Berlin/Erlangen - „Ich” statt „man”: Eine kraftvolle Sprache kann den Alltag erleichtern

„Ich” statt „man”: Eine kraftvolle Sprache kann den Alltag erleichtern

Von: Barbara Erbe, dapd
Letzte Aktualisierung:

Berlin/Erlangen. Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wie es dir geht. Davon ist die Erlanger Sprachwissenschaftlerin Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf überzeugt.

„Umgekehrt beeinflussen wir durch unsere Sprache wiederum unsere Gedanken und Gefühle.” Wer bewusst mit dieser Kraft umgehe, finde auch in einem anstrengenden Alltag leichter zu innerer Ruhe und Gelassenheit.

Der Satz „Ach, ist das heute wieder ein Stress!” beispielsweise setze den Menschen, der ihn ausspricht, innerlich unter Druck. Ermunternder klinge da schon „Ich will heute noch viel schaffen!” oder auch „Ich habe mir für heute zu viel vorgenommen. Ich streiche etwas.”

Ähnlich verhalte es sich mit dem inflationär gebrauchten Wort „müssen”: „Jedes müssen macht Druck, selbst wenn Sie es nur aus Gewohnheit sagen.” Schließlich komme ein „muss” immer von außen: „Wer muss sagt, lädt zur Fremdbestimmung ein und raubt sich die eigene Motivation.” Setzt er dann auch noch das Wort „schnell” hinzu, lädt er zusätzlich ein Gefühl von Eile und Zeitdruck auf.

„Befreien Sie sich davon, indem Sie statt ich muss (schnell) einfach ich werde oder ich will sagen.”

Auch der Diplom-Psychologe Gregor Wittke vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen berichtet von der stressfördernden oder eben stresslindernden Wirkung von Worten. Wie stark sich ein Mensch unter Druck fühle, hänge ganz wesentlich damit zusammen, wie er persönlich über die Situation denke und sie bewerte. Diese Gedanken wiederum würden durch Sprache geformt.

„Es macht einen Unterschied, ob ich eine Frage mit Keine Ahnung, dafür hab ich jetzt keine Zeit beantworte, oder ob ich sage: Im Moment bin ich mit etwas anderem beschäftigt. Aber danach versuche ich gern, es herauszufinden, und melde mich dann.”

Im ersten Fall erscheine der Sprecher unwissend und gehetzt, im zweiten wirke er nicht nur selbstbewusster, sondern auch entspannter und motivierender. Apropos Motivation: Jemand, der die Sonnenkappe aufsetzt, damit er einen kühlen Kopf bewahrt, fühlt sich besser als jemand, der sie trägt, damit er keinen Sonnenstich bekommt - davon ist Sprachexpertin Scheurl-Defersdorf überzeugt.

Und wer sich beeilt, um rechtzeitig anzukommen, tut das lieber als derjenige, der nicht zu spät kommen möchte. „Das nicht erreicht außerdem nur einen Teil unseres Gehirns.” So komme genau das an, was just nicht passieren solle. „Halt die Flasche gut fest ist eine klare, zielorientierte Anweisung. Bei dem Satz Lass die Flasche nicht fallen wird eben dies leicht passieren.”

Die ganz normalen Widrigkeiten und Hindernisse des Alltags sind im Sinne von Sprachwissenschaftlerin Scheurl-Defersdorf keinesfalls kraftraubende „Probleme”. Vielmehr sind es - mehr oder weniger aufregende - „Herausforderungen”, denen es sich zu widmen gilt.

Mit ganzer Sprachkraft, wohlgemerkt, und das heißt: ohne Füllwörter. „Wörter wie vielleicht, mal, eigentlich, relativ oder aber signalisieren, dass Sie sich nicht sicher oder unkompetent fühlen oder ein schwaches Selbstwertgefühl haben. Deshalb werden solche Worte häufig zur Quelle von Missverständnissen und Streit”, erläutert Scheurl-Defersdorf.

„Sagen Sie statt Hast du eigentlich das Formular schon ausgefüllt? lieber Peter, hast du das Formular schon ausgefüllt?”

Ähnlich entkräftend wie Füllwörter wirke auch das Wort „bisschen”. Wer es aus seiner Alltagssprache nehme, könne damit den Wirkungsgrad seiner Worte leicht steigern. Ein „Bisschen” ist genau genommen ein „kleiner Biss”: „Das ist wenig und zeugt von Mangel”, erklärt die Sprachforscherin, und fragt: „Reicht Ihnen ein bisschen mehr Zeit? Wie viel meinen Sie genau? Dann sagen Sie es auch so - damit steigen Ihre Chancen, wirklich mehr zu bekommen!”

Last but not least: Wer „ich” meint, sollte auch „ich” sagen - und nicht „man”. Das ist nicht nur persönlicher, sondern wirkt auch aktiver. Erfolgreiche, dem Leben zugewandte Menschen sprechen nicht nur anders als zaghafte, an sich selbst zweifelnde Zeitgenossen, ist Scheurl-Defersdorf überzeugt: „Es ist häufig gerade ihre klare und wertschätzende Sprache, die sie auf ihrem Weg beflügelt. Diese Sprache lässt sich erlernen.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert