Freiburg/Hainburg - Kostbares Nabelschnurblut: Viele Hoffnungen sind Zukunftsmusik

Kostbares Nabelschnurblut: Viele Hoffnungen sind Zukunftsmusik

Von: Mascha Schacht, ddp
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Geburt Baby Nabelschnur
Ein gerade geborener Säugling mit frisch abgeschnittener Nabelschnur liegt im Kreissaal des Krankenhauses Bethanien in Iserlohn. Foto: ddp

Freiburg/Hainburg. Eltern würden nahezu alles tun, um ihre Kinder zu schützen. Gegen eine schwere Erkrankung wie beispielsweise Leukämie können sie allerdings nur wenig ausrichten. Um aber zumindest eine optimale Versorgung des Kindes sicherzustellen, sollte ein solcher Fall einmal eintreten, sind manche bereit einiges zu zahlen.

Für durchschnittlich 2000 Euro lassen sie Nabelschnurblut ihres Neugeborenen einlagern. Es ist zweifelsohne ein ganz besonderer Saft, doch was es tatsächlich kann und was lediglich Zukunftsmusik ist, wissen die wenigsten.

Nabelschnurblut ist das Restblut, das bei der Geburt in der durchtrennten Nabelschnur und in der Plazenta zurückbleibt. Die darin enthaltenen Stammzellen machten es für Medizin und Forschung so interessant, sagt Stefan Thoma, der im Auftrag der Nabelschnurblutbank Freiburg für die Aufarbeitung und Lagerung des kostbaren Guts zuständig ist.

„Es gibt verschiedene Arten von Stammzellen”, erläutert er. Aus embryonalen Stammzellen, die aus Embryonen in einem sehr frühen Entwicklungsstadium gewonnen werden, könne ein ganzer Organismus entstehen. Aus sogenannten adulten Stammzellen entwickeln sich hingegen nicht mehr alle, aber doch noch zahlreiche verschiedene Zelltypen. „Beispielsweise blutbildende Zellen, die somit zur Behandlung von Leukämie eingesetzt werden können.” Adulte Stammzellen findet man im Knochenmark, im Blut nach Gabe bestimmter Wachstumsfaktoren - und eben im Nabelschnurblut.

„Die im Nabelschnurblut enthaltenen Stammzellen haben eine Reihe von Vorteilen gegenüber den anderen Quellen: Sie werden besser von einem fremden Immunsystem akzeptiert und die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit Krankheitserregern belastet sind, ist äußerst gering”, erklärt der Biologe. Außerdem ist das Entnahmeverfahren unkompliziert, gefahrlos und schmerzfrei - von den normalen Geburtsschmerzen einmal abgesehen.

„Die Stammzellen aus Nabelschnurblut sind ein von der Bundesoberbehörde, dem Paul-Ehrlich-Institut, zugelassenes Fertigarzneimittel, welches sofort einsatzbereit ist. Innerhalb von zwei Tagen können sie an ein beliebiges Klinikum weltweit geschickt werden. Bei einer Knochenmarkspende hingegen dauert es oft zwei bis drei Monate, bis ein passender Spender gefunden worden ist - und dann kann es für den Patienten bereits zu spät sein.”

All diese Eigenschaften haben dazu geführt, dass heute zur Behandlung von Leukämie, also Blutkrebs, zunehmend Stammzellen aus Nabelschnurblut transplantiert werden. Auch bei einigen seltenen genetisch bedingten Immunkrankheiten wie dem Hurler-Syndrom oder der SCID-Krankheit kann eine Stammzelltherapie helfen. „Das sind allerdings Einzelfälle, von einer Standardtherapie kann man nur im Zusammenhang mit Leukämie sprechen”, betont Thoma. „Das wissen aber viele Eltern nicht, die über eine Einlagerung von Nabelschnurblut nachdenken.”

Genauso wenig bekannt sei oft die Tatsache, dass bevorzugt Stammzellen fremder Spender transplantiert werden: „Denn eigene Stammzellen sind oft schon mit dem Defekt belastet, der zu einer Erkrankung geführt hat. Eben deshalb ist die sogenannte öffentliche Spende von Nabelschnurblut ja so sinnvoll: Über eine Datenbank können Therapeuten weltweit die jeweils vielversprechendste Probe heraussuchen.” Eine öffentliche Spende ist kostenlos.

Damit das Blut in eine Nabelschnurblutbank aufgenommen und dort tiefgekühlt bei minus 196 Grad Celsius gelagert werden kann, muss es allerdings strenge Mindestvoraussetzungen erfüllen, etwa einen bestimmten Gehalt an Stammzellen enthalten: „Denn die Menge der transplantierten Stammzellen steigt mit dem Körpergewicht des Patienten.” Weniger als die Hälfte aller Proben erfüllen diese Kriterien.

Private Anbieter, bei denen Eltern das Nabelschnurblut einzig und allein für das eigene Kind oder nahe Verwandte aufbewahren, sind an derartige Auflagen nicht gebunden. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum sich etwa in der Praxis der Frauenärztin Inge Reckel-Botzem aus Hainburg nahe Frankfurt zwei Drittel der Frauen, die über eine Einlagerung nachdenken, für eine private Einlagerung entscheiden und nur ein Drittel für eine öffentliche Spende.

