Aachen - Kinder retten - im Konflikt mit dem Papst

Kinder retten - im Konflikt mit dem Papst

Von: Stefan Herrmann
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Anlaufstelle für ratsuchende S
Anlaufstelle für ratsuchende Schwangere: In der Region gibt es in Aachen, Düren und Heinsberg Beratungsstellen. Foto: Stefan Herrmann

Aachen. 20 Jahre ist sie alt, mitten in der Ausbildung, gerade bei den Eltern ausgezogen und dann das: schwanger. Ausgerechnet jetzt! Das Geld reicht hinten und vorne nicht. In der Beziehung kriselt es eh schon seit Monaten. Jetzt müssen schnell Muttergefühle her! Oder doch nicht? Letzter Weg: Abtreibung.

Ein Typischer Fall? „Durchaus”, sagt Birgitta Clingen, 57. Sie ist Vorsitzende der Schwangerenkonfliktberatung Donum Vitae in Aachen. Übersetzt aus dem Lateinischen heißt das „Geschenk des Lebens”. Also ein unumstößliches Ja zum Baby?

Eine schwierige Frage, nicht jedoch für den Papst. Denn dieser sagte 1999 klipp und klar Nein zur Abtreibung und schob jeglicher kirchlichen Schwangerenkonfliktberatung einen Riegel vor. Für viele engagierte Christen ein Affront. Sie ergriffen die Initiative, gründeten Donum Vitae, auch in der Region. Am 15. Juni 2000 kamen die Gründungsmitglieder in Aachen zusammen. Kurz darauf folgten Heinsberg und Düren. Jetzt feiern sie den ersten runden Geburtstag, ziehen Bilanz. Und die fällt positiv aus. „Was da aus dem Boden gestampft wurde, ist schon beachtlich”, findet Clingen.

Rückblick: Bereits in den 70er Jahren wurde, angetrieben von den deutschen Bischöfen, bundesweit ein Beratungsnetz für Schwangere in Konfliktsituationen aufgespannt. Die Gesetzeslage war aber immer so, dass sich eine schwangere Frau ohne ärztliche Indikation durch eine Abtreibung strafbar machte, auch wenn sie dafür ins benachbarte Ausland fuhr.

Der Schein des Anstoßes

1995 änderte sich mit dem neuen Schwangeren- und Familiengesetz die Rechtslage. Dieses setzte zum Schutz des ungeborenen Lebens vor allem auf Beratung und die eigenverantwortliche Entscheidung der Frau. Mit der europaweiten Besonderheit, dass ein Abbruch nicht erlaubt ist, aber straffrei bleibt. Für Papst Johannes Paul II. wurde der schriftliche Beratungsnachweis zum „Schein des Anstoßes”. Er verurteilte das Papier als „Lizenz zum Töten”. Das Ergebnis: Die katholische Kirche zog sich aus der Schwangerenkonfliktberatung zurück.

Es schlug die Stunde der Laien. Engagierte Christen gründeten bundesweit Donum Vitae. Der Graben zwischen Laien- und Amtskirche im Vatikan weitete sich. Im Bistum Aachen blieb es dagegen recht ruhig. Keine öffentliche Zurechtweisung, kein erhobener Zeigefinger, kein angedrohter Verweis im „Sündenregister” der Amtskirche. „Hier hat sich der Bischof von Beginn an zurückgehalten und uns keine Schwierigkeiten gemacht”, sagt Clingen. „Konsensschweigen” nennt sie das.

Dass dies auch anders ablaufen kann, diese Erfahrungen mussten „Donum Vitae”-Aktive in Köln machen. „Dort zeigte Kardinal Joachim Meisner von Anfang an klare Kante: Wer bei Donum Vitae mitmacht, der kann den Hut nehmen”, erzählt die Aachener Vorsitzende, die auch im Landesvorstand von Donum Vitae mitwirkt. Solche Reaktionen aus hohen klerikalen Kreisen sind für viele ein Problem. Clingen hält sich aber nicht lange am konfliktträchtigen Verhältnis zur Amtskirche auf. Die gebürtige Sauerländerin ist ein pragmatischer Typ. Anpacken möchte sie, in Not geratenen Menschen im Sinne christlicher Nächstenliebe helfen. Das wollen alle bei Donum Vitae. Dafür existieren ein breites Beratungsnetz mit hoch qualifizierten Sozialpädagogen, Kooperationen mit Ärzten und anderen Einrichtungen.

