Wenn Zahlen quälen: Uni-Beratungsstelle für Kinder mit Rechenstörungen

Von: Holger Spierig, epd
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Mathematik ist für viele Schüler ein Graus. Doch bei manchen steckt hinter der schlechten Schulnote eine echte Rechenstörung. Foto: ddp

Bielefeld. 3 mal 3 macht 6, und 26 plus 38 sind 514. Für Kinder mit Rechenstörungen haben Zahlen keine mengenmäßige Bedeutung, sie werden als Ziffern nur auswendig gelernt. Während Probleme mit der Rechtschreibung bei Schulkindern häufig als Legasthenie erkannt werden, leiden rechenschwache Schüler oftmals darunter, als faul und dumm zu gelten.

Universitäre Beratungsstellen versuchen der Störung auf den Grund zu gehen und Lösungen zu entwickeln. Die Beratungsstelle für Kinder mit Rechenstörungen an der Universität Bielefeld wurde am Montag als Ort des Tages im Land der Ideen ausgezeichnet.

Oftmals fühlen sich auch die Eltern überfordert: Die Kinder können nicht verstehen, welche Zahl größer und welche kleiner ist. Sie schreiben Ziffern seitenverkehrt und verwechseln Rechenarten. Ein Unterschied zwischen Multiplizieren und Dividieren wird oftmals gar nicht erkannt. Rechenschwache Kinder benötigen immer wieder Finger, Zehen oder Stifte als Zählhilfen.

Weil das Abzählen an Fingern bei hohen Zahlen zu lange dauern würde, kommt ein Schüler mit Rechenschwäche bei der Aufgabe 26 plus 38 auf 514. Zusammengezählt werden die Zehner-Zahlen 2 und 3, die dann 5 ergeben, und die hinteren Zahlen 6 plus 8 zu 14.

Diese beiden Zahlen zusammen ergeben dann für Kinder mit gestörtem Rechenverhalten 514. Dass das Ergebnis völlig außerhalb des zu erwartenden Größenbereichs liegt, falle den betroffenen Kindern nicht auf, weil sie mit den Ziffern und nicht mit den Zahlen rechneten, erläutert der Leiter der Bielefelder Beratungsstelle, Wilhelm Schipper.

Nicht jedes Kind, das Probleme mit den Zahlen hat, muss unter einer Störung leiden. Der Leiter der Bielefelder Beratungsstelle unterscheidet denn auch zwischen leichteren Rechenschwächen und schwereren Rechenstörungen. Eine Störung macht sich laut Schipper durch extreme Rechenprobleme bemerkbar und ist im Gegensatz zu einer Rechenschwäche oftmals dauerhaft.

Wenn zu der Störung auch starke seelische Belastungen kommen, werde das Problem in der Wissenschaft als Dyskalkulie bezeichnet, erläutert der Bielefelder Professor.

Schätzungen, dass rund fünf bis sechs Prozent aller Kinder Rechenstörungen aufweisen, halten Fachleute noch für sehr niedrig. Schipper geht von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Kinder mit einer Rechenschwäche unentdeckt bleiben. Anzeichen für eine Rechenschwäche oder -störung sind, wenn das Kind Aufgaben zählend oder nur mit Anschauungsmaterial rechnen kann.

Wenn sich die Aufgabenstellung ändert, weiß es oft nicht mehr, was es tun soll.

Eine Dyskalkulie kann vorliegen, wenn das Kind nach dem Unterricht über Bauch- oder Kopfschmerzen klagt. Das Kind hat zudem Probleme im Umgang mit Geld und mit der Zeit. Auch Verhaltensänderungen sind oftmals zu beobachten: Das Kind wird ängstlich und anhänglich oder aggressiv.

Neben der Erforschung von Ursachen erarbeitet die Bielefelder Beratungsstelle mit den Kindern Strategien zur Bewältigung der Rechenstörung. Regelmäßig im Wintersemester werden 16 Kinder für eine intensive Förderung ausgewählt. Mit den Förderungen gelingt es der Bielefelder Beratungsstelle, rund ein Viertel der Kinder wieder für das Rechnen in der Schule fit zu machen.

Entscheidend ist, das Rechnen in den Kopf zu bekommen, erklärt Schipper die Arbeit der Bielefelder Beratungsstelle. Deshalb sei in der Förderung der Rechenrahmen eines der wichtigsten Werkzeuge. Die Kinder sollen so Handlungen am Material lernen, die bereits die Struktur der angestrebten Kopfrechenstrategie enthalten.

Damit die Kinder sich die Handlungen nur noch im Kopf vorstellen, wird ihnen in einem weiteren Schritt durch ein Verbinden der Augen die Sicht auf den Rechenrahmen genommen. Sie werden aufgefordert, den fördernden Begleitern die Handlungen zu diktieren, die zur Lösung der Aufgabe führen. „Wenn es gelingt, das Rechnen in die Köpfe zu bekommen, haben wir und die Schüler gewonnen”, erklärt Schipper.

Beratungsstelle der Uni Bielefeld ist unter: 0521/106-2502 (mittwochs von 16 bis 18 Uhr) zu erreichen.
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