Kinderkriegen als Beruf: Hebammen brauchen starke Nerven

Von: Katlen Trautmann, dpa
Letzte Aktualisierung:
hebamme
Fachfrauen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett: Hebammen brauchen viel Einfühlungsvermögen und starke Nerven. Foto: dpa

Karlsruhe. Hebammen arbeiten in Ausnahmesituationen des Lebens. Die romantische Seite des Berufes besteht aus erwartungsfrohen Schwangeren, niedlichen Babys und vom Glück überwältigten Eltern.

Daneben müssen Hebammen Eltern aber auch in schwierigen Situationen begleiten - etwa bei einer Fehlgeburt. Sie haben daher einen Job, der ihnen einiges abverlangt. Dafür brauchen sie starke Nerven und viel Einfühlungsvermögen.

„Hebammen sind die Fachfrauen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett”, sagt Claudia Dachs vom Deutschen Hebammenverband in Karlsruhe. Dass die Begleitung von Schwangerschaft und Geburt derzeit oft in den Händen von Ärzten liegt, bezeichnet sie als „Gewohnheitsrecht”. Sie erwartet, dass die Arbeit von Hebammen an Bedeutung gewinnen wird. „Schwangerschaft ist keine Krankheit.”

Die Geburtshilfe ist nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben. „Die Arbeit mit den Eltern ist das Entscheidende - das Baby kommt zum Schluss”, erläutert Dachs. Hebammen bereiten werdende Mütter und Väter auf Geburt und Elternschaft vor. Bekommen Schwangere gesundheitliche Probleme oder entwickelt sich der Fötus anders als erwartet, ist neben dem Arzt die Hebamme gefragt. Sie leitet normale Geburten und muss Komplikationen des Geburtsverlaufs erkennen. Sie versorgt das Neugeborene und kümmert sich um die Nachsorge. Wenn es mit dem Stillen nicht klappen will, steht sie der Mutter zur Seite. Dazu sind Einfühlsamkeit und Verschwiegenheit nötig.

Auch dürfen sich Bewerber die Arbeit rund um das „Wunder der Geburt” nicht zu rosig vorstellen. Die Praxis sei für viele eine Ernüchterung, hat Claudia Dachs beobachtet. Vor der Entscheidung für die Tätigkeit empfiehlt sie das Gespräch mit einer Hebamme oder Ausbilderin, um einen realistischen Eindruck vom Beruf zu erhalten.

Bewerber wenden sich an eine der 58 Hebammenschulen in Deutschland. Sie müssen 17 Jahre oder älter sein und einen Realschulabschluss oder ein Hauptschulzeugnis plus eine mindestens zweijährige Berufsausbildung vorweisen können. Die Schulen wählen nach eigenen Kriterien aus. Der Ansturm ist gewaltig: Auf jeden Platz bewerben sich laut Hebammenverband zwischen 80 und 120 Kandidatinnen.

Die Ausbildung dauert drei Jahre. Angehende Hebammen lernen den Verlauf von Schwangerschaften und Geburten kennen. Sie erfahren, welche Techniken zur Geburtshilfe hilfreich sind. Für die Nachsorge müssen sie beispielsweise wissen, wie sie Frauen bei der Rückbildungsgymnastik anleiten und beim Umstellen auf die neue Familiensituation helfen können. Im Praxisteil müssen sie auch im Schichtdienst arbeiten. Und sie dürfen sich nicht zu schade sein, im Kreissaal Gerätschaften zu putzen und zu reinigen. „Dieser Teil wird oft unterschätzt”, sagt Dachs. Themen aus Medizin, Pharmazie, Anatomie sowie Sozialpädagogik und Psychologie runden die Lehre ab.

Die Deutsche Kristie Colen geht den akademischen Weg. Die 25-Jährige hat einen Bachelor in Geburtshilfe („Midwifery”) an der britischen Glasgow Caledonian Universität gemacht. Das englischsprachige Fernstudium verlangt Disziplin. Zwischen 15 und 20 Stunden wöchentlich müsse sie neben der Arbeit in der Klinik dafür aufbringen, rechnet sie vor. Dazu kommen happige Studiengebühren. Dafür eröffnet der Abschluss ihr ein breiteres Beschäftigungsfeld: „Ich will unbedingt in die Lehrtätigkeit.”

Solche Studienangebote gibt es inzwischen auch in Deutschland. Die Fachhochschule Osnabrück bietet einen berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang an. An ihr wurde kürzlich die bundesweit erste Professorin für Hebammenwissenschaft berufen: Claudia Hellmers. Ein ähnliches Angebot plant auch die neu gegründete Hochschule für Gesundheit Bochum ab dem Wintersemester 2010/2011. Und an der Medizinischen Hochschule Hannover absolvieren die ersten Studenten den Europäischen Masterstudiengang für Hebammenwissenschaft. „Die Absolventinnen können später Aufgaben in Forschung, Leitung und Ausbildung übernehmen, beispielsweise an großen Kliniken”, erklärt Studiengangs-Leiterin Mechthild Groß.

Bei den Berufsverbänden stoßen solche Angebote teilweise auf Bedenken. „Wir arbeiten mit Händen und Gefühl. Wir fürchten, dass diese Qualitäten wegfallen”, sagt Dorothea Kühn vom Bund freier Hebammen Deutschlands (BFHD) in Frankfurt/Main.

Die Aussichten für Berufseinsteiger auf dem Arbeitsmarkt sind gut. „Wir bringen alle unter”, sagt Claudia Dachs vom Deutschen Hebammenverband. Der Stundenlohn von Berufsanfängern liegt dem Verband zufolge bei etwa 7,50 Euro. Einstiegsgehälter von 1600 Euro brutto im Monat sind üblich. Dachs ist auch nach 30 Berufsjahren und 3000 entbundenen Babys immer noch begeistert von ihrem Beruf. „Ich stehe immer wieder am Beginn eines Lebens. Das gibt es sonst nirgendwo”, sagt sie.

Wo Hebammen arbeiten

Hebammen arbeiten freiberuflich oder sind in Kliniken angestellt. Angestellte Hebammen machen häufig nebenbei Hausbesuche, wie Dorothea Kühn vom BFHD erläutert. Freie arbeiten oft zeitweise in Kliniken. Das gesamte Metier ist eine Frauendomäne. Beim Deutschen Hebammenverband sind zwei „Entbindungspfleger” in ganz Deutschland bekannt. So lautet die Berufszeichnung für Männer.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert