Halle/Berlin - Wenn Mamas und Papas bloggen

Wenn Mamas und Papas bloggen

Von: Lea Sibbel, dpa
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Bloggen Eltern
Für einige Eltern geht´s vom Wickeltisch direkt an den Computer. Foto: dpa

Halle/Berlin. Die Kunst des Windelwechselns oder lange wache Nächte - Mami- und Papiblogs nehmen sich den Alltäglichkeiten des Lebens mit Kindern an. Und genau das macht sie so erfolgreich. Denn Elternwerden ist für viele die größte Herausforderung in ihrem bisherigen Leben - da ist Austausch wichtig.

„Mütter vor 20 Jahren trafen sich auf dem Spielplatz, beim Abholen aus dem Kindergarten”, sagt Gerlinde Gailer, Familien- und Erziehungsberaterin aus Halle. Die Blogs seien eine Erweiterung dieser Treffen und des Austauschs.

Gerade in der Anfangszeit binden die Kinder ans Haus, erklärt Gailer. „Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, ist ein großes in dieser Zeit.” Das kann Tanya Neufeldt (41) aus Berlin unterschreiben. „Gerade als Mutter ist man am Anfang unglaublich viel alleine mit den kleinen Kindern”, erzählt sie. „Und man denkt sich: „Oh mein Gott, wo ist mein Leben hin?””

Tanya Neufeldt schreibt unter ihrem Pseudonym Lucie Marshall. Damit hat sie sich eine eigene Bloggeridentität geschaffen. Sich neu zu definieren, sich selbst als Mutter oder Vater wiederzufinden, sei eine wichtige Funktion der Blogs, erklärt Gailer. „Lucie hat viele Teile von mir, ist aber nicht eins zu eins Tanya Neufeldt”,sagt die Bloggerin. Für ihre Generation sei es normal, zu hinterfragen: „Wie möchte ich Eltern sein, wer nimmt welche Position ein, und welche Position nimmt der Beruf ein?”

Auch Cristian Kempe sagt: „Das Vatersein hat sich auf jeden Fall stark gewandelt.” Besonders in den Ansprüchen an den Vater. Heute seien Vätern stärker involviert in die Kinderbetreuung. Kempe, Vater von zwei jungen Mädchen, schreibt in seinem Blog „Papi redet mit” über sein Familienleben und seine Kindheitserinnerungen in Berlin.

Die Mami- und Papi-Blogs sind ein Zeichen für diese gesellschaftliche Veränderung. Statt in den Ratgeber-Büchern einzelner Autoren zu schmökern, lesen Eltern online, was andere in der gleichen Situation bewegt. „Blogs sind sehr offen für neue Impulse”, sagt Gailer. Sie seien stets am Trend der Zeit - auch, was Erziehungsthemen angeht. Mit dem Rechtsanspruch auf den Kita-Platz entbrannte in den Blogs zum Beispiel ein reger Austausch darüber, wie andere dieses Recht nun umsetzen.

Die Blogs vermitteln damit viel Handlungswissen, sagt Gailer. „Wenn ich in den Blog gehe, gucke ich: „Was mache ich, wenn mein Kind nicht schläft?”” Die Webseiten seien sehr lösungsorientiert - besonders die von Vätern. Damit scheint sich in den Blogs das Klischee zumindest teilweise zu bestätigen, dass Väter gerne Praktisches an die Hand geben, während Mütter sich - gerne gefühlvoller als ihre männlichen Gegenspieler - über Probleme austauschen. Christian Kempe sagt dazu: „Es gibt wenige gute Väterblogs, sie sind eher wie Ratschläge, nicht so persönlich wie Mütterblogs.”

Tanya Neufeldt will gar keine Ratschläge erteilen. „Ich gebe bewusst keine Tipps, sondern es sind Erfahrungswerte, weil auch Lucie vertut sich, so wie ich mich vertue.” Dem stimmt Kempe zu: „Ich möchte vermitteln, dass nicht immer alles perfekt sein muss” - und anderen Vätern dadurch Mut machen.

Mut machen, Bestätigung finden - für die Leser der Blogs sei das sehr wichtig, sagt Gailer. „Es geht ganz viel um Sicherheit”, sagt die Erziehungsberaterin. „Was ich denke und fühle wird von anderen Müttern und Vätern vielleicht auch so gesehen - das tut gut, dann kann ich ja nicht so falsch liegen.” Denn wo früher der alte Freundeskreis für die Bestätigung sorgte, ist jetzt die Community gefragt. Besonders dann, wenn die Freunde im realen Leben noch keine Kinder haben.

Bestätigung für die Leser, Mitteilungsbedürfnis bei den Bloggern und Austausch untereinander. Das sind die Hauptfunktionen der Mütter- und Väterblogs. Aber daneben gibt es noch andere. Für die Blogger kann es eine weitere Motivation sein, so erfolgreich zu werden, dass ihr Online-Projekt Geld abwirft. Bei Tanya Neufeldt ist genau das eingetreten. Aus dem anfänglichen Hobby ist bei ihr mehr geworden: „Lucie ist mein absoluter Fulltime Job”, sagt sie. Durch ihre Artikel ist zum Beispiel eine große Tageszeitung auf sie aufmerksam geworden - für sie schreibt Tanya nun eine Kolumne. Und auch ein Video-Projekt ist in der Mache.

In den USA ist das wirtschaftliche Denken hinter den Mami-Blogs schon weiter. „Die Amerikaner sind zehn Jahre vor uns”, schätzt Neufeldt. Heather Armstrong aus Salt Lake City, die auf Twitter schon über eineinhalb Millionen Follower hat, ist ein Beispiel dafür. Ihr Mami-Blog „Dooce” verschafft ihr mittlerweile ein sehr gutes Einkommen, auch Bücher hat sie schon veröffentlicht.

Die Amerikanerin hat in ihrem Blog wenig Hemmungen, über ihr Leben und den Menschen darin zu schreiben. Vielleicht hat sie das so erfolgreich gemacht - das war es aber auch, was ihr noch zu Beginn ihrer Blogging-Karriere die Kündigung ihres Jobs außerhalb der virtuellen Welt einbrachte - denn auf Dooce.com hatte sie über ihre Kollegen geschrieben.

Die Einblicke ins Leben anderer Menschen sind ein Grund, warum Leser sich den Blogs zuwenden. „Es befriedigt ein bisschen den Voyeurismus”, erklärt Gailer. Blogger Kempe sagt: „Es ist wie Tagebuch lesen von jemand anderem, das macht es so interessant.” Die Leser selbst können dabei ganz anonym bleiben.

Nicht alle Blogger sind aber so offen wie Heather Armstrong. Tanya Neufeldt verrät zum Beispiel nicht die richtigen Namen von Mann und Sohn, private Fotos postet sie nie.

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