Häufiger Durst und Schlappheit: Diabetes bei Kindern

Häufiger Durst und Schlappheit: Diabetes bei Kindern

Von: Christina Schallenberg­, ddp
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Kinder/Chips/Diabetes
Zwei Jungen sitzen vor dem Fernseher und essen Kartoffelchips. Jedes tausendste Kind in Deutschland ist an Diabetes vom Typ 1 erkrankt. Jahr für Jahr kommen 2000 bis 3000 Kinder dazu - Tendenz steigend. Die Zahl der Neuerkrankungen mit diesem Typ des Diabetes in der Altersgruppe bis 15 Jahre wächst seit Beginn der 90er Jahre um jährlich drei bis vier Prozent. Foto: ddp

<b>Leipzig/Münster.</B> Jedes tausendste Kind in Deutschland ist an Diabetes vom Typ 1 erkrankt. Jahr für Jahr kommen 2000 bis 3000 Kinder dazu -­ Tendenz steigend. Die Zahl der Neuerkrankungen mit diesem Typ des Diabetes in der Altersgruppe bis 15 Jahre wächst seit Beginn der 90er Jahre um jährlich drei bis vier Prozent. Das bedeutet eine Verdoppelung bis zum Jahr 2020.

Doch auch bei Diabetes vom Typ 2 weist der Trend nach oben, wenn auch hier die exakte Erfassung der Zahlen schwieriger ist. Dieser Typ der Zuckerkrankheit galt lange als „Alterszucker”, weil er vor allem bei Menschen über vierzig auftrat. Doch dieses Bild beginnt sich zu verschieben. Bei mehr und mehr jungen Menschen ­- Kinder eingeschlossen -­ wird heute Diabetes vom Typ 2 diagnostiziert.

Es sei hierzulande aber noch keine Epidemie wie in den USA, beschwichtigt Thomas Kapellen, Oberarzt mit Schwerpunkt Kinderdiabetologie und Endokrinologie an der Leipziger Poliklinik für Kinder und Jugendliche. In Deutschland sind derzeit rund 800 Kinder unter 18 Jahren mit Diabetes vom Typ 2 in der Datenbank ­- verglichen mit 25.000 Kindern für Typ 1. Bisher gebe es beim Typ 2 in dieser Altersgruppe keinen exponentiellen Anstieg, erläutert der Mediziner. „Doch was massiv zunimmt, das ist die Adipositas - die Fettleibigkeit - im Kindesalter”, erklärt er weiter.

Damit ist auch gleich der Hauptgrund für das Auftreten des Diabetes vom Typ 2 bei Kindern und Jugendlichen angesprochen: Es ist das Übergewicht, genau wie bei den Erwachsenen. Schätzungen zufolge bringt inzwischen jedes sechste Kind in Deutschland zu viel auf die Waage. Die Korpulenz begünstigt den Diabetes vom Typ 2 und so ist es nicht überraschend, dass diese Art der Zuckerkrankheit bei Kindern immer an Fettleibigkeit gekoppelt ist.

Daraus ergibt sich ein einleuchtender Ansatz zur Vorbeugung: Bewegung, Bewegung, Bewegung -­ und damit Übergewicht vermeiden. Ralph Ziegler, Kinderdiabetologe in Münster, setzt vor allem auf Aktivitäten des Alltags: „Mit dem Fahrrad zur Schule fahren, mal die Treppe nehmen.” Es sind die kleinen Dinge, die -­ früh genug begonnen -­ einen großen Unterschied machen.

Für Kinder, die bereits korpulent sind, empfiehlt der Arzt Sportgruppen für Übergewichtige, die heute vermehrt angeboten werden: „Da müssen sie sich nicht mit den ganzen Supersportlern messen.” Es ist dabei wichtig, den Erfolg nicht nur an der Gewichtsabnahme festzumachen: Mit Bewegung nimmt sofort die Insulinempfindlichkeit der Zellen zu, selbst wenn die Kilos bleiben. Damit beugt sportliche Aktivität auf jeden Fall Typ-2-Diabetes vor.

Weit weniger eindeutig ist die Lage beim Diabetes vom Typ 1. Zwar steigen die Zahlen, doch keiner weiß so recht warum. Und so gibt es auch keine bewiesene Methode zur Vorbeugung: „Wir können den Diabetes Typ 1 zurzeit nicht verhindern”, sagt Ziegler. Dennoch gilt die übliche Empfehlung, so lange wie möglich zu stillen und mit Beikost, vor allem Kuhmilch, frühestens im Alter von fünf bis sieben Monaten anzufangen.

