Machtkampf: Ordnungsfragen können Partnerschaft in Gefahr bringen

Von: Katja Fischer, dapd
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Manche Paare liefern sich regelmäßig handfeste Streitigkeiten über die Ordnung in der Wohnung, die sogar in Ehekrisen münden. Foto: dpa

Hamburg/Remseck. Eine offene Zahnpastatube im Bad, die Hose über der Stuhllehne oder auch nur ein paar Krümel auf dem Tisch können das Fass zum Überlaufen bringen. Manche Paare liefern sich regelmäßig handfeste Streitigkeiten über die Ordnung in der Wohnung, die sogar in Ehekrisen münden.

„Eigentlich muss es kein Problem sein, wenn Partner unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung und Unordnung haben. Schwierig wird es nur dann, wenn sie keinen gemeinsamen Nenner für das Zusammenleben finden”, sagt die Hamburger Paar- und Familientherapeutin Barbara Standke-Erdmann.

Umerziehungsversuche funktionieren nicht

Schon beim Kennenlernen bekommt man einen Eindruck davon, ob der andere ein ordentlicher Mensch ist oder ob er mit diesem Thema eher locker umgeht. Wenn die Vorstellungen der Partner in diesem Punkt extrem auseinandergehen, ist ein Zusammenleben schwierig.

„Die Hoffnung, den anderen im Laufe der Zeit umerziehen zu wollen, geht nicht auf. Man kann zwar einige Regeln und Kompromisse vereinbaren, ganz umkrempeln kann man einen Menschen aber nicht”, betont die Expertin. Die charakterlichen Grundstrukturen sind vorgegeben. „Besser, als den anderen umerziehen zu wollen, ist, klar zu sagen, was man möchte und was einen stört”, meint die Expertin.

Es hilft auch, sich klarzumachen, dass man sich den Partner - meist unbewusst - ausgesucht hat, weil er so ist, wie er ist. Dann kann man seine vermeintlich negativen Eigenschaften sogar lieben. „Ein Ordnungsfanatiker wählt gern sein Gegenstück, denn es verkörpert für ihn Freiheit und Unabhängigkeit, die er selbst nicht aufbringen kann.

Umgekehrt weiß der Chaot, dass er allein nicht weiterkommt, und schätzt die Strukturiertheit seines ordnungsliebenden Partners”, erklärt Roland Kachler, Psychotherapeut im baden-württembergischen Remseck. Wenn Partner den anderen so akzeptieren, wie er ist, spielt das Ordnungsthema nicht mehr so eine große Rolle.

Seiner Erfahrung nach steckt hinter übertriebener Ordnungsliebe oft ein starkes Bedürfnis nach Liebe und Sicherheit. Ordnungsmuffel signalisieren mit ihrem Verhalten, dass sie Freiräume brauchen. „Diese Bedürfnisse können sich die Partner auch auf anderen Wegen erfüllen.”

Getrennte Zimmer schaffen Freiräume

Trotzdem muss eine Lösung für den Alltag gesucht werden. Es kann hilfreich sei, in der Wohnung Bereiche zu schaffen, in denen jeder sein eigenes Ordnungskonzept umsetzt. Für die gemeinschaftlich genutzten Räume wie Wohnzimmer und Küche müssen aber Kompromisse gefunden werden.

Wird oft und heftig über Ordnungsfragen gestritten, kann das ein Indiz dafür sein, dass in der Partnerschaft etwas nicht stimmt. Wenn ein Partner dem anderen immer wieder seine Sachen hinterherräumen muss, hat er leicht das Gefühl, dass er ausgenutzt und wenig geschätzt wird. Das manifestiert sich dann auch in den Streitgesprächen. Da geht es nicht lange um die Zahnpastatube. Die Probleme liegen tiefer. „Du machst das extra, um mich zu ärgern”, tobt der Ordnungsfanatiker. „Du willst mich nur bevormunden. Nie bist du zufrieden”, bekommt er zurück.

„Oft steckt unbewusstes Machtgerangel dahinter”, weiß die Expertin. Da wird dem Partner unterstellt, dass er den anderen nicht mehr liebt, weil er nicht zu hundert Prozent das macht, was er will. Oder längst verdrängte Erinnerungen und Kränkungen aus der Kindheit sind die Ursache. Ein Mann mit einer überpeniblen Mutter projiziert seine Gefühle vielleicht unbewusst auf seine Frau und wirft ihr einen Putzfimmel vor, obwohl das gar nicht angebracht ist. Oder die Frau fühlt sich herabgesetzt, wenn der Mann nach der Arbeit alles fallen lässt und sich vor den Fernseher setzt. Dabei denkt der sich gar nichts Böses dabei.

Reden, bevor die Gefühle verschwinden

„Hier hilft nur reden. In schwierigen Fällen sollte sich das Paar professionelle Hilfe holen. Allein gelingt eine Lösung oft nicht, weil die Situation schon so zugespitzt ist, dass ein vernünftiges Gespräch kaum noch zustande kommt”, sagt Barbara Standke-Erdmann. „Wenn man zu lange wartet, steht die Liebe auf dem Spiel”, warnt Roland Kachler. Denn im alltäglichen Machtkampf um Zahnpastatuben oder Krümel gehen schnell die Gefühle zueinander verloren.

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