Knatsch im Schlafzimmer: Getrennte Betten können Paaren helfen

Von: Julia Kirchner, dpa
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Knatsch im Schlafzimmer: Getrennte Betten können Paaren helfen
Wer vom nächtlichen Schnarchkonzert des Partners genervt ist, sollte sich lieber in sein eigenes Schlafzimmer zurückziehen - oder Ohropax benutzen. Foto: dpa

Bonn/München. Nachts nebeneinander einzuschlafen und morgens als Erstes das vertraute Gesicht des anderen zu sehen - für viele Paare ist das der Inbegriff einer innigen Beziehung. Doch was, wenn sich Frostbeule und Heißblüter zusammengefunden haben? Oder der eine nachts ganze Wälder absägt? Wer dann Nacht für Nacht neben seinem Partner ausharrt und jeden Morgen genervt ist, tut weder sich noch der Beziehung einen Gefallen.

Manchmal sind getrennte Betten die einzige Lösung - oder sogar getrennte Zimmer.

Früher war es durchaus üblich, dass Mann und Frau getrennte Schlafzimmer hatten. Heute ist das Ehebett eine Selbstverständlichkeit. Oft wird die gemeinsam geteilte Matratze als Zeichen für eine innige Beziehung angesehen: „Viele haben die Vorstellung, dass eine richtige Beziehung nur besteht, wenn beide in einer herkömmlichen Wohnkonstellation mit gemeinsamem Schlafzimmer leben”, sagt Dieter Adler, Psychoanalytiker und Paartherapheut in Bonn. „Sie wollen damit dem Bild des idealen Paares entsprechen”, ergänzt Psychotherapeut Helge Halbensteiner aus München.

Der Wunsch nach getrennten Betten wird deshalb oft von einem der beiden als Affront aufgefasst: „Zu mir kommen Patienten, die ein Durchschlafproblem haben, weil der Partner schnarcht. Werden dann getrennte Schlafzimmer vorgeschlagen, heißt es: Das erlaubt mein Mann nicht”, erzählt Prof. Jürgen Zulley, Schlafforscher in Regensburg.

Der Schlaf ist in solchen Diskussion nicht mehr bloß eine biologische Notwendigkeit. Der Streit um das Schlafen im gemeinsamen Bett wird zu einem Machtspiel. „Dabei geht es um Kontrolle”, erklärt Halbensteiner. Häufig ist das aber kein neues Phänomen, sondern eine Grundstruktur in der Beziehung. „Sie äußert sich auf einmal nur neu.” Im Schlafzimmer entstehen meist also keine neuen Probleme - es werden nur alte offengelegt.

Gibt es Knatsch um die Schlafgewohnheiten eines Partners, kann das auf tiefergehende Schwierigkeiten in der Beziehung hinweisen: „Gestört wird sich häufig an Symptomen, dabei ist die Ursache eine ganz andere”, sagt Halbensteiner. Entfremdung oder eine Beziehungsstörung könnten die wahren Gründe sein. Auch zeige die Tatsache, dass man sich schon von kleinen Marotten im Bett gestört fühlt, in welcher kritischen Phase die Beziehung steckt: „Das ist der Prozess der negativen Selektion der Wahrnehmung, bei dem die positiven Seiten des Partners in den Hintergrund geraten.”

Diese Ent-Idealisierung tritt vor allem dann auf, wenn die erste Verliebtheit verflogen ist. „Man merkt, dass die völlige Symbiose wie am Anfang nicht mehr funktioniert”, erklärt Adler. An diesem Punkt kann es helfen, die Beziehung insgesamt genauer unter die Lupe zu nehmen. Es müsse über „ganz banale Dinge” geredet werden, rät Halbensteiner: „Was erwarte ich von einer Beziehung? Wie viel Rückzugsraum brauche ich? Oft weiß mein Partner darüber gar nichts.”

Auf das Schlafzimmer bezogen bedeutet das, mit dem Partner darüber zu verhandeln, was jeder braucht: „Eine Möglichkeit wäre, zum Beispiel nur am Wochenende zusammen zu schlafen”, sagt Adler. In der Zwischenzeit kann das eigene Bett oder ein eigenes Zimmer als Ruhezone dienen. Das ist wichtig, um die Beziehung zu stärken: „Wenn nicht regelmäßig eine kleine Trennung stattfindet, wird es irgendwann die große Trennung geben”, glaubt der Psychologe.

Hinter dem Wunsch, das Bett mit dem Partner zu teilen, steckt auch häufig die Angst, den anderen zu verlieren. Das sei allerdings völlig unbegründet, sagt Adler: „Die Bindung wird doch nicht über das Ehebett gemacht. Das ist etwas Innerliches, das entweder besteht oder nicht.”

Aus Forschersicht ist es ohnehin gesünder, allein zu schlafen. „Jede Bewegung und jedes Geräusch stören den Schlaf”, erläutert Zulley. Gerade am Anfang einer Beziehung vermittele das Einschlafen neben dem Partner aber ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit.

Wer die gemeinsame Nachtruhe deshalb partout nicht aufgeben will, kann sich oft schon mit kleinen Änderungen behelfen: Ein breiteres Bett für beide, der Frischluftfanatiker arrangiert sich mit einem gekippten Fenster, und der vom Schnarchen geplagte Partner schafft sich durch Ohrstöpsel Ruhe.

Sich abgrenzen

Ein neues Phänomen neben dem Schnarchen und der Kuschelphobie tritt immer häufiger auf: das Schlafen zu dritt. „Viele Paare sind unfähig, ihr Kind aus dem eigenen Ehebett zu schmeißen”, sagt der Paartherapeut Dieter Adler. Dabei könne es frustrierend sein, wenn sich das Kind jede Nacht zwischen Mutter und Vater quetscht. „Dagegen hilft nur, sich klar gegenüber dem Kind abzugrenzen und ihm zu sagen: Mama und Papa wollen auch mal alleine sein.”
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