Und woran erkennt man, ob das Kind bereits Diabetes hat? Am Anfang gibt es oft überhaupt keine Symptome, doch mit der Zeit stellt sich erhöhter Durst ein und das Kind muss häufiger zum Wasserlassen aufs Klo. Hinzu kommen Gewichtsabnahme und allgemeine Schlappheit. Ultimativ läuft es auf Wasserverlust hinaus: „Das schaukelt sich dann soweit hoch, dass das Blut übersäuert”, erklärt Kapellen.

Die Anzeichen sind Bauchschmerzen, Erbrechen und auffälliges Atmen. Der Atem riecht oft nach acetonhaltigem Nagellackentferner, doch kann dies -­ aus genetischen Gründen -­ nur ein Teil der Bevölkerung riechen. Kapellen schätzt, dass in Deutschland rund 25 Prozent der Kinder mit Diabetes erst in diesem lebensgefährlichen Stadium diagnostiziert werden.

Während beim Diabetes vom Typ 1 häufig nur wenige Wochen zwischen den ersten Anzeichen und einer Diagnose liegen, verläuft der Typ 2 oft schleichend. Die Fettleibigkeit, die ja den Diabetes auslöst, verdeckt zunächst einmal Symptome wie Schlappheit und Gewichtsabnahme. Aus diesem Grunde rät die Deutsche Diabetes Gesellschaft, Kinder mit Adipositas und mindestens einem weiteren Risikofaktor, beispielsweise einem Elternteil mit Diabetes vom Typ 2, auf diese Krankheit hin zu testen. Als adipös gelten Kinder, die dicker sind als 97 Prozent ihrer Altersgenossen.

Auch bei der Behandlung gibt es große Unterschiede zwischen Diabetes vom Typ 1 und Typ 2. Im ersten Fall liegt ein klarer Insulinmangel vor, der nur durch das Zuspritzen von Insulin behoben werden kann. Neben der Spritze und dem Insulin-Pen gibt es heutzutage auch die Insulinpumpe, die das Hormon in regelmäßigen Zeitabständen über einen Katheter zuführt. Im Idealfall kann sie das tägliche Spritzen ersetzen, doch das ständige Kontrollieren des Blutzuckerspiegels bleibt. Eine ausgewogene Ernährung, beispielsweise mit viel Brot, Obst und Gemüse und weniger Süßigkeiten und Snacks, erleichtert die Einstellung mit Insulin.

Beim Diabetes vom Typ 2 gilt für Kinder wie Erwachsene: Bewegen und Abnehmen. Wird Übergewicht abgebaut, kann es tatsächlich sein, dass der Blutzuckerspiegel sich normalisiert. „Das ist dann quasi wie Heilung, erstmal”, sagt Kapellen. Allerdings räumt er ein, dass das Risiko bleibt und die Gewichtsabnahme in den seltensten Fällen von Dauer ist.

Typ 1 und Typ 2

Diabetes mellitus geht immer mit erhöhtem Blutzuckerspiegel einher, doch kommt es zur Überzuckerung des Blutes auf verschiedene Weise:
Der Diabetes vom Typ 1, früher auch oft „juveniler Diabetes” genannt, da er bereits im Kind- und Jugendalter auftritt, ist eine Autoimmunerkrankung. Das eigene Immunsystem greift dabei diejenigen Zellen in der Bauchspeicheldrüse an, die für die Insulinproduktion verantwortlich sind.

Die Zerstörung dieser Zellen führt zum akuten Insulinmangel, der wiederum eine Überzuckerung des Blutes hervorruft. Insulin ist der Schlüssel, der Muskel- und Fettzellen für die Glukose im Blut aufschließt. Ein Insulinmangel führt daher nicht nur zu erhöhten Blutzuckerwerten, sondern auch zu einer Unterversorgung der Zellen.

Beim Diabetes vom Typ 2 mangelt es ganz und gar nicht an Insulin, doch verlieren die Muskel- und Fettzellen in diesem Fall ihre Empfindlichkeit für das Hormon. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies zu kompensieren, indem sie mehr und mehr Insulin ausschüttet. Trotz erhöhtem Insulinspiegel lassen die Zellen jedoch immer weniger Glukose einströmen, wodurch sich der Zucker im Blut anreichert.

Buchtipp: Wolfgang Hecker, Bela Bartus: „Diabetes bei Kindern. Alles Wissenwerte für Sie und Ihre Familie. Wie sich Ihr Kind unbeschwert entwickelt und erwachsen wird. Sicher in Schule und Freizeit”, Karl F. Haug Fachbuchverlag, 2002, 19,95 Euro, ISBN: 978-3830430582
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