„Ich bin kein Kind mehr”: Wenn Eltern nicht loslassen können

Von: Aliki Nassoufis, dpa
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Münster/Berlin. Es nervt und ist extrem lästig: Die Eltern sehen einen noch immer als das kleine Kind und merken nicht, dass man längst schon alt genug für eigene Entscheidungen ist.

Stattdessen gibt es feste Regeln, wann man abends wieder zu Hause sein muss, wann man wo übernachten darf - und Urlaube mit Freunden sind eh nicht erlaubt. Wie aber bringt man den Eltern bei, dass sie endlich mal loslassen und einem mehr Freiräume erlauben können?

„Das ist in fast allen Familien ein Problem”, bestätigt der Diplom-Psychologe Ralf Kaisen, Leiter der Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Münster.

„Eltern wollen einfach noch nicht so sehr loslassen, weil sie sich Sorgen machen.” Doch sich immer nur darüber in die Haare zu kriegen, sei alles andere als sinnvoll.

„So schreit man sich nur an, ohne über das eigentliche Problem zu sprechen.” Denn auch, wenn es erst einmal wie ein aussichtsloses Unterfangen aussieht, können Jugendliche durchaus versuchen, mit den Eltern zu verhandeln und die Grenzen nach und nach auszuweiten.

Eine Möglichkeit sei, in einem ruhigen Gespräch die Angst der Eltern aufzugreifen, rät Maria El-Safti-Jütte vom Berliner Kinder- und Jugendtelefon.

„Man sollte nicht einfach nur seine Meinung gegen die der Eltern stellen, sondern sich auch mal die Position des Gegenübers überlegen”, sagt die Erziehungsberaterin. „Verhandeln ist immer einfacher, wenn man zu verstehen versucht, wovor die Eltern einen schützen wollen.”

Außerdem kann man die Eltern direkt fragen: „Wovor wollt ihr mich eigentlich schützen, wenn ihr mir dies oder jenes nicht erlaubt?” Dann sollte man laut El-Safti-Jütte einen Schritt weitergehen und klären: „Welche Maßnahmen können wir ergreifen, damit ihr nicht so viel Angst habt?” Dazu könne beispielsweise gehören, dass man einmal zu Hause anruft, wenn man bei der Party angekommen ist. „Oder aber man sagt, wohin man mit wem geht und stellt die neuen Freunde auch mal bei den Eltern vor.”

Wer sich dann an die abgemachten Regeln hält, wird es leichter haben, die Grenzen auszuweiten, sagt der Diplom-Psychologe Ulrich Gerth von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth. „Wer zeigt, dass man sich auf ihn verlassen kann, hat bei der nächsten Verhandlung ein gutes Argument für noch mehr Freiraum.” Es sei daher strategisch günstiger, nicht alles beim ersten Gespräch durchsetzen zu wollen. „Wenn Eltern merken, dass sie sich nicht so viele Sorgen machen müssen, dann sind sie häufig zu weiteren Kompromissen bereit.”

Es geht aber nicht nur um das eigene Vergnügen. „Je verlässlicher ein Jugendlicher ist und je mehr Eigenverantwortung er oder sie zeigt, desto leichter fällt es Eltern, loszulassen”, erklärt Gerth. Das sieht El-Safti-Jütte ähnlich, die selber drei Kinder hat: „Wer als Erwachsener wahrgenommen werden will, sollte auch in anderen Bereichen zeigen, dass er kein Kind mehr ist.”

Wer also mehr Rechte haben will, muss auch mehr Pflichten übernehmen. Daher sollten Jugendliche beispielsweise bereit sein, Aufgaben im Haushalt zu erledigen, gegen die sie sich vorher gewehrt haben - oder zum Beispiel am Sonntag das Frühstück zuzubereiten. „Wenn man nicht nur für die eigenen Vorteile kämpft, sondern auch die Eltern entlastet und ihnen entgegenkommt, fallen weitere Verhandlungen sicher leichter”, sagt El-Safti-Jütte.

Unterstützung von Verwandten holen

Manchmal kann es gut sein, sich bei den Verhandlungen mit den Eltern Hilfe von Verwandten zu holen. „Dabei sollte man aber vorsichtig vorgehen, damit die Eltern sich nicht überrannt fühlen”, rät der Diplom-Psychologe Ralf Kaisen. Wenn die Eltern nämlich den Eindruck haben, dass ihr Kind überall von den familiären Problemen erzählt, könnte es sogar passieren, dass sie ganz auf stur schalten - und zu keinerlei Gesprächen bereit sind.

„Deswegen ist es besser, wenn man sich den Verwandten anvertraut und sie bittet, die Eltern in einem ruhigen Moment anzusprechen”, sagt Kaisen. Doch dann sollten sie auch nicht sagen: „XY hat mir gesagt, dass ihr ihn oder sie nicht machen lasst”. „Besser wäre, wenn die Verwandten das Gespräch anfangen mit: "Ich habe neulich mitgekriegt, dass ..."”, rät Kaisen. „Dann fühlen sich die Eltern nicht gleich in die Ecke gedrängt.”

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