Die stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte in Hessen weiß um die Problematik der mangelnden Aufklärung. Allerdings sprechen weder der Landes- noch der Bundesverband eine einhellige Empfehlung zum Umgang mit dem Thema aus, sondern lassen dies jeden Arzt individuell handhaben.

„Ich persönlich beispielsweise spreche niemanden aktiv auf die Möglichkeit zur Nabelschnurbluteinlagerung an, habe im Wartezimmer aber entsprechendes Infomaterial ausliegen. Wenn dann eine Mutter auf mich zukommt, rede ich natürlich ausführlich mit ihr über die verschiedenen Einsatzgebiete und die Möglichkeiten zur Einlagerung.” Das Vorwissen der meisten Patientinnen beschränkt sich dabei ihrer Erfahrung nach lediglich darauf, dass Nabelschnurblut etwas Besonderes ist und dem Kind später einmal helfen könnte.

Wer sich bei der Suche nach Informationen nur auf private Anbieter verlasse, erhalte in vielen Fällen ein Zerrbild der Wirklichkeit, meint Thoma: „Die deutsche Ärzteschaft hat sich weitgehend einheitlich gegen private Einlagerungen ausgesprochen. Ich bezweifle, dass Eltern von privaten Anbietern umfassend aufgeklärt werden.”

Die Versprechungen privater Anbieter seien oftmals verlockend: „Die Wunschvorstellung ist natürlich, dass man eines Tages nicht nur viele Krankheiten mit Stammzellen aus Nabelschnurblut heilen, sondern sogar Ersatzorgane züchten kann.” Davon jedoch sei die Forschung nach wie vor weit entfernt. „Dennoch ist die öffentliche Spende von Nabelschnurblut eine absolut sinnvolle Sache, denn ansonsten würde eine potenziell wertvolle Medizin einfach auf dem Müll landen.”

Werdende Eltern sollten ihre Entscheidung, Nabelschnurblut einlagern zu lassen, einige Wochen vor der Geburt anmelden, das gilt sowohl bei privaten Anbietern als auch bei den öffentlichen Nabelschnurblutbanken beziehungsweise den kooperierenden Geburtskliniken. Diese sorgen dann dafür, dass bei der Geburt ein Entnahmeset bereitsteht und die kostbare Fracht anschließend umgehend ins Verarbeitungszentrum geschickt, aufgearbeitet, untersucht und eingefroren wird.

Allerdings unterscheiden sich häufig die Schritte der Aufarbeitung, erklärt Stefan Thoma von der öffentlichen Freiburger Nabelschnurblutbank: „Wir trennen die Stammzellen von den anderen Blutbestandteilen, bevor wir sie einfrieren, was einige private Anbieter nicht machen - angeblich, weil sie keine Stammzelle durch den Herstellprozess verlieren wollen, aber natürlich können sie auf diese Weise auch die Kosten drücken.”

Die Trennung ist vor allem deshalb sinnvoll, weil beispielsweise die roten Blutkörperchen die Einfrier- und Auftauprozedur nicht überstehen und platzen können. Bestimmte weiße Blutkörperchen könnten gar zu einer Verklumpung der Stammzellen führen. „Auch die teure HLA-Typisierung, die für den Erfolg einer Transplantation bei einer Fremdspende enorm wichtig ist, wird nicht von allen privaten Anbietern schon vor dem Einlagern vorgenommen.”

Thoma empfiehlt daher allen, die sich an einen privaten Anbieter wenden möchten, bei scheinbar günstigen Angeboten misstrauisch zu werden: „Bei Preisen unter 2000 Euro sollte man sehr genau hinsehen, ob der Preis nicht zulasten der Qualität geht.” Positiv ist das Angebot mancher Anbieter, eine private Spende in eine öffentliche umzuwandeln: Dann können Therapeuten die Parameter der Probe ebenso einsehen wie die öffentlicher Spenden.

Antworten zum Thema Nabelschnurblut

Die José Carreras Stammzellbank Düsseldorf, eine öffentliche Bank, beantwortet unter http://www.test.stammzellbank.de viele Fragen rund um das Thema Einlagerung von Nabelschnurblut.

Auch die Deutsche Knochenmarkspenderdatei stellt unter http://www.dkms.de/aerzte/nabelschnurblutspende viele Informationen zum Thema bereit und nennt kooperierende Kliniken.

Literatur

Stephanie Pommer: „Rechtliche Aspekte der Blutstammzellspende: Die strafrechtliche Bewertung der Transplantation adulter Blutstammzellen aus dem Knochenmark, der Peripherie und dem Nabelschnurblut”, Lit Verlag, 2010, 59,90 Euro, ISBN: 978-3643105165

Franz Kainer, Annette Nolden: „Das große Buch zur Schwangerschaft: Umfassender Rat für jede Woche”, Gräfe & Unzer, 2009, 29,99 Euro, ISBN: 978-3833815775

Die Broschüre „Zum Helden geboren” der Deutschen Knochenmarkspenderdatei kann unter dkms-nabelschnurblutbank.de als PDF heruntergeladen werden oder ist anzufordern bei: DKMS Nabelschurblutbank gemeinnützige GmbH, Blasewitzer Str. 43, 01307 Dresden, Tel. 0351/4504555, Fax: 0351/4503131, office@dkms-nabelschnurblutbank.de .
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