Impfen rettet Kinderleben: Aber viele Eltern sind verunsichert

Von: Bettina Levecke, dpa
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Kleiner Pieks mit großer Wirkung: Viele Mütter und Väter fragen sich allerdings, ob ihr Kind durch eine Impfung wirklich geschützt ist. Foto: dpa

Berlin/Marburg. Ein kleiner Pieks mit großem Schutz: Seitdem es Impfungen gibt, sind gefährliche Krankheiten weltweit massiv zurückgegangen. Doch jetzt warnen Experten: Immer mehr Kinder sind nicht ausreichend geschützt.

Zwölf Impfungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts in Berlin für die ersten 24 Lebensmonate eines Kindes. Ob Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung: Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 15. Februar 2000 sind diese Empfehlungen als medizinischer Standard vorgegeben.

Doch ob alle zwölf Impfungen tatsächlich erfolgen, entscheiden allein die Eltern. „Viele Eltern sind verunsichert”, sagt Sigrid Ley-Köllstadt vom Deutschen Grünen Kreuz (DGK) in Marburg. Welche Impfung ist wichtig? Was ist gut für mein Kind?

„Auf der Suche nach Antworten nutzen viele Eltern das Internet und stoßen dabei auf eine Menge falscher Informationen.” Ley-Köllstadt empfiehlt Eltern dringend, sich vom Kinderarzt beraten zu lassen oder zumindest auf zertifizierte Informationsseiten im Internet zu achten. Nur eine gute Beratung kann Ängste nehmen: „Immer noch kursieren viele Vorurteile über das Impfen, die Eltern nicht einfach glauben sollten.”

Dass Kinder geimpft werden müssen, dürfe heute nicht mehr zur Debatte stehen, sagt die Ärztin vom DGK. „Die Impfungen retten Leben.” Schnell entwickelt sich aus einer kleinen Verletzung ein Wundstarrkrampf, hat ein Keuchhusten dramatische Folgen: „Nur dem Impfen haben wir zu verdanken, dass Kinder diese Krankheiten nicht mehr bekommen.”

Doch aus den Augen - aus dem Sinn: „Dadurch, dass diese Erkrankungen nicht mehr präsent sind, scheint der Gedanke bei vielen Menschen näher zu rücken, dass auch keine Gefahr mehr besteht.” Doch das Gegenteil ist der Fall: „Wird eine Gesellschaft nicht konsequent durchgeimpft, kehren diese Krankheiten zurück.”

Beispiel Masern: Für eine „Ausrottung” der Virenerkrankung müssen 95 Prozent der Menschen geimpft sein. Ein Ziel, das noch nicht erreicht ist. Immer wieder brechen in einzelnen Bundesländern Masernepidemien aus. In Hamburg sind seit Anfang 2009 mehr als 30 Masern-Fälle gemeldet worden, aus Rheinland-Pfalz und Bayern wurden vom Robert Koch-Institut in Berlin für dieses Jahr bereits Einzelfälle registriert. In Nordrhein-Westfalen wurden wegen Masernerkrankungen von Schülern mehrere Schulen vorübergehend geschlossen.

Dabei sind Masern keine harmlose Kinderkrankheit, sondern mit dem Risiko schwerer Komplikationen verbunden. „Die Masernenzephalitis tritt bei einem von 1000 Fällen auf, etwa jedes dritte Kind behält dann bleibende Schäden”, so Martina Lenzen-Schulte, Medizinfachautorin aus Freiburg.

Tatsächlich ist das Risiko, nach einer Masernerkrankung schwere oder sogar tödliche Folgeschäden zu erleiden, um ein Vielfaches höher als die mögliche Nebenwirkung einer Impfung. „Natürlich gibt es auch in Einzelfällen Komplikationen nach Impfungen, diese stehen aber in keinem Verhältnis zur Gefahr der Nicht-Impfung”, sagt sie.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt warnt: „Fast jedes zweite Kind in Deutschland verfügt nicht über ausreichenden Impfschutz.” Der Grund hierfür liegt in fehlenden Folgeimpfungen: „Besonders bei älteren Kindern vergessen Eltern häufig, dass viele Impfungen aufgefrischt werden müssen”, bemängelt Ley-Köllstadt.

Auch Eltern sollten sich über den eigenen Impfstatus bewusst sein. Ein Impfcheck des WDR-Wissenschaftsmagazins „Quarks und Co.” ergab, dass rund 25 Prozent der Erwachsenen nicht wissen, ob sie selbst ausreichend gegen Pocken, Masern, Mumps oder Röteln geimpft sind. Und nur 30 Prozent sind sicher gegen Keuchhusten geimpft. „Gerade in diesem Fall sollte aber die Umgebung eines Säuglings einen Schutzraum darstellen, weil diese Kleinsten, solange sie nicht selbst geimpft werden können, in der höchsten Gefahr schweben”, warnt Lenzen-Schulte.

Mediziner empfehlen daher nicht nur, den Impfkalender der Kinder regelmäßig einzusehen und zu aktualisieren, sondern auch den eigenen. Impfungen sind nicht nur ein wichtiger Individualschutz, sondern senken das Erkrankungsrisiko aller Menschen einer Gesellschaft: „Es geht auch um den Herdeneffekt: Wenn viele gegen eine Krankheit geimpft werden, schwirrt der Erreger immer seltener herum”, sagt die Expertin. Und so sind auch Menschen geschützt, die selbst nicht geimpft sind.

Impfschutz vor Fernreisen checken

Wer eine Urlaubsreise in ferne Länder unternehmen möchte, sollte sich im Vorfeld umfassend über sinnvolle Impfungen informieren, zum Beispiel bei Tropeninstituten oder Reisemedizinern.

Zum Pflichtprogramm gehört der Schutz gegen Tetanus, Diphtherie und Polio. Auch Impfungen gegen Hepatitis A und B, Gelbfieber, Tollwut und Meningokokken sowie eine Malaria-Prophylaxe sind für viele Länder notwendig. Sigrid Ley-Köllstadt vom Deutschen Grünen Kreuz in Marburg empfiehlt, nicht mit Kindern, die jünger als acht Jahre sind, in tropische oder subtropische Regionen zu verreisen. „Kleine Kinder sind einem extrem hohen Risiko ausgesetzt, schwer zu erkranken.”

Literatur: Martina Lenzen-Schulte: Impfungen. 99 verblüffende Tatsachen, Trias, ISBN: 978-3-830-43441-2, 14,95 Euro; Martin Hirte: Impfen Pro & Contra, Droemer Knaur, ISBN: 978-3-426-87403-5, 10,95 Euro.
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