren eine Rückbesinnung auf traditionelle Formen der Höflichkeit fest. Die Teilnehmer seien begierig, gute Manieren zu lernen. Und Flirttrainerin Nina Deißler aus Hamburg erzählt, die Teilnehmerinnen ihrer Seminare schätzten „alles, was auf eine gute Kinderstube schließen lässt”.

Frauen mögen es also noch immer, umsorgt, verwöhnt und galant behandelt zu werden. Auch Frauen wie Lena Knappert, 27 Jahre alt, Doktorandin der Wirtschaftswissenschaften, selbstbewusst und selbstständig, ein Musterbeispiel der Emanzipation. Sie schätzt es, wenn ein Mann ihr die Tür aufhält oder Blumen schenkt, und sogar einen Handkuss zum Abschied verschmäht sie nicht. „Ich finde sämtliche höflichen Umgangsformen gut”, sagt sie, „bis zu dem Punkt, an dem ich mich bevormundet fühle.”

Damit ist sie nicht allein. Der Stiltrainer Jan Schaumann aus Berlin warnt Männer deshalb davor, einer Frau ohne Nachfrage den Mantel oder die Einkaufstasche abzunehmen. Zuvor sollten sie immer um Erlaubnis fragen.

An diesem Leitfaden können sich Männer auch im verminten Gelände des Bezahlens in Bar und Restaurant entlanghangeln. Frauen verdienen heute ihr eigenes Geld, nicht selten mehr als ihr Verehrer, und „wollen sich nicht kaufen oder mieten lassen”, sagt Deißler. Deshalb komme eine früher gängige Galanterie heute „bei 99 Prozent der Frauen gar nicht mehr gut an”: Einer Dame in der Bar ein Getränk bringen zu lassen. Die Geste übe Druck auf die Frau aus und mache den Mann dadurch unsympathisch.

Grundsätzlich sollten Männer sorgfältig abwägen, wann sie eine Frau auf einen Drink einladen. Als Einstieg beim Ansprechen komme das meist nicht so gut an, sagt Deißler - siehe Käuflichkeit. „Aus der Situation heraus, zum Beispiel nach dem Tanzen, finden es aber die meisten nett und großzügig.”

Zu zurückhaltend sollte der Mann aber auch nicht sein - besonders bei der vielleicht heikelsten Situation: Der Kellner tritt an den Tisch und fragt „getrennt oder zusammen”? Nun gelte es, beherzt „zusammen” zu sagen, rät Deißler. „Die Frau fragend anzugucken, ist das blödeste, was man machen kann.” Dann habe sie keine andere Wahl, als „getrennt” zu sagen. Und wenn das Date bis dahin nur mittelprächtig verlief, sei es spätestens in diesem Moment gescheitert.

Am elegantesten löst der Mann die klemmige Bezahlfrage, wenn er die Frau um ihr Einverständnis bittet: „Mach mir die Freude, ich würde Dich gern einladen.” Und als Krönung empfiehlt Deißler, „das nächste Mal darfst du” hinterherzuschieben. So zeige er ihr gleich, dass er sie wiedersehen will. Und sie fühlt sich auf Augenhöhe.

Grundsätzlich gelten heute die selben Höflichkeitsregeln für alle. „Emanzipation heißt nichts anderes, als dass sich beide in den Mantel helfen”, sagt Vogelsang. Besonders im Berufsleben sollten Männer darauf achten, Frauen nicht bevorzugt zu behandeln. Denn in manchen Unternehmen werde die Gleichstellung so strikt eingehalten, dass galantes Verhalten als diskriminierend ausgelegt werden könnte.

Aber auch im Privatleben gilt manchmal: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. So wirke es heute übertrieben, wenn der Mann um das Auto spurtet, um der Beifahrerin die Tür zu öffnen. „Bis dahin sind wir schon an der Restauranttür”, sagt Vogelsang. Diese Sitte sei ein Relikt aus der Zeit, als Frauen unbequeme Kleidung trugen und darin etwas hilflos waren. Beim Einsteigen zu helfen, werde dagegen weiter gern gesehen - besonders von jungen Frauen, die es nicht mehr gewohnt sind.

Der Grat zwischen charmant und albern ist oft schmal. Doch Schaumann rät, sich nicht entmutigen zu lassen. Im Zweifelsfall würde er eher riskieren, sich durch galantes Benehmen zum Affen zu machen. Denn in den meisten Fällen falle die Reaktion positiv aus.
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