Das Feld, in dem die Berater von Donum Vitae ihre Arbeit verrichten, wird dabei stetig komplexer. Diagnosetechniken in der Pränatalmedizin - der vorgeburtlichen Medizin - ermöglichen immer genauere Aussagen darüber, ob vorgeburtliche Erkrankungen und Fehlbildungen beim Embryo bzw. Fötus vorliegen. Das Wissen über das Ungeborene wächst gleichzeitig mit der Unsicherheit vieler Frauen und Paare.

Genau dort setzt Donum Vitae an. „Uns geht es um mehr als den Beratungsschein”, erklärt Irina Naber, Beraterin in Heinsberg, „es geht darum, Perspektiven für das Leben mit Kindern zu schaffen, und das ist manchmal sehr schwierig. Wir begleiten die Frauen in einem langen Prozess.” Der Vorwurf des Vatikans dagegen lautet: Donum Vitae handele in offenem Widerspruch zu den Anweisungen des Heiligen Vaters. Schließlich definiere die Kirche klar das menschliche Leben, und das beginne nun mal vom ersten Augenblick seines Daseins an mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle.

Dass es weiterhin Konfliktpotenzial zwischen der katholischen Kirche und dem bundesweit agierenden Verein gibt, wurde - trotz aller beschwichtigenden Worte - zuletzt 2009 wieder deutlich. Um seine Wahl zum Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK) nicht zu gefährden, verkündete der CSU-Politiker Alois Glück im September, all seine Ämter bei Donum Vitae ruhen zu lassen. Zwar blieb Glück Mitglied, wollte aber durch diesen Schritt verhindern, dass die deutschen Bischöfe die notwendige Zustimmung verweigern würden. Genau das hatten sie nämlich bei Glücks Vorgänger als Kandidat für den ZDK-Präsidentenposten getan.

Drei Jahre zuvor verkündete die deutsche Bischofskonferenz in einer Erklärung, dass es sich bei Donum Vitae klar um eine „Vereinigung außerhalb der katholischen Kirche” handele. Die Botschaft ist deutlich: Menschen, die Beratungsbescheinigungen ausstellen, die nach dem Strafgesetzbuch die Empfängerin berechtigen, sich straflos einem Schwangerschaftsabbruch zu unterziehen, sind dem Vatikan ein Dorn im Auge.

Birgitta Clingen hat damit kein Problem: „Wir sind ganz klar ein bürgerlicher Verein. Ich möchte gar nicht, dass wir ein katholischer Verein sind.” Christliche Nächstenliebe vorleben lautet ihr Motto. „Es ist gegen mein Gewissen, dass ich Menschen im Stich lasse.”

Und die Zukunft? „Unser großer Wunsch ist es, neue und jüngere Mitglieder zu gewinnen”, sagt Birgitta Clingen. Derzeit hat der Verein 230 Mitglieder. Besteht die Angst, dass in Zeiten knapper Kassen der Rotstift auch an der Schwangerenkonfliktberatung angesetzt wird? Immerhin 80 Prozent der Personalkosten finanziert das Land NRW, dazu gibt es Sachkosten-Pauschalen und Zuschüsse der jeweiligen Kreis- und Kommunalverwaltungen. Clingen ist optimistisch: „Wir in Aachen haben keine Angst. Mit unseren Anliegen wurde stets sehr vertrauensvoll umgegangen. Wir spüren, dass das Soziale hier Gewicht hat.” So geht die kirchliche Basisbewegung „Donum Vitae” optimistisch ins zweite Jahrzehnt. „Die Beratung lohnt sich, selbst wenn nur ein Kind gerettet wird”, sagt die Dürener „Donum Vitae”-Vorsitzende Beate Nießen.

Das Donum-Vitae-Netzwerk im Bistum feiert den zehnten Geburtstag zentral am 10. September um 15.30 Uhr in der Citykirche St. Nikolaus, Großkölnstraße in Aachen. Alle Wegbegleiter und Interessierten sind herzlich eingeladen. Festredner nach einem ökumenischen Gottesdienst ist NRW-Integrationsminister Armin Laschet. Kontakt (auch anonym): in Aachen 0241/4009977, in Düren 02421/555870, in Heinsberg 02452/155494.

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