Hamburg/Bremen - Gewalt ist in der Ausbildung oft an der Tagesordnung

Gewalt ist in der Ausbildung oft an der Tagesordnung

Von: Sebastian Knoppik, dpa
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Gewalt in der Ausbildung
Gewalt in der Ausbildung ist häufig an der Tagesordnung. Foto: dpa

Hamburg/Bremen. Von der kleinen Gehässigkeit bis zur schweren Körperverletzung: Aggressionen und Gewalt gehören in der Berufsausbildung oft zur Tagesordnung. Das bekommen auch Ausbilder immer mehr zu spüren.

Inzwischen gibt es Präventionsprogramme, die Gewalt und Aggressionen an Berufsschulen und in Ausbildungsbetrieben verhindern sollen.

Viele Unternehmer und Arbeitnehmer würden das Thema Gewalt in der Ausbildung verdrängen, erklärt Ralf Schweer, Arbeitspsychologe bei der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) in Hamburg.

Gründe seien Angst vor Wettbewerbsnachteilen oder Arbeitsplatzverlust, so der Experte: „Dabei ergeben Befragungen von Ausbildern und Lehrkräften, dass aggressives Verhalten, Konfrontationen oder Gewalt zwischen Jugendlichen zum Alltag in ihrem Beruf gehören.”

60 Prozent der von der VBG Befragten werden mindestens einmal in der Woche mit Gewalt oder aggressivem Verhalten konfrontiert. Dabei ist das Spektrum durchaus unterschiedlich. Es reicht von bösen Worten über Rüpeleien bis zu Körperverletzungen.

Die Anzahl der Schulunfälle je 1000 Schüler ist seit Jahren stabil. Sie lag laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung in Berlin 2007 bei 74,27 - ein minimaler Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Prozent. In diesen Zahlen stecken auch Verletzungen nach Gewalttätigkeiten. Sie werden in der offiziellen Statistik allerdings nicht eigens aufgeschlüsselt.

Ähnlich wie in anderen Bereichen habe die Gewalt hier vermutlich nicht zugenommen, sagt Detlef Braun, Experte von der Unfallkasse Bremen: „Aber die Qualität nimmt zu.” Das heißt, die Gewalttätigkeiten an Berufsschulen und in den Ausbildungsbetrieben werden immer brutaler.

Auf dem Vormarsch sei auch an Berufsschulen das sogenannte Bullying, wie die Wissenschaft eine spezielle Form des Mobbings an Schulen nennt. Als Grund für die zunehmende Gewaltbereitschaft sieht Schweer vor allem die mangelnde Disziplin vieler Azubis: „Der Respekt vor dem Lehrpersonal hat deutlich abgenommen.”

Herbert Scheithauer, Psychologe und Experte für Jugendgewalt von der Freien Universität Berlin (FU), sieht vor allem die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen als Ursache für Aggressionen: „Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.” Die „Sinnhaftigkeit” einer Ausbildung sei vielen nicht klar, meint der Psychologe. Das gelte insbesondere für Jugendliche, die in Berufsvorbereitungs-Maßnahmen betreut werden, weil sie bislang keinen regulären Ausbildungsplatz gefunden haben.

„Auch Lehrer können daran arbeiten, dass sie den Jugendlichen eine Perspektive bieten”, sagt Scheithauer. „Es hat sich gezeigt, dass an Schulen, an denen entsprechende Konzepte existieren, nicht so viel Gewalt herrscht.” Um Gewalt an Berufsschulen und in Ausbildungsbetrieben entgegenzuwirken, bieten einige Berufsgenossenschaften inzwischen spezielle Trainingsprogramme an. Dabei geht es unter anderem darum, Ausbilder zu schulen, damit sie mit Gewalt und Aggressionen der Jugendlichen besser zurechtkommen.

Aber auch Kurse für ganze Berufsschulklassen werden angeboten. Eines dieser Programme hat FU-Forscher Scheithauer entwickelt. Dabei diskutieren die Trainer zunächst mit den Schülern über das Thema Gewalt. „Viele Jugendliche wissen gar nicht, dass ihr Verhalten gewalttätig ist”, erzählt Scheithauer. Anschließend stellen die Berufsschüler in Rollenspielen Situationen nach, in denen Gewalt droht.

Wissenschaftliche Begleitstudien des Fairplayer-Programms haben ergeben, dass sie eine positive Wirkung haben, wie Scheithauer sagt: „Die Gewalt ist an diesen Schulen um 50 Prozent zurückgegangen. Außerdem sind die Schüler eher in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen.”

Auch Detlef Braun von der Unfallkasse Bremen hat positive Erfahrungen mit Gewaltpräventionsprogrammen gemacht. Es sei wichtig, die Struktur einer Klasse oder Abteilung im Betrieb zu erkennnen. So gebe es in jeder Gruppe etwa 15 bis 20 Prozent mit einer hohen sozialen Kompetenz. Weitere 30 bis 60 wüssten nicht, wo sie hin wollen. „Es geht darum, die Störer in die Gruppe zu integrieren.”

Nicht immer ist ein Gewalt-Präventionsprogramm nötig. Oft helfen schon kleine Veränderungen, um aggressives und brutales Verhalten in Betrieb oder Berufsschule einzudämmen. Ganz wichtig sei die Frage, wie man miteinander umgeht, erklärt Psychologe Scheithauer: „Lehrer können sehr aktiv etwas für das soziale Klima tun.” Dazu gehöre etwa das Formulieren konkreter Verhaltensregeln.

Doch auch Anti-Gewalt-Trainings und Hausordnungen können Aggressionen und Gewalt in der Berufsausbildung nie ganz verhindern, sagt Detlef Braun. Lehrer und Ausbilder müssten immer wieder von Neuem für ein positives Klima in der Ausbildung sorgen, sagt der Präventionsexperte: „Man braucht einen langen Atem.”
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