Berlin/Saarbrücken - Fernbedienung für Rollstuhl, Herd und Balkontür

Fernbedienung für Rollstuhl, Herd und Balkontür

Von: Patricia Czarkowski, ddp
Letzte Aktualisierung:

Berlin/Saarbrücken. Eine etwas abgehackte weibliche Stimme fordert laut und deutlich: „Balkontür bitte schließen, Herd ausschalten nicht vergessen, Lieblingssendung vorprogrammieren”.

So könnte es klingen, wenn in Zukunft das System i2home in Privathaushalten eingesetzt wird. Das EU-geförderte Projekt soll älteren und kognitiv eingeschränkten Menschen dabei helfen, so lange und so unbeschwert wie möglich alleine in der eigenen Wohnung leben zu können.

Damit das gelingt, arbeiten Wissenschaftler des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken an der Entwicklung einer „Interaktion mit netzfähigen Geräten”, wie es in der Fachsprache heißt.

Der i2home-Projektkoordinator Jan Alexandersson und sein Team stellen eine Art sprach- und gestenbasierte Fernbedienung her, die auf sämtliche Haushaltsgeräte einer Wohnung reagiert. „Eine der Schwierigkeiten besteht darin, die Technik so einfach zu gestalten, dass auch Senioren sich darauf einlassen und sie verstehen können”, sagt der gebürtige Schwede Alexandersson.

Eine Herausforderung, für die es sich zu kämpfen lohnt, meinen nicht nur die DFKI-Forscher, sondern auch viele Altenpfleger.

„Ältere Menschen wollen so lange wie möglich ein selbstständiges Leben in ihren eigenen vier Wänden führen”, weiß Christiane Sievert, Leiterin des Seniorenzentrums St. Konrad in Berlin. Die Altenpflegerin ist immer wieder überrascht davon, wie fit auch hoch betagte Senioren, physisch wie psychisch, noch sind. „Bei uns sind gerade Handys und Laptops mit extragroßen Tastaturen stark im Kommen”, sagt sie mit einem Lächeln.

Für die Zukunft wünscht sich Sievert aber noch mehr technische Geräte, die den Alltag älterer, alleine wohnender Menschen erleichtern. Dies sei angesichts der stark steigenden Rentnerzahlen auch mehr als nötig. „Die Pflegeheime könnten es gar nicht bewältigen, alle älteren Menschen aufzunehmen”, sagt Sievert.

Derzeit sind rund 20 Millionen Deutsche im Ruhestand, das entspricht rund 25 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2050 soll die Zahl demografischen Berechnungen zufolge auf gut 40 Prozent ansteigen. Alexandersson verweist darauf, dass technische Erfindungen wie das i2home den Alltag älterer Menschen erleichtern und dabei helfen könnten, Pflegeheime zu entlasten.

Der Wissenschaftler rechnet damit, dass innerhalb der nächsten zwei Jahre die ersten i2home-Installationen auf Probe eingesetzt werden. Nicht nur die Klimaanlage, der Fernseher oder das Handy könnten dann mit der Stimme oder Handzeichen ein- oder ausgeschaltet werden.

„Mit i2home könnten ältere Menschen zum Beispiel auch daran erinnert werden, wann und welche Medizin sie einnehmen sollen”, sagt der Projektkoordinator. Die Zukunftsvision eines maschinengesteuerten Menschen weist er aber deutlich von sich. „Wir wollen keine Roboter, die Lebewesen ersetzen”, sagt der Forscher mit Nachdruck.

Doch gerade diesem Gedanken kann Zentrumsleiterin Sievert viel Positives abgewinnen. „Ältere Menschen lassen sich zum Beispiel lieber von einem vollautomatischen Rollstuhl durch den Park fahren als von jemandem geschoben zu werden, der die Schönheit einer Kastanie nicht schätzt”, erklärt sie. Keine Gesellschaft sei manchmal eben angenehmer als schlechte. Eine Alternative wäre da ein Rollstuhl oder Rollator mit integriertem i2home-System. Damit könnten nicht nur bestimmte Wege einprogrammiert werden, sondern das Sprachsystem würde den Benutzer auch vor Hindernissen warnen.

Von dieser Idee hält Ursula Lenz, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), allerdings wenig. „Eine Maschine darf nie die menschliche Zuwendung ersetzen”, ist Lenz überzeugt. Es müsse stattdessen dafür gesorgt werden, dass Pfleger so ausgebildet werden, dass sie individuell auf die älteren Menschen eingehen.

„Gegen Geräte zur Hilfe im Alltag ist nichts einzuwenden, aber es muss immer jemanden in meiner Umgebung geben, der mich als Mensch wahrnimmt und für mich da ist”, hebt Lenz hervor. Keine Maschine könne menschliche Kommunikation ersetzen. Wie wichtig das menschliche Miteinander ist, kennt Sievert aus dem Pflegealltag. „Demenzkranke beispielsweise bauen viel schneller ab, wenn sie keine Reize von außen erhalten”.

i2home wäre daher nur bei älteren Menschen sinnvoll, die körperlich und geistig gesund sind und vor allem soziale Kontakte pflegen. Mit Sicherheit wird das System keine Pfleger, keine Altenheime und keine menschlichen Gespräche ersetzen können. Aber das soll es auch nicht. „Wir wollen nur die Grenzen verschieben”, fasst Projektleiter Alexandersson zusammen. Die Grenze als Zeitfenster und Hilfesteller, um möglichst lange selbstständig und bequem seinen Alltag zu meistern.
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