Familienprojekt Englisch lernen: Sprachreisen für Eltern und Kinder

Von: Florian Sanktjohanser, dpa
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Familienprojekt Englisch lernen: Sprachreisen
Nachmittagsunterricht am Strand: Bei Sport und Ausflügen können die Sprachschüler den vormittags gelernten Wortschatz gleich anwenden. Foto: dpa

Köln/Eichstätt. Eigentlich müssten Familien-Sprachreisen schon längst ein Volkssport sein. Schließlich erfüllen sie zwei wichtige Anforderungen der globalisierten Wirtschaftswelt: lebenslanges Lernen und die möglichst frühe Aneignung von Fremdsprachen.

Bei manchen Anbietern können bereits Fünfjährige in Sprachschulen in England grundlegende Begriffe einüben, während ihre Eltern ein paar Klassenzimmer weiter an ihrem Business-Englisch feilen. Doch auf dem deutschen Urlaubsmarkt sind gemeinsame Sprachreisen für die ganze Familie eine Neuheit.

Mit einigen allein erziehenden Müttern fing vor ein paar Jahren alles an, erzählt Thomas Roth, Geschäftsführer des Anbieters Lingua Direkt Travel in Köln. Sie erkundigten sich nach einer Möglichkeit, ihre Kinder auf Sprachferien zu begleiten und dabei die eigenen Sprachkenntnisse aufzufrischen. Als die Anfragen zunahmen, schnürte Roths Firma Pakete, im vergangenen Jahr gab sie den ersten Katalog nur für Familien-Sprachreisen heraus.

Hiltrud Moho aus Köln ist zwar nicht allein erziehend. Da ihr Ehemann aber keine Zeit hatte, wollte sie zu zweit mit ihrem neunjährigen Sohn verreisen und dabei jeden Tag etwas Sinnvolles tun. „Sonst wäre es in den zwei Wochen sicher langweilig geworden”, sagt Moho. Sie buchte eine Familiensprachreise nach England. Das katholische Internat sah aus wie bei Harry Potter, der Sohn war schnell überredet - und trotz seiner geringen Englischkenntnisse begeistert vom Gemeinschaftserlebnis mit Kindern und Jugendlichen aus vielen verschiedenen Ländern. Moho, selbst studierte Anglistin, drückte derweil mit Managern die Schulbank und verfeinerte ihre Kenntnisse in britischer Landeskunde.

In England gebe es solche kombinierten Sprachkurse für Eltern und Kinder schon seit Jahrzehnten, sagt Heiner Böttger. Der Professor für Didaktik der englischen Sprache an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hält das Konzept für „eine rundum gelungene Sache”. Obwohl Eltern und Kinder in getrennten Klassen lernen, werde der Sprachunterricht zum verbindenden Erlebnis, über das man sich austauschen kann. Aus ihrer üblichen Rolle des außenstehenden Nörglers und Besserwissers rutschten die Eltern dabei in die Rolle des Mit-Lerners.

In den Kursen können die Erwachsenen nicht nur ihre eigenen Sprachkenntnisse auffrischen. Gäste, in deren Beruf Fremdsprachen eine wichtige Rolle spielen, können auch professionelle Kurse belegen, die auf bestimmte Berufsgruppen oder Themen zugeschnitten sind. Am beliebtesten ist dabei der Business-Englischkurs. Aber auch Anfängerkurse würden angeboten, sagt Roth.

Der parallele Unterricht von Eltern und Kindern füllt in der Regel den ganzen Vormittag aus. Am Nachmittag würden Ausflüge, Sport oder Workshops angeboten, erklärt Heiner Giese, Geschäftsführer von Offährte Sprachreisen in Bremen. Die Familien können jeden Tag spontan entscheiden, ob sie am Freizeitprogramm teilnehmen oder lieber auf eigene Faust etwas unternehmen wollen. Meist verbringen die Kinder laut Giese, der auch Vorsitzender des Fachverbands Deutscher Sprachreiseveranstalter in Berlin ist, den Nachmittag lieber mit ihren Klassenkameraden aus Spanien, Russland oder den arabischen Emiraten und treffen ihre Eltern nur am Abend.

In der gelösten Urlaubsatmosphäre ohne Notendruck erleben viele Jugendlichen eine vollkommen neue Art des Sprachenlernens. Anders als im Unterricht zu Hause würden englische Lehrer nicht Fehler und Defizite in den Vordergrund stellen, sondern Lernfortschritte, erläutert Böttger. Die wichtigste Erfahrung für junge Sprachschüler sei aber, im Gastland die Sprache im täglichen Leben anwenden zu können.

Viele empfänden es bereits als großes Erfolgserlebnis, wenn sie Essen bestellen und vom Kellner verstanden werden. Sie würden selbstbewusster im Umgang mit der fremden Sprache und entwickelten eine neue Motivation. Diese wirke sich stark auf den weiteren Lernverlauf nach der Rückkehr in die Schule zu Hause aus.

Den größten Effekt habe eine Sprachreise gleich nach dem ersten Schuljahr, in dem ein Kind neu eine Sprache lernt. „Da ist die Motivation noch riesengroß”, sagt Böttger. Diesen Vorteil nutzen viele Eltern. Laut Giese sind Kinder auf Familiensprachreisen zwischen 10 und 14 Jahren alt und damit deutlich jünger als die Teilnehmer reiner Jugendsprachreisen. Ohne ihre Eltern würden sich manche von ihnen niemals trauen, zur Sprachreise in ein fremdes Land aufzubrechen.

Der Lerneffekt bei einer Sprachreise ohne die Eltern ist laut Böttger ohnehin nur größer, wenn ein Jugendlicher bereit ist, ganz allein in das Gastland zu reisen. Nur dann entfalte der sogenannte Invasionseffekt seine volle Wirkung: Der Sprachschüler hat keine andere Möglichkeit, sich zu verständigen und taucht so vollkommen in die fremde Sprache ein. Fährt er dagegen mit seinem besten Freund in den Sprachurlaub, sprächen die beiden in ihrer Freizeit nur Deutsch.

Informationen: Fachverband Deutscher Sprachreiseveranstalter (Tel.: 030/789 53 640)
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