Reden hilft: Wie Nachbarn Streit über Lärm beilegen

Von: dpa
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Reden hilft: Wie Nachbarn Streit über Lärm beilegen
Lautes Trampeln in der Wohnung kann die Nachbarn ärgern - Rücksicht nehmen erleichtert das Zusammenleben. Statt wie in diesem Bild nur mit dem Besenstiel an die Decke zu klopfen, ist es manchmal auch hilfreich, das Gespräch zu suchen. Foto: dpa

Berlin. Laute Musik, Kindergeschrei, Getrampel oder streitende Ehepaare: Nachbarn können ganz schön nerven. Ein klärendes Gespräch wirkt da oft Wunder. Wenn es gar nicht mehr geht, können Mieter auch die Polizei rufen oder die Miete mindern. Rund ein Drittel der Deutschen hat sich schon einmal mit den Nachbarn gestritten.

In mehr als der Hälfte dieser Fälle war Lärmbelästigung der Grund. Vor allem Akademiker zeigen sich in diesem Fall oft streitlustig. Nachbarn mit Hochschulabschluss zanken sich häufiger mit ihren Nachbarn als etwa Arbeiter. Das gilt insbesondere, wenn es um eine ausgelassene Party oder den zu lauten Fernseher geht, ergab eine repräsentative Umfrage des Portals Immowelt.

„Früher waren die Mieter eher bereit, sich zurückzunehmen.”

Ähnliche Erfahrungen hat auch der stellvertretende Vorsitzende des Hamburger Mietervereins gemacht: „Fast jede vierte Beratung hat Lärm zum Thema”, sagt Siegmund Chychla. Bei den meisten dieser Beschwerden geht es um die Nachbarn: Leute rennen mit Schuhen über Dielenböden oder schlagen mit den Türen. Der Grund ist für den Experten schnell gefunden: Durch die heutzutage gut isolierten Fenster und Türen dringt kaum noch Lärm von außen in die Wohnungen. „Die Geräusche im Haus werden lauter wahrgenommen”, erklärt er. Früher übertönten über Kopfsteinpflaster fahrende Autos den Lärm im Haus - heute nicht mehr.

Früher habe es zudem viele Familien mit mehreren Kindern gegeben. Um 6 Uhr morgens wurde aufgestanden und der Ofen angemacht. Die Kinder gingen zur Schule, die Frauen putzten. Um 22 Uhr waren alle müde und fielen ins Bett - überall im Mietshaus, sagt Chychla. Doch die Zeiten hätten sich geändert. Nun lebten viele ältere Menschen alleine. Und die hätten einen anderen Lebensrhythmus als ihre jungen, vielleicht arbeitslosen Nachbarn.

Arbeitslose oder Studenten beklagen so auch eher den Lärm, den der arbeitende Nachbar um 7 Uhr morgens beim Aufstehen macht. Der Nachbar, der nach der Arbeit erschöpft ins Bett fällt, beschwert sich wiederum über die Nachbarn, die später aufstehen und erst um 23.00 Uhr voll aufdrehen. Das hänge auch mit der Individualisierung der Gesellschaft zusammen. „Früher waren die Mieter eher bereit, sich zurückzunehmen und die Interessen der anderen zu berücksichtigen”, sagt Chychla.

Das gelte auch im Umgang mit Kinderlärm. Jeder habe früher Kinder gehabt und Kindergeburtstage gefeiert. Heute sei zum Beispiel in Hamburg jeder zweite Haushalt ein Ein-Personen-Haushalt. Auf der anderen Seite seien viele Kinder aber auch sich selbst überlassen und lärmten, sagt Chychla. Doch erst wenn das „sozialadäquate Maß” überschritten ist, kann man sich beschweren, erklärt Jörn-Peter Jürgens vom Interessenverband Mieterschutz in Hannover. Ein Nachbar muss das Toben vor dem Zubettgehen dulden. Auch wenn ein Kind mit seinem Bobbycar über den Laminatboden rollt, sei das in Ordnung. Erst wenn das Nachbarskind ständig gegen Wände und Heizkörper donnert, könne man etwas dagegen unternehmen.

