„Gesundheit!”: Anständiges Niesen gehört zur Etikette

Von: Julia Wäschenbach, dpa
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Winterzeit ist Erkältungszeit. In Bahnen und Büros wimmelt es von hustenden, schnupfenden und niesenden Mitmenschen. Dabei aber die wohlerzogenen von den rücksichtslosen Schniefern zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach. Foto: dapd

Münster/Bielefeld. Es ist alles ganz schön verzwickt. Wer in die Hand niest, wenn es in der Nase kitzelt, wird beim nächsten Händeschütteln als Bazillenherd verteufelt. Wer auf diesen Nieser dann „Gesundheit!” wünscht, erntet aber auch nur Naserümpfen. Bei Erkältungen die richtige Etikette zu wahren und den Gegenüber vor dem gleichen Schnupfen-Schicksal zu bewahren, will gelernt sein.

Aber Obacht! Was vor wenigen Jahren noch als höflich galt, ist heute schon tabu. Denn über die Zeit haben sich viele Benimmregeln geändert.

Lieber in die Armbeuge als in die Hand niesen

„Auch wenn es vor allem Älteren fremd vorkommen mag: Wir empfehlen, als Notlösung in die Armbeuge zu niesen, wenn so schnell kein Taschentuch zur Hand ist”, erklärt Inge Wolff vom „Arbeitskreis Umgangsformen” in Bielefeld. Das freie Gremium gibt seit mehr als 50 Jahren Empfehlungen zum guten Benehmen heraus. Zum Beispiel zum anständigen Niesen. Die Empfehlung, in die linke Hand zu prusten, ist spätestens seit der Schweinegrippe hinfällig. Das hat nicht nur Höflichkeits- sondern vor allem Hygienegründe, sagt Inge Wolff.

Das sieht Alexander Mellmann, Arzt am Institut für Hygiene der Uniklinik Münster, ähnlich: „Die Erkältungsviren sind schnell übertragen, wenn ich jemandem die Hand gebe und mir danach zum Beispiel ins Gesicht fasse.” An Türklinken können die lästigen Keime sogar Tage überleben. Mellmanns Rat an Schniefnasen: „Einmal- Taschentücher verwenden und zur Begrüßung keine Küsschen verteilen”. Ein verweigerter Handschlag als Ausdruck von Höflichkeit sei aber noch nicht in vielen Köpfen verankert, sagt Inge Wolff. „Damit er nicht missverstanden wird, ist es gut, ihn mit einem erklärenden Satz begleiten.”

Der höfliche Kranke

Wer nicht unbedingt unter Menschen gehen muss, verschiebt als höflicher Kranker zumindest seine Freizeittermine und verzichtet etwa auf Saunagänge oder Tanzstunden. „Gerade in der Anfangsphase der Erkältung sollte man vielleicht nicht auf Geburtstagspartys gehen”, rät Hygiene-Mediziner Mellmann. Wenn die teuren Theaterkarten nicht verfallen sollen, deckt sich der erkältete Besucher laut Inge Wolff am Besten mit Taschentüchern und Hustenbonbons ein. „Dann gilt es aber natürlich auch, nicht mit dem Papier zu rascheln”, sagt sie, „und bei einem aufkeimenden Hustenanfall den Saal zu verlassen.”

„Gesundheit!” ist passé

Solcherlei Erkältungs-Etikette werde mittlerweile schon den ganz Kleinen im Kindergarten beigebracht, berichtet die Anstandsexpertin. So lernen sie zum Beispiel auch, dass der ehemals höfliche Wunsch „Gesundheit!” nicht mehr in jeder Situation angebracht ist. „Wir empfehlen, das zumindest in großer Runde wegzulassen, und auch in anderen Gesprächen zu überlegen, ob es sinnvoll ist”, sagt Inge Wolff. Der Grund: Viele Menschen fühlten sich ohnehin als Störenfriede, wenn sie ständig niesten. „Vor allem bei Allergikern wächst es sich dann zur Ironie aus, wenn man jedes Mal Gesundheit flötet”, erklärt sie.

Wie andere unfreiwillige Körpergeräusche könne man das Niesen einfach überhören. „Wenn der Magen grummelt, wünscht man ja auch kein angenehmes Hungergefühl”, vergleicht Wolff. Auch einem Husten folge kein gutgemeinter Wunsch. Früher sei „Gesundheit!” sogar eine egoistische Angelegenheit gewesen: „Zu Zeiten der Pest soll das ein Abwehrwunsch für sich selbst gewesen sein, der Krankheit zu entgehen.” Das wüssten heute viele nicht mehr. Im Grunde spiele es aber auch keine Rolle. Denn, betont Wolff, „höflich ist immer das, was ein Mensch als höflich empfindet”. Wer seinen Mitmenschen also weiterhin „Gesundheit!” wünschen will, darf das bei allem Anstand auch tun.
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