Bergisch Gladbach - Kochkurs statt schwarzes Kleid: Neue Formen des Trauerns

Kochkurs statt schwarzes Kleid: Neue Formen des Trauerns

Von: Andreas Heimann, dpa
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Bergisch Gladbach. Trauern zu können, ist nicht selbstverständlich. Mit dem Schmerz umzugehen, fällt vielen Menschen schwer. Rituale, die früher dabei geholfen haben, funktionieren heute oft nicht mehr. Gesprächsgruppen können eine zeitgemäße Alternative sein - genauso wie Kochkurse.

Der Verlust eines Angehörigen oder guten Freundes ist fast immer sehr schmerzhaft. Dass Sterben und Tod in unserer Gesellschaft oft kaum noch sichtbar sind, ändert daran wenig. Im Gegenteil: „Heute wissen die Leute gar nicht mehr, was Tod ist”, sagt Fritz Roth, Bestatter und Gründer der Trauerakademie in Bergisch Gladbach. „Und wir wissen nicht mehr, uns auszudrücken, wenn es um Tod und Sterben geht.” Das macht das Trauern noch schwieriger.

„Der Tod eines nahen Menschen ist wie eine Amputation”, sagt Roth. „Und wenn mir ein Bein amputiert wird, komme ich aus dem Tritt.” Was Trauernde dann am wenigsten gebrauchen können, sind gute Ratschläge. „Meist sind die auch mehr Schläge als Rat.” Aufmunterungen wie „Warte mal ab, wird schon wieder” sind dann überflüssig.

Wichtig sei vielmehr, dass Trauernde „ankommen und sich fallen lassen können”, betont Roth. Eine Adresse dafür sind Gesprächskreise für Trauernde - an der Trauerakademie gibt es aber zum Beispiel auch Kochkurse. „Wir stellen da gemeinsam ein Menü zusammen, gehen auf den Markt einkaufen und kochen dann”, erzählt Roth.

Viele alte Rituale sind inzwischen fast vergessen - das Aufbahren des Toten in dessen Haus, die schwarze Trauerkleidung oder regelmäßige Gottesdienste für den Verstorbenen. „Oft gab es dabei einen engen Bezug zur Kirche, zum Teil waren diese Traditionen auch sehr rigide”, sagt Peter Marx, Psychoanalytiker aus Köln. „Eine Witwe war eben verpflichtet, ein Jahr Schwarz zu tragen.”

Das alles ist längst nicht mehr so - aber die verschwundenen Rituale haben ein Vakuum hinterlasssen. Langsam füllt es sich mit neuen Formen der Trauerbewältigung. Dazu kann auch gehören, dass Freunde des Toten bei der Beerdigung am Grab Gedichte lesen, sein Lieblingsstück von Pink Floyd spielen oder an seinem ersten Todestag Teelichter auf den Grabstein stellen.

„Ich finde es gut, wenn es immer mehr Möglichkeiten gibt, seinen Weg für den Umgang mit Trauer zu finden”, sagt Marx. Dabei gebe es kein Richtig oder Falsch. Marx hält Angebote wie die der Trauerakadamie grundsätzlich für sinnvoll: „Auch Reisen für Trauernde können gut sein, wenn ich raus aus den eigenen vier Wänden kommen will.” Ähnlich sei es mit den Kochkursen. „Aber man muss wissen: Trauer braucht seine Zeit”, sagt der Psychologe. „Ich darf da nicht hingehen und glauben, die Trauer sei hinterher weg. Das wäre naiv.”

Das sieht auch Ulla Steger so: „Viele denken, dass der Trauerprozess ungefähr ein Jahr dauert”, erklärt die Psychologin und Psychotherapeutin aus Düsseldorf. „Aber die Trauer ist nach dem ersten Todestag nicht vorbei.” Manchmal sei das zweite Jahr noch viel schlimmer als das erste - auch weil die Trauernden selbst oft hofften, ihr Schmerz sei dann weg. „Und dann fallen sie in ein ganz tiefes Loch, wenn sie merken, das stimmt nicht.”

Hinzu kommt, dass während des ersten Trauerjahres andere Verwandte und Freunde davon ausgehen, dass ihnen der Verlust noch wehtut - im Jahr danach viele sich aber so verhalten, als sei dann alles wieder im Lot.

„Manche sagen, der sehr schmerzhafte Prozess um ein Kind zu trauern, dauert sogar sieben Jahre”, erläutert die Psychologin. „Der Tod eines Kindes ist noch schwieriger zu verarbeiten als der Verlust des Partners. Die Trauer wird mit den Jahren erträglicher, aber sie wird die Eltern nie mehr ganz verlassen.”

Wer sein einziges Kind verliert, habe außerdem oft das Gefühl, selbst keine Zukunft mehr zu haben, sagt Steger, die viele Jahre eine Gruppe für „Verwaiste Eltern” geleitet hat. „Die Trauer an sich ist genauso groß, wenn noch andere Kinder da sind.” Geschwisterkinder machten es den Eltern aber leichter, ihren normalen Alltag weiterzuführen, Unternehmungen zu machen und wieder zu lachen. „Das kostet unheimlich viel Kraft, hilft aber.”


Keinen Druck auf Trauernde ausüben

Freunde und Bekannte sollten nicht versuchen, Trauernde gegen deren ausdrücklichen Willen zu Aktivitäten zu überreden. „Man muss akzeptieren, wie sich der Trauernde verhält”, rät der Psychologe Peter Marx aus Köln. Ihm vorzuschlagen, doch mal wieder mit zum Volleyball oder ins Kino zu kommen, sei aber völlig in Ordnung.
Falsch sei es aber, den Trauernden zu drängen, obwohl er nicht will: „Man soll die Tür öffnen, aber keinen Druck ausüben. Trauernde können normalerweise einschätzen, was gut für sie ist und ob sie schon mit zur Kegeltour wollen oder nicht.” Ideal sei, einfach für den Trauernden da zu sein und ihm zu signalisieren „Wir freuen uns, wenn du kommst, aber wir haben Verständnis, wenn es dir zu viel wird.”

Trauerfeier mitgestalten hilft gegen den Schmerz

„Trauernden kann es helfen, dem Verlust eine Stimme zu geben”, sagt Fritz Roth von der Trauerakademie in Bergisch Gladbach. „Man kann zum Beispiel bei der Trauerfeier selbst sprechen.” Hilfreich kann auch sein, die Gestaltung der Trauerfeier mitzuplanen - und nicht möglichst viele Aufgaben zu delegieren. „Es kann auch heilsam sein, den Sarg selbst zu zimmern und ihn dann mit allen Freunden zu bemalen”, sagt Roth. Auch den Toten zu Hause aufzubahren, ihn selbst aus- und zur Beerdigung anzukleiden, hält Roth für überlegenswert: „Den Tod eines Angehörigen muss man persönlich nehmen.”

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