Keine Lust auf Kontakt: Wenn Kinder auf Distanz gehen

Von: Aliki Nassoufis, dpa
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KinderDistanz
Anrufe bleiben unbeantwortet, die Briefe kommen wieder zurück: Wenn Kinder zu Mutter oder Vater keinen Kontakt mehr wollen, ist das für viele Eltern schmerzhaft. Foto: dpa

München/Berlin. Wenn der Nachwuchs eines Tages den Kontakt abbricht, ist das für viele Familien ein Schock. Die Ursachen liegen oft weit in der Kindheit zurück. Diese im Gespräch aufzuarbeiten, kann für Eltern und Kinder ein erster Schritt zur Annäherung sein.<br />

Früher schien alles in bester Ordnung zu sein. Die Eltern und ihre erwachsenen Kinder trafen sich regelmäßig: zu Geburtstagen, Weihnachten oder einfach so. Doch dann meldet sich das eigene Kind kaum noch - und bricht den Kontakt schließlich ganz ab.

Kein Kontakt zum erwachsenen Kind, das ist für die meisten Eltern unerklärlich und vor allem schmerzhaft. Sie versuchen daher vieles, um den Draht zu ihrem Kind wieder herzustellen.

„Dass Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, passiert nicht von heute auf morgen”, erklärt der Familienforscher Hartmut Kasten in München. „Meist sind das Prozesse, die schon früh begonnen haben.”

Für die Eltern muss das aber nicht zwangsläufig spürbar gewesen sein: Beispielsweise wenn zwar immer Kontakt bestand - das Kind aber nie wirklich die Nähe zu den Eltern gesucht hat, sondern möglicherweise nur aus einem Pflichtgefühl heraus handelte und vor allem zu offiziellen und feierlichen Anlässen zu Besuch kam.

Die Diplom-Psychologin Silke Haase kennt solche Situationen ebenfalls aus ihrer langjährigen Erfahrung. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das mittlerweile erwachsene Kind schon jahrelang innerlich zurückgezogen hat und nur noch körperlich anwesend war.” Das, was Eltern als normalen Kontakt empfunden hätten, könne für das Kind schon nur noch Pflichterfüllung gewesen sein.

Die Gründe für solch eine Abgrenzung sind den Experten zufolge meist in der Kindheit oder Jugend zu finden. „Möglicherweise hat sich das Kind von den Eltern immer benachteiligt oder ungerecht behandelt gefühlt”, sagt Diplom-Psychologe Kasten.

Haase ergänzt: „Denkbar ist auch, dass sich das Kind ständig kritisiert, unter Druck gesetzt oder nicht geliebt fühlt.” Es komme durchaus vor, dass Kinder das lange Zeit nicht ansprechen, sondern in sich hineinfressen.

Irgendwann jedoch werde es ihnen zu viel und sie brechen den Kontakt ab. „In der Regel tun Kinder das aus Selbstschutz, weil sie denken, sie könnten das Problem mit ihren Eltern nicht klären”, sagt Haase. „Sie halten es nicht mehr aus und wollen dem ständigen Stress entgehen.”

Dennoch müssen Eltern die Situation nicht einfach hinnehmen und akzeptieren. „Ich rate, das Problem offen anzusprechen, dem Kind Gelegenheit zu geben sich zu äußern und ihm wirklich zuzuhören”, sagt Kasten.

Eltern müssten bereit sein, sich die Kritik des Kindes wirklich anzuhören ohne sich sofort selbst zu verteidigen. Dazu gehöre auch, eigene Fehler einzugestehen oder einzuräumen, dass man bestimmte Dinge vielleicht nicht bewusst gemacht hat. „Oft ereignen sich wahre Überraschungen, weil die Eltern es so nicht wahrgenommen haben.”

Gut sei auch, dem Kind Ruhe und Abstand zu geben, findet der psychologische Berater Markus Hammer in Greifswald: „Man sollte das Kind nicht drängen, sondern akzeptieren, wenn es Zeit braucht.” Man könne zwar durchaus fragen, ob es in Ordnung sei, sich in einigen Monaten wieder zu melden - müsse dann aber auch hinnehmen, wenn das Kind selbst entschieden will, wann es wieder Kontakt wünscht.

Möglich sei auch, dem Kind einen Brief zu schreiben oder ihm anzubieten, seine Gedanken aufzuschreiben, sagt Psychologin Haase. Dem Kind zu sagen, wie gern man es hat und was es einem bedeutet, ist ebenfalls wichtig: „Das ist oft das, was das Kind hören will.”

Auch wenn das erste Gespräch nicht viel bringt, kann es sich lohnen dranzubleiben. „Beziehungen wandeln sich ein Leben lang, es kann durchaus wieder eine Phase geben, in der man sich besser versteht”, erläutert Kasten.

Das sieht auch Haase so: „Die Kinder leiden ja auch unter der Situation und wünschen sich meist eine gute Beziehung zu den Eltern. Deswegen gibt es häufig eine Chance, dass doch wieder Kontakt zwischen Kindern und Eltern besteht.”

„Wenn ein Kind sich lossagt, ist das meist auch für die Eltern sehr hart”, sagt der Familienpsychologe Hartmut Kasten. Dennoch solle man die Trauer und den Schmerz zulassen, auch wenn es wahnsinnig weh tue.

Der psychologische Berater Markus Hammer rät zudem, andere Eltern zu ihren Erfahrungen zu befragen, sich auszutauschen und eventuell auch psychologische Hilfe zu holen: „Man sollte das nicht alleine durchstehen, muss sich aber auch Zeit geben, mit der Trauer fertig zu werden.”
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