Aachen - Hebamme: Ein Beruf, der sich nicht lohnt?

Hebamme: Ein Beruf, der sich nicht lohnt?

Von: Conny Stenzel
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Aufruf zum Hebammenprotest in
Aufruf zum Hebammenprotest in Köln am 5.Mai v.r.:Eva Lengersdorf,Judith Wächter,, Yvonne Oheim, Claudia Krüger-Buiting Foto: Heike Lachmann

Aachen. „Freiberufliche Hebammen wird es bald nicht mehr geben.” Hebamme Yvonne Oheim (39) sitzt in ihrer Praxis an der Triererstraße in Aachen und malt für ihren Beruf ein düsteres Bild. Die Kreisvorsitzende des Landesverbands der Hebammen NRW schaut auf den Bildschirm ihres Computers, druckt Flyer aus, schreibt Emails und redet immer wieder mit anderen Hebammen.

Yvonne Oheim will aufklären, will bewusst aufrütteln. Anlässlich des Internationalen Hebammentages am 5. Mai werden Hebammen in Köln protestieren. Zwischen 11 und 13 Uhr auf dem Roncalliplatz vor dem Dom. Warum?

„Seit Monaten weisen wir Krankenkassen und Politiker darauf hin, dass durch die steigenden Haftpflichtprämien für unseren Beruf verstärkt freiberuflich tätige Hebammen aus der Geburtshilfe gedrängt werden. Leider passiert nichts”, sagt Yvonne Oheim. Ab dem 1. Juli wird die Prämie für die Haftpflichtversicherung, die jede Hebamme zahlen muss, von 2300 Euro jährlich auf 3700 Euro angehoben. „Den Preissteigerungen stehen Honorare gegenüber, die viel zu niedrig sind”, sagt sie.

So erhalten freiberufliche Hebammen für die Betreuung einer Geburt inklusive acht Stunden vor der Geburt und drei Stunden danach ein Bruttohonorar von 224,40 Euro für eine Geburt im Krankenhaus, 367,20 Euro für eine Geburt im Geburtshaus und 448,80 Euro für eine Hausgeburt. „Rechnen wir alles zusammen, teilen den Stundenaufwand durch unseren Lohn, erhalten wir 7,50 Euro die Stunde”, rechnet Oheim vor. „Davon können wir nicht leben. Hätte ich meinen Mann nicht, könnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben.”

Als Selbstständige, bei einer dreiviertel Stelle, verdiene sie weniger als 1000 Euro im Monat, wovon noch 300 Euro Krankenversicherung abgingen. Kindern hilft die Aachenerin gar nicht mehr auf die Welt. „Um eine Geburt zu begleiten, muss man permanent in Rufbereitschaft sein. Mit meinen Kinder, acht und fünf Jahre alt, kann ich diese Bereitschaft nicht gewährleisten.” Sie hält stattdessen Sprechstunden ab, begleitet Geburtsvorbereitungskurse, bietet Rückbildungsgymnastik an, gibt einen Bauch- und Rücken-Kurs, leitet Mütter bei der Babymassage an.

„Es ist so schön, Kinder auf die Welt zu bringen. Es ist schön, den Vätern während des Geburtsvorbereitungskurses Massagetechniken beizubringen. Es ist schön, die Väter zu beobachten, die während der Kurse die Möglichkeit haben, eine Beziehung zu ihrem Ungeborenen aufzubauen. Und es ist schön, die Mütter zu begleiten, mit ihnen über die Geburt und die Zeit danach, über das Stillen und die Ernährung zu reden”, erzählt Yvonne Oheim. Mehr als 1100 Bewerbungen hat die Hebammenschule im Luisenhospital jährlich. 15 Plätze sind jedes Jahr zu vergeben. „Über Nachwuchsprobleme können wir uns nicht beklagen”, sagt die Leiterin der Schule, Susanne Peters. Yvonne Oheim findet es „schlimm, dass wir heute wieder auf Verhältnisse wie in den 70er Jahren zuzusteuern scheinen”.

„Die Kaiserschnittrate ist in den letzten Jahren auf 30 Prozent gestiegen. Wenn eine Frau in den Wehen liegt, die Herztöne des Baby für einen kurzen Moment nicht mehr gut zu hören sind - was normal ist, wenn das Baby in den Geburtskanal rutscht - und der Arzt sagt: Jetzt machen wir einen Kaiserschnitt.’, wird sich keine Mutter dagegen entscheiden.” Was die werdenden Mütter nicht wissen, „dass das Krankenhaus für eine Kaiserschnittgeburt rund 2000 Euro erhält und für eine normale spontane Geburt 500 Euro”, sagt Oheim. „Kaiserschnitte können Ärzte und Kinderkrankenschwestern begleiten, dazu bedarf es gar keiner Hebamme mehr.”

Nun wollen die Hebammen die Bevölkerung aufrütteln und zwischen dem 5. und 25. Mai 50 000 elektronische Unterschriften sammeln. Die E-Petition an den Deutschen Bundestag wird ab dem 5. Mai unter https://epetitionen,bundestag.de zu finden sein. „Bekommen wir nicht genügend Unterschriften zusammen, werden sich die Politiker mit unserem Anliegen nicht beschäftigen.” Oheim hofft also auf eine große Teilnahme auch am Treffen in Köln. „Die Schieflage zwischen Einkommen und Ausgaben der Hebammen wird dazu führen, dass es zu einem reduzierten Angebot außerklinischer Geburtshilfe und von Beleggeburten kommt, weshalb zukünftig das Recht der Frauen auf eine freie Wahl des Geburtsortes ausgehebelt wird.”

Die Rechnung sei einfach: Zahlen die Krankenkassen den Hebammen zu wenig für eine Geburt und steige der Beitrag für die Haftpflichtversicherung, können die freiberuflichen Hebammen sich ihren Job nicht mehr leisten. „Natürlich müssen wir uns versichern. Geht bei einer Geburt etwas schief, sitzt der Mensch später im Rollstuhl oder muss zur Krankengymnastik, müssten wir das aus der eigenen Tasche zahlen. Ist der Schaden ein oder zwei Millionen Euro hoch, wären wir erledigt”, urteilt die Kreisvorsitzende.

Mehr als 80 freiberufliche Hebammen wirken Aachen und der Region. Hebammen, die behaupten, sich sich ihren Beruf kaum noch leisten zu können. „Mit dem Hebammenvertrag vom 1. August 2007 ist eine laufende Steigerung der Hebammenhonorare festgezurrt”, sagt Andrea Kleinbreuer, Pressesprecherin der Techniker Krankenkasse. So seien 2007 die Honorare um 2,7 Prozent erhöht worden, 2009 um 2 Prozent und in diesem Jahr noch einmal um 1,5 Prozent. Yvonne Oheim bleibt dabei: Ändere sich die Einkommenssituation nicht deutlich, könnte es freiberufliche Hebammen bald nicht mehr geben.
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