Doch nicht nur die gut isolierten Fenster sind schuld daran, dass Mieter den Lärm des Nachbarn stärker wahrnehmen. Auch die Gewohnheiten bei der Möblierung der Wohnungen haben sich verändert. Früher hingen schwere Vorhänge an den Fenstern und dicke Teppiche waren verlegt. Heute haben viele Wohnungen keine Gardinen mehr. Überall stehen Glastische und Metallmöbel. „Es ist alles clean. Die Schallschutzfunktion der Möblierung ist nicht mehr da”, sagt Chychla. Das ganze Haus habe sich so in einen Resonanzkasten verwandelt. Wenn dann noch die Lautsprecher der Stereoanlage direkt auf dem Boden und an der Wand stehen, ist der Ärger mit dem Nachbarn programmiert. Leiser wird es, wenn man unter die Boxen eine Filzunterlage legt.

Dabei sollte das Zusammenleben mit den Nachbarn dank der Hausordnung eigentlich klappen. Von 22 Uhr bis 7 Uhr morgens gilt meist Nachtruhe. „Dann muss man sich so verhalten, dass man andere nicht stört”, sagt der Experte des Mietervereins. Gleiches gilt auch laut neuesten Mietverträgen zwischen 13 und 15 Uhr - dann ist Mittagszeit. Noch dazu gebe es Bestimmungen, nach denen Musik nach 20 Uhr nur auf Zimmerlautstärke gehört werden darf. Und auch außerhalb der Ruhezeiten sollte man die Stereoanlage nicht so aufdrehen, dass andere gestört werden. Denn sonst kann der Nachbar auch mal die Polizei alarmieren und zur Not eine Anzeige erstatten.

Zuvor sollte man aber immer das Gespräch mit dem lärmenden Nachbarn suchen, rät Jürgens. Wenn etwa die Party ausschweift, sollten die Nachbarn herübergehen und um Ruhe bitten. „Erst wenn das keine Wirkung zeigt, kann man auch mal zum Hörer greifen und die Polizei informieren.” Ähnliches gilt auch für den Partyveranstalter. Um Ärger vorzubeugen, sollte er im Treppenhaus einen Zettel aushängen, dort auf die Party hinweisen und sich für mögliche Störungen vorab entschuldigen. Jeder muss sich bewusst sein, dass es einen gewissen Lärmpegel gibt, wenn mehrere Leute beieinander sind und sich auf Zimmerlautstärke unterhalten - auch ohne Musik.

Wenn gar nichts mehr hilft, können Mieter auch den Vermieter einschalten. Das sollte man etwa tun, wenn ein Trinker nebenan ständig pöbelt. Wenn der Vermieter nicht reagiert, kann man sogar die Miete mindern, erklärt Chychla. Der Vermieter wiederum kann den pöbelnden Trinker abmahnen. Wenn das nicht funktioniert, kann der Vermieter im Extremfall die Wohnung räumen lassen. Doch man sollte sich immer im Klaren sein: „In Mehrfamilienhäusern wird man es nie vermeiden können, dass man von anderen etwas hört.”

Lärmprotokolle als Nachweis

Ist der Lärm des Nachbarn gar nicht mehr auszuhalten, können sich Mieter an den Vermieter wenden. Um dabei Erfolg zu haben, müssen sie aber auf einen Punkt besonders achten: „Ganz wichtig, um Ansprüche geltend machen zu können, ist das Erstellen eines Lärmprotokolls”, erklärt Jörn-Peter Jürgens vom Interessenverband Mieterschutz in Hannover. Mieter müssten darin genau aufschreiben, wann und in welchem Raum es zu welcher Art von Lärmstörung gekommen ist. „Zu sagen: Die sind immer laut, bringt gar nichts.”

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