Verwaiste Eltern: Trauer verwandelt sich mit der Zeit in Liebe

Von: Michaela Kaebe, ddp
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Eine Engelsfigur auf einem Grabstein, aufgenommen auf dem Nordfriedhof in München: Wenn ein Kind stirbt, bricht für die Eltern buchstäblich eine Welt zusammen. Foto: ddp

Leipzig/Tübingen. Wenn ein Kind stirbt, bricht für die Eltern buchstäblich eine Welt zusammen. „Es ist die größte Katastrophe, die Eltern passieren kann. Man kommt nie ganz darüber hinweg, man trägt eine gewisse Resttrauer bis ans Ende seiner Tage.” Petra Hohn weiß, wovon sie spricht.

1998 hat sie selbst ihren Sohn verloren. Die Bautechnikerin schulte zur Trauerbegleiterin um und ist seit 2006 Vorsitzende des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland (veid). Ihre Arbeit, sagt sie, hat vor allem ein Ziel: Den verwaisten Eltern helfen, wieder ein leb-bares Leben zu finden. Das aber dauert Jahre, so ihre Erfahrung.

Und wirkliche Hilfe finden die Betroffenen am besten beieinander: „Man fängt sich gegenseitig auf, man merkt, anderen geht es genauso, erkennt, dass das, was man empfindet, normal ist. Dieses Verständnis bekommt man im Alltag nicht.” Das Umfeld erwartet schnell, meist zu schnell von den Eltern, dass sie wieder funktionieren. Was oft dazu führt, dass die Eltern sich hinter einer Maske verstecken - und das, so die Expertin, ist gefährlich: „Trauer muss raus - nicht gelebte Trauer macht krank und böse.”

Dabei trauert jeder Mensch anders. Das zu akzeptieren, kann die Eltern vor zusätzliche Probleme stellen. „Es gibt weibliche und männliche Trauer”, sagt Hohn - wobei es auch Männer gibt, die weiblich trauern, und umgekehrt. Die weibliche Trauer äußert sich im Weinen, Schreien, im Bedürfnis, vom Kind zu sprechen, auch im Drang, sich Hilfe zu suchen. Die männliche Trauer ist schweigsam, der Trauernde stürzt sich in Arbeit oder flüchtet sich in eine Sucht oder eine neue Partnerschaft.

So schwer das für den jeweils anderen ist: Es gilt, die Trauer des Partners so, wie sie ist, zu akzeptieren. „Man muss sich sagen: Lass ihn schweigen, lass sie weinen und schreien. So kann man sich langsam annähern und gemeinsame Trauer-Rituale finden”, sagt Hohn. Eine Beziehung müsse am Tod eines Kindes nicht scheitern, oft gehe sie sogar gestärkt aus dieser Trauer hervor.

Geschwister sind in der akuten Trauerphase für die Eltern oft weniger Trost als Belastung - die Erwachsenen müssen trösten und stark sein, können es aber in der eigenen Trauer oft nicht. Kinder könnten das falsch verstehen und denken, die Liebe der Eltern gelte nur dem gestorbenen Geschwisterkind. „Die Kinder haben zum Teil ja durch die Krankheit des Geschwisterkindes schon sehr gelitten und bekommen nun neben der eigenen Trauer auch die Trauer der Eltern mit.

Es kann sogar vorkommen, dass die Kinder suizidal werden - nach dem Motto: Wenn ich auch nicht mehr lebe, dann haben meine Eltern mich genauso lieb. Auf diese Kinder muss man sehr aufpassen”, sagt Helga Maria Lauchart, Psychologische Psychotherapeutin aus Tübingen. Helfen kann auch den Kindern eine Selbsthilfegruppe oder ein Therapeut, der nicht unbedingt der Therapeut der Eltern sein sollte, sagt Lauchart: „Ihre Situation ist einfach eine andere.” Ergänzend könne aber auch eine Familientherapie sinnvoll sein.

Um den Tod eines Kindes überhaupt bewältigen zu können, muss man Abschied nehmen, erläutert die Therapeutin: „Daher ist ein plötzlicher Tod noch oft noch schwerer zu ertragen als der Tod eines kranken Kindes, so unfassbar schwer auch das ist. Aber man kann sich vorbereiten, hat die Chance, sich zu verabschieden und das Kind beim Sterben zu begleiten.” Dasselbe Ziel verfolgen therapeutische Rituale, die die Trauerbewältigung unterstützen können. So helfe es vielen Eltern, dem verstorbenen Kind einen Brief zu schreiben, diesen dann nach einiger Zeit wieder zu lesen und sich selbst im Namen des Kindes zu antworten. „Da kommt nach meiner Erfahrung immer die Antwort: Es ist gut. Lass mich los. Lass mich gehen”, berichtet Lauchart. Und das können sich die Eltern dann auch erlauben. Freunde und Bekannte reagieren oft hilflos auf das unendliche Leid der Eltern.

Dabei können sie durchaus helfen - praktisch und emotional. „Einfach zuhören, da sein, durch Umarmungen auch körperliche Nähe vermitteln, Verständnis haben. Bitte nicht mit guten Ratschlägen kommen”, empfiehlt Trauerbegleiterin Petra Hohn. Und tatkräftige Hilfe anbieten, im Haushalt, bei Behördengängen oder der Betreuung der Geschwister. Seine eigene Hilflosigkeit, mit der Situation umzugehen, könne man dabei ruhig eingestehen - Ehrlichkeit schafft Vertrauen.

Außerdem sei es wichtig, das verstorbene Kind nicht zum Tabuthema zu machen: „Man sollte es in Gesprächen dabei sein lassen. Nicht verstummen, wenn sein Name fällt, aber dem Kind möglichst auch nicht mehr Platz einräumen als es hätte, würde es noch leben. Die Situation ist nicht normal, aber man sollte versuchen, mit den Eltern normal umzugehen”, rät Hohn. Allerdings warnt sie hilfsbereite Mitmenschen: „Wer seine Hilfe anbietet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er eine langfristige Verpflichtung eingeht. Trauernde Eltern sind kompromisslos und unkontrollierbar.

Heute glaubt man, dass alles wieder in Ordnung ist, und am nächsten Tag stürzen sie komplett ab. Und sie klagen oft, dass die Menschen, die Hilfe angeboten haben, dann auf einmal nicht mehr da sind, weil es ihnen zu viel wird.”

Ganz überwinden kann man den Tod eines Kindes nie, sagt Hohn: „Das Kind hat immer einen Platz im Herzen. Das ist ja auch gut so - es hat ja gelebt. Aber die Trauer verwandelt sich mit der Zeit in Liebe. Es tut nicht mehr so weh, an das Kind zu denken, es bleibt ein warmes Gefühl. Und eine Quelle der Kraft.”
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