Hamburg - Panini-Sticker als Belohnung: WM-Sammelfieber steigt

Panini-Sticker als Belohnung: WM-Sammelfieber steigt

Von: Christiane Gläser, dpa
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Alle zwei Jahre befällt Panini-Bilder-Fans die Sammelleidenschaft. Foto: dpa

Hamburg. Wenn der sechsjährige Noah im Haushalt hilft und fleißig seine Hausaufgaben macht, findet er manchmal auf seinem Frühstücksteller ein kleines Tütchen mit fünf Fußball-Stickern.

Noch mehr bekommt sein Freund Kaan: Nach einem fehlerfreien Diktat belohnt ihn seine Mutter sogar mit 25 Aufklebern. Für die beiden Erstklässler aus Hamburg ist das ein guter Grund, in der Schule besser aufzupassen. Sie wollen nämlich bis zum Beginn der Fußball- Weltmeisterschaft in Südafrika ihr WM-Sammelalbum von Panini komplett gefüllt haben.

640 Klebebildchen von Stadien, Fußballern, Nationalflaggen und Emblemen müssen sie dafür sammeln. Sie sind - wie Millionen Menschen auf der ganzen Welt - mit dem Panini-Virus infiziert. Alle zwei Jahre wieder befällt diese Sammelleidenschaft Erstklässler, Gymnasiasten, Studenten, Eltern und Rentner gleichermaßen - zu jeder Europa- und Weltmeisterschaft.

„Schon jetzt haben wir mehr als 120 Millionen Tütchen in Deutschland verkauft”, sagt Frank Zomerdijk, Geschäftsführer des Panini-Verlags. 2006, als Deutschland Gastgeber der Fußball-WM war, ist die Euphorie auch auf Panini übergeschwappt. „160 Millionen Tüten - das war gigantisch.”

Vor genau 30 Jahren hat das italienische Unternehmen das erste WM- Sammelheft veröffentlicht. Mittlerweile verkaufen sich die Bildchen weltweit - am erfolgreichsten in Brasilien, Mexiko, Italien und Deutschland. „Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind in diesem Jahr die Österreicher die größten Sammler - dabei sind die nicht mal für die WM qualifiziert.”

Ungefähr ein Drittel des deutschen Gesamtumsatzes in einem WM-Jahr macht der Verlag mit den Sammelheften. Mindestens rund 80 Euro müssen die Aufkleber-Jäger berappen, um 640 Aufkleber zu kaufen. „Ich weiß, das ist viel Geld, aber dafür hat man auch eine Menge Spaß - und zwar monatelang.” Da sich die Sticker aber auch oft doppeln, muss der Fan meist mehr Tütchen kaufen - oder eben tauschen.

Etwa 90 doppelte Karten liegen in Noahs gelber Tupperbox. In einer Stunde beginnt das Fußballtraining der G-Jugend. Bis dahin haben Noah und seine Freunde noch Zeit, um Klebebildchen zu tauschen. Die Eltern haben das Treffen organisiert und klare Regeln festgelegt: Die Kinder dürfen nur eins zu eins tauschen und die Sticker danach nicht zurückfordern. Daran halten sich Noah, Kaan und die anderen. Und so sitzen sie am Rande des Platzes und feilschen konzentriert miteinander: „Ich brauche noch die Nummern 134 und 190. Hast du die?” - „Den Pokal habe ich doppelt, den kannst du haben.”

Am Rande des Fußballfeldes steht auch Helmut Heide. Der 51-Jährige hat seinen Sohn Julian genau im Blick und gibt ihm immer wieder Tipps. Er hat als Kind selbst die Bilder gesammelt. „Aber ich habe nie ein Album voll bekommen. Meine Eltern haben mir kein Geld dafür gegeben.” Sein Sohn hat diese Sorgen nicht. Dank Papas Hilfe, der auch schon mal einen fehlenden Sticker beim Internetauktionshaus Ebay kauft, wird das Heft ganz sicher voll. „Man entwickelt schon einen bescheuerten Ehrgeiz und Vollständigkeitswahn”, gibt Helmut Heide zu und lacht.

Noahs Mutter, Silke Segler, sieht im Sammel-Fieber auch pädagogischen Nutzen: „Seit Noah die Bilder sammelt, kann er mit Zahlen besser umgehen und liest flüssiger”, sagt sie. Außerdem sei er selbstbewusster geworden. „Wenn er auf der Straße jemanden mit Panini-Stickern in der Hand sieht, spricht er ihn einfach an. Das hätte er früher nie gemacht.” Zudem hat Noah durch die Tauscherei neue Freundschaften geschlossen.

Doch die 34-Jährige sieht auch die andere Seite: „Es ist ein Gruppenzwang. Wer kein WM-Sammelheft hat, gehört nicht dazu und wird vielleicht sogar gehänselt. Das ist ein ganz großes Problem”, sagt sie, und andere Mütter nicken zustimmend. Die Lehrer von Noahs Grundschule haben deshalb das Tauschen während der Schulzeit verboten. Erst nach Unterrichtsschluss dürfen die Jungs ihre Sammelhefte aus den Schulranzen holen.

Eltern und Fußball-Fans, die sich den Trend nicht leisten wollen oder können, haben aber auch Alternativen zum Marktführer. So versteckt der Süßwarenhersteller Ferrero auch in diesem Jahr wieder in Schokoriegeln und anderen Produkten Aufkleber mit Bildern des deutschen Teams. Eine künstlerische Alternative kommt zudem aus der Schweiz: mit dem sogenannten „Tschutti-Heftli” können Fußball-Fans 445 gezeichnete Klebebildchen sammeln.
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