Nicht zurückblicken: Nach dem Sitzenbleiben zählt das neue Jahr

Von: Carina Frey, dpa
Letzte Aktualisierung:
Sitzenbleiben/Schule
Erstmal eine Katastrophe für Schüler und Eltern: Nach dem Sitzenbleiben sollte aber schnell das neue Schuljahr ins Auge gefasst werden. Foto: dpa

Düsseldorf. „Das hast du dir selbst eingebrockt! Du hättest es ja verhindern können, wenn du dich angestrengt hättest!” Mit solchen Sätzen machen Eltern Sitzenbleibern das Leben unnötig schwer. Statt über die Vergangenheit zu lamentieren, richten sie besser den Blick auf das neue Schuljahr und klären, was besser laufen kann.

Dazu gehört eine gründliche Analyse, warum das Kind die Klasse nicht geschafft hat.

Viele übten monatelang mit ihrem Kind, damit die Versetzung klappt, erzählt Stefan Drewes von der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Düsseldorf. „Bleibt der Schüler trotzdem sitzen, sind sie enttäuscht und ziehen sich zurück.” Doch gerade dann brauche das Kind Hilfe, damit die Klassenwiederholung ein Erfolg werden kann. Denn den Stoff noch einmal durchzunehmen, führt nicht zwangsläufig zu guten Noten - auch wenn viele Eltern und Schüler davon ausgehen.

Das hat auch die PISA-Studie gezeigt, wie der Pädagogik-Professor Klaus-Jürgen Tillmann aus Bielefeld erläutert, der an der Studie mitgeschrieben hat: In der Untersuchung hätten Wiederholer in der neunten Klasse deutlich schlechter in Lesen und Mathematik abgeschnitten als andere. Ähnliche Ergebnisse liefert eine Studie der Universität Kiel, bei der Leistungen von 360 Schülern in der neunten Klasse und ein Jahr später untersucht wurden. Die Wiederholer zeigten dabei schlechtere Noten in Mathe und Deutsch als ihre Mitschüler. Bei 38 Prozent von ihnen sei kein großer Lernzuwachs in Mathe festzustellen gewesen, oder sie hatten sich sogar verschlechtert.

Sitzenbleiben betrifft nicht wenige: Laut der Kultusministerkonferenz mussten rund 234.000 Schüler im Schuljahr 2006/2007 eine Klasse wiederholen - das waren 2,7 Prozent aller Schüler. Hat ein Schüler die Versetzung nicht geschafft, darf das zu Hause durchaus „ein Donnerwetter geben”, findet Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes in Bonn. Doch mit dem Beginn der Ferien müsse die schlechte Stimmung wieder vorbei sein. „Eltern müssen sich damit abfinden und dürfen nicht ständig ihre Enttäuschung kundtun”, ergänzt Stefan Drewes, der auch Vorsitzender der Sektion Schulspychologie beim Berufsverband Deutscher Psychologen ist.

Wichtig sei dann eine Analyse, woran die Versetzung scheiterte. „Die Eltern sollten mit den Lehrern ungeschminkt über die Gründe sprechen”, rät Kraus. In einem zweiten Gespräch sei es sinnvoll, auch den Schüler dazuzuholen und gemeinsam über die Probleme zu reden.

Einige Schüler sind grundsätzlich überfordert: „Manche sind auf dem Gymnasium einfach nicht richtig aufgehoben”, sagt Heidi Plän vom Schulpsychologischen Beratungszentrum Mainz. Viele Eltern glaubten aber, dass ihr Kind unbedingt auf ein Gymnasium muss. Hat der Schüler beispielsweise in den Fremdsprachen Probleme, färbe das häufig auf andere Schulfächer ab. „Dann ist es viel sinnvoller, über einen Schulwechsel zu sprechen.” Der muss nicht zwangsläufig zur Realschule führen, ergänzt Kraus. „Vielleicht ist der Schüler auf einem naturwissenschaftlich ausgerichteten Gymnasium besser aufgehoben.”

Andere Schüler schaffen die Versetzung nicht, weil sie in einem Fach über Jahre hinweg Wissenslücken aufgebaut haben. „Dann bringt die Wiederholung eines Schuljahres alleine nichts”, warnt Kraus. Diese Lücken müssten gezielt über Nachhilfe beseitigt werden. Wieder andere Schüler haben grundsätzlich falsche Lernstrategien. „Die wissen zum Beispiel nicht, wie sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten müssen.” Daran müsse gearbeitet werden, damit sich die Fehler nicht wiederholen. Und manche Jugendliche - gerade in der Pubertät - hätten schlicht anderes im Kopf als Schule. Für die könne die Wiederholung ein Signal sein, Verantwortung zu übernehmen.

„Wichtig ist, dass sich der Schüler vor dem neuen Schuljahr bewusst macht: Es ist so, als ob ich den Stoff zum ersten Mal durchnehme”, erläutert Kraus. Die Gefahr sei groß, dass sich Wiederholer zurücklehnen, weil sie glauben, schon alles zu kennen. Viele schafften mit dieser Haltung tatsächlich das Schuljahr, aber dann „gehen die mit dieser Gammeleinstellung in die nächste Klasse und bekommen richtige Probleme”, warnt Kraus.

Bei Wiederholern könnten Eltern durchaus hohe Ansprüche haben. Sich von einer Fünf auf eine Vier zu verbessern, sei zu wenig. „Es sollte schon eine Drei drin sein”, findet Kraus und rät Schülern zu guten Vorsätzen. Einer könnte sein, sich jeden Tag zehnmal aktiv am Unterricht zu beteiligen. „Darüber würde ich Strichliste führen.”

Von Gesprächen mit dem neuen Lehrer zu Beginn des Schuljahres rät Drewes eher ab. „Außer es gab besondere Gründe für das Sitzenbleiben, etwa eine lange Krankheit”, sagt er. Sonst bekomme der Schüler schon von Beginn an eine Sonderstellung. Dagegen könne es sinnvoll sein, nach acht Wochen Unterricht mit den Lehrern aus den Problemfächern zu sprechen. „Man kann den Lehrer zum Beispiel bitten, den Schüler öfter aufzurufen. Oft melden die sich erstmal nicht, um in der neuen Klasse nicht aufzufallen”, erläutert Plän.

Vorbereitung auf die neue Klasse

Beim Einstieg in die neue Klasse können Eltern helfen. „Fragen Sie das Kind: Wovor hat es Angst? Wie kann es sich vorstellen, auf die anderen zuzugehen?”, rät Hedi Plän, Schulpsychologin aus Mainz. Ihr Kollege Stefan Drewes aus Düsseldorf empfiehlt außerdem, mit dem Schüler darüber zu sprechen, wie er auf dumme Bemerkungen über das Sitzenbleiben reagieren kann. Eine Standardantwort könnte lauten: „Ich geh eben so gern in die Schule.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert