Kinderkrankengeld: Viele Eltern verzichten auf Freistellungstage

Von: Isabel Fannrich-Lautenschläger, epd
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Berlin. Gleich am frühen Morgen haben die Eltern Krach. Die Mutter muss zu einem wichtigen Arbeitstermin, der Vater auf eine außerordentliche Sitzung.

Über Nacht aber hat das Kind Fieber bekommen. Weil die Oma weit entfernt wohnt, einigt sich das Paar schließlich auf einen Babysitter. Der Stress berufstätiger Eltern, wenn kranke Kinder zu betreuen sind, ist kein Einzelfall - schließlich machen die Kleinen nach Aussage von Kinderärzten bis zu zwölf Infekte im Jahr durch.

Damit der Vater oder die Mutter ihre Sprösslinge bei Fieber, Magen-Darm-Erkrankungen oder Windpocken ohne großen Verdienstausfall oder Schwierigkeiten mit dem Arbeitgeber pflegen können, gibt es das Kinderpflege-Krankengeld, kurz Kinderkrankengeld genannt. Allerdings zahlen dies nur die gesetzlichen Krankenkassen, sobald die Versicherten vom Arbeitgeber unbezahlt von der Arbeit freigestellt werden. Anstelle des normalen Gehalts gibt es dann anteilig maximal 90 Prozent des Nettoeinkommens.

Doch viele Eltern nehmen dies kaum in Anspruch. „Die gesetzlich zustehenden Freistellungstage werden von den erwerbstätigen Eltern bei weitem nicht ausgeschöpft”, heißt es beim Wissenschaftlichen Institut der Krankenkasse AOK.

Normalerweise könnten laut Sozialgesetzbuch gemeinsam erziehende Väter und Mütter jeweils pro Kind an zehn Tagen im Jahr Kinderkrankengeld beziehen. Bei mehr als zwei Kindern ist der Anspruch pro Elternteil auf insgesamt 25 Tage begrenzt. Alleinerziehende dürfen jährlich für jeden Zögling 20, bei mehreren Kindern maximal 50 Tage beantragen. Die Kids dürfen noch nicht zwölf Jahre alt sein und im Haushalt keine weitere Person wohnen, die sich um den kleinen Patienten kümmern könnte.

Corinna Conrads (Name geändert) ist bei Siemens teilzeitbeschäftigt. „Ich habe die zehn Tage im Jahr noch nie ausgeschöpft”, sagt die Mutter von Zwillingen. „Ich habe schlichtweg Glück, dass die Kinder nicht so oft krank sind.” Zudem aber würden sich die zwanzig erlaubten Fehltage zu ihren Urlaubstagen summieren. „Das ist für eine Teilzeitkraft schlecht”, urteilt sie: „Dann sägt man schnell an meinem Arbeitsplatz.”

Arbeitnehmer versuchen zu vermeiden, dass sie mal wegen eigener Erkrankung, mal wegen der Bauchschmerzen ihres Kindes fehlen. Diese Erfahrung hat auch Ute Brutzki gemacht. Sie ist bei der Gewerkschaft ver.di für die Gleichstellung in der Privatwirtschaft zuständig. „Es ist schwieriger geworden, bei der Arbeit zu fehlen. Der Druck ist höher”, erfährt Brutzki im Gespräch mit Frauen und Gesamtbetriebsräten. Viele nähmen das Kinderkrankengeld deshalb nicht mehr in Anspruch. Ohnehin greife bei einer steigenden Zahl von Arbeitnehmern wie Zeitarbeitern oder geringfügig Beschäftigten die gesetzliche Regelung nicht mehr.

Zwischen 90 und 107 Millionen Euro hat die Gesetzliche Krankenversicherung seit 1993 jährlich für das Kinderkrankengeld ausgegeben. Deutlich nach unten verschoben hat sich in diesem Zeitraum allerdings die Zahl der Tage, an denen die Eltern offiziell bei ihrem kranken Kind zu Hause bleiben und dafür das Ersatzgeld der Kasse bekommen. 1993 waren es im Durchschnitt noch 3,8 Leistungstage pro Krankheitsfall, 2006 nur noch 2,6 Tage.

Dennoch platzt manchen Kollegen der Kragen. So kritisierte jüngst ein Mann in einem Leserbrief an „Sueddeutsche.de”: „Was wirklich ungehörig ist, dass - im Wissen um die rechtlichen Möglichkeiten einer berufstätigen Mutter - diese Rechte in vielen Fällen ausgereizt werden ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Arbeitskollegen. Nur weil ein Kollege kein Kind hat, kann man ihn nicht ständig für Vertretung in Anspruch nehmen.”

Eine Leserin wettert zurück: „Wenn Kinder krank werden, so ist das eine Gratwanderung für die Eltern, die sich dafür ständig entschuldigen müssen: beim Chef und bei Kollegen, die mit dem läppischen Argument Was gehen mich deine Kinder an, war doch deine Entscheidung, sie zu bekommen sich nicht scheuen, ganz offen ihre Egoismen anzumelden.”

Die Evangelische Kirche in Deutschland hält die Gesetze für verbesserungsfähig. So empfiehlt sie dem Arbeitgeber in der Veröffentlichung „Familienförderung im kirchlichen Arbeitsrecht”, „einige Tage bezahlte Freistellung” zur Betreuung und Pflege kranker Kinder zu gewähren, damit keine Einkommenseinbußen entstehen. Außerdem sollten die Eltern nicht gleich am ersten Tag ein Attest für ihr krankes Kind vorlegen müssen.

Eines hat sich über die Jahre nur wenig geändert: Hat das Kind Scharlach oder Bronchitis, sitzt meist die Mutter am Krankenbett. Fünfmal häufiger als Väter kümmern sich Mütter um die kleinen Patienten, zeigt die jüngste Statistik der Gesetzlichen Krankenversicherung aus dem Jahr 2007.
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