Wegschauen verschärft das Problem: Wenn das eigene Kind zuschlägt

Von: Maria Hilt, ddp
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Marburg/München. Kaum eine junge Mutter kann sich vorstellen, dass aus ihrem süßen Baby einmal ein brutaler Schläger werden könnte. Und doch wächst so manch „kleiner Sonnenschein” zu einem gewalttätigen Jugendlichen heran, der andere bedroht, mit Schlägen und Tritten traktiert oder sogar mit Waffen angreift.

„Viele Eltern jugendlicher Gewalttäter sind entsetzt darüber, dass ihre Tochter oder ihr Sohn sich so verhält. Sie sind überzeugt davon, dass sie in der Erziehung alles richtig gemacht haben”, sagt Dieter Krowatschek, Autor mehrerer Bücher zum Thema Wut und Aggression bei Kindern. Tatsächlich seien nicht immer die Eltern schuld, wenn ein Jugendlicher gewalttätig werde.

Auch Jörg Breitweg, Referent für Gewaltprävention bei der Aktion Jugendschutz in München, betont, dass die Entstehung von Gewalt durch verschiedenste Faktoren begünstigt werde. „Gewalt in der Herkunftsfamilie ist zwar solch ein Faktor, genauso wie eine Familie, in der man nicht über Gefühle spricht und das Kind keine Freiräume hat”, sagt der Sozialpädagoge. Aber auch der Freundeskreis eines Teenagers, sein Umfeld sowie die Medien, mit denen er sich beschäftigt, haben einen Einfluss darauf, ob er eines Tages zuschlägt. „Zudem spielt die individuelle Veranlagung des Jugendlichen eine Rolle”, sagt der Sozialpädagoge und ehemalige Streetworker.

Grundsätzlich werde Gewalt immer dann angewendet, wenn andere Handlungsstrategien fehlten, erklärt Breitweg: „Die Gewalt scheint aus Sicht des Schlägers also sinnvoll.” Für Jugendliche sei Gewalt häufig ein attraktives Instrument, um ihren Selbstwert zu erhöhen. „Gerade in der Pubertät, in der die eigene Identität noch nicht richtig ausgebildet ist, nutzen Teenager Gewalt dazu, sich ihrer Position bewusstzuwerden”, sagt Breitweg. Die Aufmerksamkeit, die Gleichaltrige dem Schläger schenkten, tue ihr Übriges.

Der erste Gewaltausbruch eines Jugendlichen müsse als Alarmzeichen wahrgenommen werden. „Wenn Eltern diese Tat herunterspielen oder gar leugnen, lernt ihr Kind, dass es damit durchkommt”, warnt Breitweg. Die Familie müsse sich also ganz klar mit diesem Verhalten auseinandersetzen. „Der erste Schritt ist: den Nutzen verringern”, sagt Breitweg. Dem Jugendlichen müsse von allen Seiten massiv deutlich gemacht werden, dass sein Handeln abgelehnt wird, dass es falsch war.

Auch Konsequenzen seien in dieser Situation unerlässlich. „Hier geht es darum, dass der Jugendliche Verantwortung für seine Tat übernimmt”, betont Breitweg. Entstandene Schäden müsse er, so weit es geht, wiedergutmachen, beispielsweise im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs. Zudem müsse er auch schulische Disziplinarmaßnahmen und juristische Konsequenzen erleben. „So erkennt der Gewalttäter, dass das, was er tut, Folgen hat - und dass er durch Gewalt keinen Nutzen für sich erzielt”, sagt Breitweg.

Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, dem Teenager zu zeigen, dass man seine Tat zwar verurteilt, ihn als Person aber weiter schätzt. Denn erfahre der junge Täter nun auch noch Ablehnung, fühle er sich womöglich als unverstandenes Opfer, bekomme weitere Selbstwertprobleme und gerate noch tiefer in die Gewaltspirale. Jörg Breitweg ermuntert Eltern, den Blick auf die Stärken ihres Kindes zu lenken. „Wenn ein 16-Jähriger gewalttätig wird, hat er es doch immerhin 16 Jahre lang ohne Zuschlagen geschafft”, gibt er zu bedenken. Darauf könne man aufbauen und schauen, was er brauche, um seine Stärken wieder zu aktivieren. „Man kann immer etwas tun”, betont Breitweg.

Merke man, dass man innerhalb der Familie mit der Situation überfordert ist, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Eltern dürften auch das Gespräch mit der Polizei nicht scheuen. „Dort ist man in der Regel sehr daran interessiert, mit den Eltern jugendlicher Straftäter zusammenzuarbeiten”, sagt Jörg Breitweg. Erzieherische Unterstützung bekomme man eher beim Jugendamt, in einer Erziehungsberatungsstelle oder beim Kinder- und Jugendpsychologen.

„Es ist normal, dass Jugendliche das Bedürfnis haben, sich auseinanderzusetzen - auch körperlich”, sagt Dieter Krowatschek. Um diesen Drang in den Griff zu bekommen, sei es gut, wenn sich Teeanger richtig auspowern könnten - beispielsweise beim Sport. „Hier kann sich der Jugendliche physisch abreagieren”, erläutert der Schulpsychologe aus Marburg.

Auch Vereinsarbeit sei für Jugendliche oft ein Weg, aus ihrer Aggression herauszufinden. „Ein Jugendverein, die freiwillige Feuerwehr oder die Pfadfinder sind beispielsweise Gruppen, die für Ablenkung sorgen und die Aktivität des Jugendlichen in andere Bahnen lenken.” Zudem falle es Pubertierenden oft leichter, Regeln zu akzeptieren, die ihnen von fremden Erwachsenen vorgegeben würden.

Wichtig sei allerdings auch, dass Eltern und Erzieher schon bei Grundschulkindern genau hinsehen und aggressives Verhalten erkennen. „Hier kann man noch viel mehr Einfluss nehmen”, sagt Krowatschek. Schon im Kindergarten sollte man Kindern beibringen, wie man einen Streit schlichtet, fordert der Experte.

Auch Regeln für gelegentliche Rangeleien seien wichtig: „Die Kinder sollten verinnerlichen, dass sie bei einer Prügelei nicht auf Gesicht oder Geschlechtsteile des Gegners gehen dürfen und dass man aufhört, wenn der andere aufgibt”, sagt Krowatschek. Ein „Nein” müsse immer gelten.
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