Patchworkfamilien: Auch für Großeltern eine Herausforderung

Von: Ulrike Steinbach, dapd
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Köln/Zürich. Trennungen und neue Partnerschaften sind nicht nur für Eltern und Kinder eine Herausforderung. Auch Großeltern müssen in den sogenannten Patchworkfamilien ihren Platz finden. Zu den eigenen Enkeln kommen oft fremde Kinder dazu.

„Wohlwollen und ein respektvoller Umgang mit den neuen Familienmitgliedern sind besonders wichtig”, sagt Elisabeth Schlumpf, Autorin des Ratgebers „Enkel sind ein Geschenk”.

Es könne sein, dass Großeltern Vorbehalte gegen den neuen Partner ihres Sohnes oder ihrer Tochter und damit auch gegen neue Enkel hegen. „Dann sollten sie sich vergegenwärtigen, dass die Kinder nichts dafür können”, betont die Familientherapeutin aus Zürich. Oma und Opa sollten sich aber auch nicht überfordern. „Dass ihnen die neuen Enkel fremder sind als die eigenen, dürfen sie sich eingestehen”, sagt Schlumpf.

„Auch die Kinder spüren am Anfang, dass sie jetzt in einer Familie sind, zu der sie eigentlich nicht gehören”, betont die Diplom-Psychologin Katharina Grünewald aus Köln. Das solle man nicht überspielen. Kinder bemerkten, wenn man ihnen etwas vormache. „Durch die Trennung der Eltern sind sie meist besonders sensibilisiert und beziehen viele Verhaltensweisen auf sich selbst”, erläutert die Beraterin für Patchworkfamilien. „Wenn jemand sich anstrengen muss, um nett zu ihnen zu sein, denken sie oft, sie selbst hätten etwas falsch gemacht.”

Aus Konflikten heraushalten

Stattdessen sei es hilfreicher, offen mit der neuen Situation und den persönlichen Gefühlen umzugehen. „Man kann mit den Kindern Gespräche führen und die eigene Unsicherheit thematisieren”, schlägt Grünewald vor. Oder Großeltern machen das Angebot, dass man sich erst einmal in Ruhe kennenlernt. „Sie können vielleicht einen Besuch in der neuen Familie machen und Präsenz zeigen”, sagt Schlumpf.

Möglicherweise entsteht dadurch ein so gutes Verhältnis, dass die Großeltern ihre neuen Enkel unterstützen können. „Patchwork ist ein gewaltiges Beziehungsgeflecht mit vielen unterschiedlichen Gefühlen”, erläutert die Züricher Psychologin. „Großeltern können in schwierigen Situationen eine Stütze für die Enkel sein.” Wichtig sei dabei allerdings, dass Oma und Opa versuchen, sich aus Konflikten herauszuhalten und nicht für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Großeltern könnten ein Ruhepol sein, eine sichere Bastion, auf der Kinder so sein können wie sie sind, unterstreicht die Kölner Therapeutin Grünewald.

Großeltern und Enkel sitzen in einem Boot

„Die neuen Kinder sollten auf keinen Fall instrumentalisiert werden”, ergänzt Grünewald. Wenn Großeltern mit der neuen Situation selbst gut klarkommen, könnten sie den Enkeln etwas von ihrer Sicherheit abgeben. „Letztlich sitzen diese beide Generationen in einem Boot”, sagt Grünewald. „Beide Seiten sind unschuldig an der Trennung von Mama und Papa und müssen jetzt mit dem Leben in einer Patchworkfamilie klarkommen.”

Haben die Jüngsten bereits eine schwierige Trennungszeit der Eltern hinter sich, führe das oft zu besonderen Verhaltensweisen, sagt die Therapeutin, die in ihrer Kölner Praxis viele Patchworkfamilien betreut. „Sie können überangepasst sein oder benehmen sich vielleicht extrem daneben”, berichtet Grünewald. Das sollten die neuen Großeltern berücksichtigen und versuchen, den Kindern Sicherheit zu geben.

Neue Familienmitglieder als Bereicherung sehen

Es sei jedoch auch innere Arbeit, wenn man sich eingestehen müsse, dass man an einem Kind etwas zu kritisieren habe. „Es ist wichtig, die eigene Toleranz zu vergrößern und gelassen zu sein”, sagt Schlumpf. Man sollte bei sich selbst schauen, woher eventuelle Vorbehalte kommen und wie man sie überwinden kann. „Auch Großeltern können sich in einer Familienberatung Unterstützung holen”, schlägt die Psychologin vor.

Wichtig ist das Prinzip der Gleichbehandlung. „Der Buchautor Jesper Juul spricht heute zum Beispiel nicht mehr von Stiefenkeln, sondern verwendet eher den Begriff Bonusenkel”, sagt Grünewald. Es kommen neue Familienmitglieder dazu, die eine Bereicherung sein könnten, erläutert die Kölner Psychologin. Im Haus von Oma und Opa sollten dieselben Regeln für alle gelten, betont Buchautorin Schlumpf. „Man sollte die eigenen Enkel gegenüber den neuen nicht bevorzugen oder ihnen mehr erlauben”, sagt die Therapeutin aus Zürich. „Großeltern sollten versuchen, neugierig auf die neuen Familienmitglieder sein, dabei aber authentisch bleiben.” Denn dann könne zwischen Bonusgroßeltern und Bonusenkeln eine ganz besondere Beziehung entstehen.
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