Für beide Seiten nicht einfach: Wenn Eltern älter werden

Von: Aliki Nassoufis, dpa
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Hand in Hand: Während früher die Eltern für die Kinder sorgten, ist es in der Regel irgendwann andersherum. Foto: dpa

Düsseldorf. Über viele Jahre war die Rollenverteilung klar: Die Eltern halfen den Kindern beim Start ins Leben und begleiteten sie lange Zeit als Berater. Doch mit der Zeit ändert sich das. Wenn die Eltern älter werden, müssen die Kinder ihnen zunehmend zur Seite stehen - und die Eltern müssen lernen, sich helfen zu lassen.

Das ist für beide Seiten nicht einfach. Wenn aber Eltern und Kinder einige Dinge beachten, klappt der Rollentausch.

„Kinder haben häufig Schwierigkeiten damit, ihre Eltern altern zu sehen, weil sie dann mit ihrem eigenen Altern konfrontiert werden”, erklärt der Diplom-Psychologe Walter Andritzky aus Düsseldorf. Die Eltern lebten den Kindern also gewissermaßen ihre Zukunft vor - „einige können das akzeptieren, andere wehren das lieber ab”.

Aber auch die Eltern hätten oft Probleme mit dem Altern und den damit einhergehenden Veränderungen des Lebens wie der eingeschränkten Mobilität. „Es ist oft schlecht für das Selbstwertgefühl, wenn sie nun auf Hilfe angewiesen sind”, sagt Andritzky. „Viele wehren sich lange dagegen, kaschieren vielleicht auch ihre Hilfsbedürftigkeit oder reagieren aggressiv, wenn Angehörige ihnen helfen wollen.”

Ilse Biberti kennt die Schwierigkeiten, die mit dem Altern der Eltern einhergehen, aus eigener Erfahrung: „Jeder hatte bislang sein eigenes Leben - die Eltern genauso wie die Kinder”, sagt die Autorin aus Berlin. „Nun verliert eine Seite einen Teil des gewohnten Lebens, und die andere Seite bekommt mehr Verantwortung und Fürsorge dazu.”

Dabei sei vor allem wichtig, dass beide Seiten die neuen Lebensbedingungen akzepierten. „Es gehört dazu, dass Eltern irgendwann nicht mehr alles wie früher schaffen und Hilfe beim Einkauf, Wäschewaschen, Arztbesuchen oder auch bei den finanziellen Aspekten brauchen”, sagt Biberti. Ihre Kinder könnten ihnen nicht vorwerfen, dass sie etwas nicht mehr können, sondern sollten sich sagen „Das ist jetzt so, das ist normal”. Es bringe nichts, sich über die Eltern zu ärgern. Stattdessen sei es hilfreicher, sich gemeinsam mit der jeweiligen Situation auseinanderzusetzen.

„Wenn beispielsweise die Eltern nicht genug trinken, hilft es nicht, ihnen im Befehlston vorzuschreiben Trinkt mehr”, sagt Biberti, die über die Erfahrungen mit ihren Eltern zwei Bücher geschrieben hat. „Vielleicht haben sie ja wirklich kein Durstempfinden.” Es sei besser, gemeinsam zu überlegen, wie die Eltern genug Flüssigkeit bekommen, beispielsweise, indem morgens Wasserflaschen gut sichtbar in die Küche gestellt werden.

Schwieriger wird es bei intimeren Themen wie Inkontinenz. „Da könnte es gerade für Töchter eine Hemmschwelle geben, mit ihrem Vater drüber zu reden”, sagt Biberti. In solchen Fällen helfen vielleicht andere Angehörige oder Freunde. „Möglicherweise gibt es einen Onkel, mit dem der Vater reden kann, oder der Hausarzt bietet Hilfe an.”

Auch wenn es für Eltern anfangs unangenehm ist, würden die meisten Hilfe annehmen. Dabei komme es darauf an, sie weiterhin mit Respekt zu behandeln. „Man muss die Unterstützung auf Augenhöhe anbieten und darf niemanden einfach bevormunden”, erklärt die Autorin. Die Hierarchie sollte gewahrt werden. „Vater und Mutter bleiben Vater und Mutter, ich wurde eine Tochter mit erweiterten Kompetenzen.”

Gerlinde Strunk-Richter rät den Eltern, sich frühzeitig mit ihrem Altern und damit verbundenen Veränderungen auseinanderzusetzen. „Es ist sinnvoll, sich zeitig zu überlegen, wie und wo man im Alter leben möchte”, sagt die Expertin vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Nur wer lange über sein Leben bestimmen kann, bewahre sich seine Unabhängigkeit.

Dabei sei auch die Frage wichtig: „Wer genießt mein Vertrauen, um Dinge in meinem Sinne zu regeln?” Das könnten laut Strunk-Richter ganz alltägliche Dinge sein wie „Wer darf die Post abholen?” und „Wer darf meine Finanzen regeln?”. Es sei am besten, solche Regelungen schriftlich festzulegen - und immer mit den Angehörigen im Gespräch zu bleiben, um ihnen die eigenen Vorstellungen mitzuteilen. „Kinder wissen oft nicht, was die Eltern wollen, deshalb kann es passieren, dass sie Entscheidungen treffen, die die Eltern nicht wollen.”

Was eventuell als Bevormundung wahrgenommen wird, kann durchaus gut gemeint sein - aber aus Unwissenheit geschehen. Das Problem sei, dass sich daraus Konflikte entwickelten, sagt Strunk-Richter. „Streit entzündet sich oft aus alltäglichen Dingen.” Daher kann es zum Beispiel wichtig sein, den Kindern klar zu machen, was sie genau eingekaufen sollen. Immerhin könnten eine bestimmte Kaffeesorte oder die Lieblingsschokolade für einen selbst zur Lebensqualität beitragen - gerade dann, wenn man selber nicht mehr einkaufen gehen kann.

Informationen: Beim Bundesjustizministerium gibt es Informationen zu Themen wie Betreuungsrecht: http://bit.ly/Betreuungsrecht)

Literatur: Ilse Biberti: Hilfe, meine Eltern sind alt, Ullstein, ISBN 978-3-548-36980-8, 18,00 Euro.


Nicht zu früh zu viel für die Eltern tun

Einige Menschen wollen sich im Alter möglichst gar nicht helfen lassen, andere genießen das Umsorgtwerden sogar. Die Autorin Ilse Biberti rät Kindern jedoch, nicht zu früh zu viel für die Eltern zu tun. „Nur weil beispielsweise der Pullover schmutzig ist, muss man nicht sofort anfangen, regelmäßig alle Kleider zu waschen.”

Ähnliches gelte für Eltern, die schlecht laufen können. „Man sollte sie ruhig ihre Brille selbst holen und den Tisch mit decken lassen.” Denn eines sei wichtig: „Die Ressourcen der Eltern so lange wie möglich zu erhalten. Alles, was sie noch können, unterstützt die Lebensfreude.”
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