Frankfurt/Main - Machtkampf: Wie Ungleichgewicht in Beziehungen entsteht

Machtkampf: Wie Ungleichgewicht in Beziehungen entsteht

Von: Philipp Laage, dpa
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Wenn in einer Beziehung Streit aufkommt, liegt das häufig am Wunsch eines Partners zu einer neuen Rollenverteilung in einer Beziehung. Foto: dpa

Frankfurt/Main. Sie oder er „hat die Hosen in der Beziehung an”: Mit diesem Sprachbild wird häufig das Verhältnis zwischen zwei Partnern beschrieben. Der eine bestimmt, wie der Alltag strukturiert ist, wohin es in den Urlaub geht und wie die Freizeit gestaltet wird.

Sind beide mit dieser Rollenaufteilung zufrieden, gibt es kein Problem. Das passiert erst dann, wenn ein Partner sich mit der bisherigen Aufteilung in der Beziehung nicht mehr wohlfühlt. Der Auslöser für dieses Unbehagen sind meist große Veränderungen im Leben. Es kommt zu einem Machtkampf.

„Zum Beispiel kann es in einer jungen Familie funktionieren, wenn die Frau sich dem Mann, der das Geld verdient, anpasst”, sagt die Diplom-Psychologin Karin Krause aus Frankfurt am Main. „Sind die Kinder aus dem Haus, stellt die Frau fest: „Ich muss ihm gar nicht mehr folgen.” Es entstehe ein neues Selbstbewusstsein. Auch berufliche Veränderungen eines Partners führen zu Machtkämpfen: Bekommt etwa der Mann in einer neuen Position plötzlich viel Verantwortung, gibt er sich zu Hause vielleicht nicht mehr mit seiner defensiven Rolle zufrieden.

„Fordert ein Partner plötzlich mehr Gleichgewicht, bringt das die Harmonie durcheinander”, erklärt Krause. „Festgefahrene Gewohnheiten lassen wir aber nur ungerne los, weil das Unsicherheit mit sich bringt. Wenn man diese Unsicherheit aber nicht eingeht, bewegt sich nichts.” Und dann verliere die Beziehung ihre Lebendigkeit. „Gerade in den ganz harmonischen Beziehungen haben die Partner oft keinen Sex mehr. Die Beziehung ist sehr stabil, aber auch langweilig.”

Wird die Machtbalance der Partnerschaft durch äußere Einflüsse auf die Probe gestellt, ist ein Prozess der Neuordnung also wichtig und richtig. Die heutige Gesellschaft ist trotz zunehmender Emanzipation aber immer noch stark von traditionellen Geschlechtsstereotypen geprägt, erklärt Beziehungsforscher Prof. Hans-Werner Bierhoff von der Universität Bochum. Der Mann ist weiterhin häufig Ernährer und Beschützer. „Dieser Effekt hat sich in den vergangenen Jahren abgeschwächt, aber ist sicher nicht verschwunden.” Frauen verdienen oft immer noch weniger - und das verschafft dem Mann eine Machtposition.

Bierhoff möchte die klassische Rollenverteilung gar nicht verteufeln: „Traditionelle Beziehungen haben ja auch gut funktioniert. Es war ein Vorteil, dass die Rollen klar verteilt waren, das vereinfachte die Lage.” Heute orientieren sich beide Partner aber meist am Ideal der Gleichheit: Sie erwarten gleichen Einfluss und gegenseitige Fairness.

Machtkämpfe gibt es aber auch in Beziehungen, in denen beide gleichgestellt sind und es keine bedeutenden Einschnitte gibt, erläutert der Paarforscher Prof. Guy Bodenmann von der Universität Zürich. Er beschreibt die Dynamik so: „Zu Beginn einer Partnerschaft ist man verliebt, tolerant und großzügig gegenüber Einstellungen, Verhaltensweisen und den Bedürfnissen des anderen. Mit zunehmender Partnerschaftsdauer verliert sich diese Haltung, und man beginnt, den anderen manipulieren und ändern zu wollen.” Auch hier entsteht ein Machtkampf, der irgendwie ausgefochten werden muss.

„Interessanterweise gibt es selten einen wirklich unterlegenen Partner. Es wird vielmehr auf unterschiedliche Weise gekämpft”, sagt Bodenmann. Der eine setzt seine Bedürfnisse aggressiv-dominant durch, der andere wählt eher unauffällige Strategien: heimliche Sabotage der Handlungen des anderen oder diskrete Bloßstellungen. Es wird allerdings gefährlich, wenn ein Partner Bestrafungsmacht ausübt, etwa durch Drohungen und psychologischen Druck: „Diese Macht trägt zu einer Verhärtung der Standpunkte bei und macht eine Beziehung unangenehm”, sagt Hans-Werner Bierhoff. „Wenn das anfängt, ist das Glück oft schon vorbei.”

Wie gelingt es also, die Rollen neu zu verteilen? „Wichtig ist, dass sich beide ihrer Rolle und Strategien im Machtkampf bewusst werden und versuchen, daraus auszubrechen”, erläutert Bodenmann. Dazu brauche es konstruktive Gespräche und die Bereitschaft beider, sich fair und gleichermaßen für die Beziehung einzusetzen.

„Paare sollten aufschreiben, was ungleich ist und wo sich einer benachteiligt fühlt”, rät Bierhoff. Je konkreter das ist, umso besser können beide daran arbeiten. Es müsse aber beiden klar sein, dass viele Probleme nicht einfach zu lösen seien. „Beide müssen sich bewegen. Es geht darum, echte Lösungen anzustreben und keine symbolischen.”

Karin Krause empfiehlt, Gespräche in ruhigen Momenten zu führen. „Es bringt nichts, Ungleichgewichte anzusprechen, wenn die Situation gerade eskaliert ist und beide sehr emotional sind.” Sind sich beide Partner über die Probleme einig, geht es darum, Veränderungen in der Beziehung tatsächlich umzusetzen - was oft ein mühsamer Weg ist.

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