Erste Schritte in der Kita: Weinen gehört bei der Eingewöhnung dazu

Von: Markus Münch-Pauli, dpa
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«Mama soll nicht gehen»: Den meisten Kindern fällt der Abschied von den Eltern in der Kita nicht leicht. Deshalb ist es gut, wenn er schrittweise geübt wird. Foto: dpa

Berlin. Auf eigenen wackligen Beinen stehen Kinder nach ungefähr einem Lebensjahr. Das ist der Zeitpunkt, ab dem sie seit 2013 auch das Recht auf einen Platz in einer Kinderkrippe haben. Um dort gut anzukommen und sich in der zunächst fremden Umgebung wohlzufühlen, müssen Eltern sie an die Hand nehmen.

Genau wie bei den ersten Gehversuchen hängt der gelungene Start in den Kindergarten ganz von der richtigen Begleitung ab. Als erster Schritt werden die Eltern darüber informiert, dass sie bei der Eingewöhnung gebraucht werden, sagt Hans-Joachim Laewen. Der Soziologe arbeitet beim Institut für angewandte Sozialisationsforschung und frühe Kindheit (Infans). Das Berliner Institut hat bereits in den 1990er Jahren einen Standard entwickelt, an dem sich viele Betreuungseinrichtungen für Kinder orientieren, das sogenannte Berliner Modell.

Das Kind an der Tür abzugeben, ist dabei nicht vorgesehen. Mutter, Vater oder eine andere vertraute Person, etwa die Oma, sollen sich stattdessen mehrere Wochen Zeit für die Eingewöhnung nehmen. Bei einem Wiedereinstieg in den Beruf muss also etwas Vorlauf eingeplant sein. „Eingewöhnung kostet viel Zeit, die sich aber absolut lohnt”, sagt Prof. Fabienne Becker-Stoll vom bayrischen Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München.

Eine abrupte Trennung der Kinder von den Eltern würde bei den Kleinen Stress auslösen, der über den Hormonspiegel nachweisbar ist. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder dann häufiger krank werden und die Bindung an die Eltern langfristig leiden kann”, sagt Hans-Joachim Laewen. Selbst wenn die Kinder die Situation mit viel Kraft meisterten: „Wenn es den Kindern emotional schlecht geht, ist das ein zu hoher Preis”, warnt Becker-Stoll.

Die Lösung ist ein sanfter Einstieg, für den Becker-Stoll drei wesentliche Kriterien nennt: Er muss von den Eltern begleitet sein, sich an den Erzieherinnen orientieren und einen bewussten Abschied haben.

Zunächst einmal gehen Vater oder Mutter zusammen mit ihrem Sprössling in die Kindergartengruppe. Hier ist alles neu: die Räume, die Kinder und die Erzieher. „Mutter oder Vater bilden dabei als Bindungspersonen einen sicheren Hafen, in den das Kind bei seinen Erkundungen immer wieder zurückkehren kann”, beschreibt Laewen. Für das Kleinkind heißt es zunächst: umgucken. Je nach Gemüt wird das eine oder andere Spielzeug in die Hand genommen oder ein Kind angesteuert, um es näher zu beschnuppern. „Das Elternteil sollte dabei passiv, aber aufmerksam sein”, sagt Laewen.

Spielen Eltern zu sehr mit ihrem Kind, hat es keinen Grund mehr, sich umzuschauen. Ein ermutigendes Nicken, wenn das Kind zum Beispiel ein neues Spielzeug in die Hand nehmen will, ist hingegen erwünscht. Besonders wichtig für Mädchen und Jungen ist es, mit der zukünftigen Erzieherin vertraut zu werden. Sie spielt im Eingewöhnungsprozess eine Hauptrolle.

„Das muss gut organisiert sein”, sagt Claudia Frey. Sie ist Leiterin der städtischen Kindertagesstätte Rieselfeld in Freiburg. Freie Tage für Erzieher müssen auf das Ende der Eingewöhnung warten, die in der Regel vier bis sechs Wochen dauert. Und das sei auch für die Eltern wichtig, weiß Frey: „Sie leisten gegenüber der Einrichtung ja einen sehr großen Vertrauensvorschuss und lernen die Kita erst richtig kennen, wenn sie mit dabei sind.”

Wenige Tage nach dem Start der Eingewöhnung dürfen Eltern sich das erste Mal abseilen. Denn ihr Kind soll nun allein in der Gruppe sein. Hinter dem Begriff abschiedsbewusst verbirgt sich, dass das Kind lernt: Mama oder Papa gehen, kommen aber auch wieder zurück. Oft ist das der Zeitpunkt der ersten dicken Tränen: Auf dem Arm der Erzieherin wird Mama kurz gewunken, dann ist sie raus und wartet unsichtbar in der Nähe. Lässt das Kind sich nicht trösten, gibt es ein schnelles Wiedersehen und am nächsten Tag geht erstmal das gemeinsame Erkunden weiter.

Kann der Erzieher das Kind jedoch trösten, ist das ein großer Erfolg. „Freut sich das Kind dann, wenn es nach einer halben Stunde wieder abgeholt wird, ist das noch besser”, sagt Soziologe Laewen. Festigt sich gleichzeitig die Bindung zur Erzieherin, dann sind die wesentlichen Hürden genommen.

Die meisten Kinder brauchen dafür zwei bis drei Wochen. Wenn es sehr lange dauert, liegt es vielleicht gar nicht an den Kindern, sondern daran, dass die Eltern sich zu viele Sorgen machen - und diese Unsicherheit überträgt sich wiederum auf den Nachwuchs. „Nach vier Wochen empfehlen wir ein Elterngespräch. Dann ist es manchmal nötig, den Eltern ihre Bedenken zu nehmen, bevor es klappt”, erklärt Laewen.

Laut Fabienne Becker-Stoll spielt die Einstellung der Eltern eine wichtige Rolle: Sie müssten überzeugt davon sein, das Richtige zu tun. Dazu gehört aber auch Ehrlichkeit. Klappt eine Krippen- oder Kindergarteneingewöhnung nicht, kann eine Alternative wie eine Tagesmutter vielleicht besser passen. Im Extremfall wird die Fremdbetreuung besser um ein halbes Jahr verschoben.

„Dass eine Eingewöhnung gar nicht klappt, kommt nur selten vor”, sagt Becker-Stoll. „Fast immer ist dafür eine frühere negative Trennungserfahrung verantwortlich.” Nach einer Scheidung oder anderen dramatischen Ereignissen in der Familie, sollte man dem Kind also genügend Zeit geben.

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