Essen - Entschuldigungsschreiben machen Schulangst nur schlimmer

Entschuldigungsschreiben machen Schulangst nur schlimmer

Von: Christiane Löll, dpa
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Schulangst
Eltern sollten ihr Kind daher konsequent zum Unterricht schicken. Foto: dpa

Essen. Neigen sich die Ferien dem Ende, wird manchen Kindern ganz bange. Plötzlich zwickt der Magen, der Kopf wummert, und das Kind möchte gerne zu Hause bleiben. Das können typischen Symptome für Schulangst sein.

Symptome, die Eltern unbedingt ernst nehmen sollten, erklärt Johannes Hebebrand, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am LVR-Klinikum Essen.

Während eine gewisse Schulunlust immer mal wieder vorkommt, gibt es auch Schüler, die wirklich Angst haben - sei es generell vor der Schule oder vor einzelnen Lehrern, Mitschülern oder Fächern. „Gemeinsam ist allen, dass die Kinder den Schulbesuch oder bestimmte Situationen vermeiden wollen”, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dietrich Petersen aus Langen-Debstedt (Niedersachsen).

„In den wenigsten Fällen kommen Eltern oder Lehrer zu uns mit der Aussage Das Kind hat Schulangst, sondern eher mit dem Beschreiben von diffusen Symptomen”, sagt Ronald Hoffmann von der Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle (REBUS) der Hamburger Schulbehörde. Gibt es Hinweise auf eine Schulangst, werde geklärt, ob sie sich auf einzelne Erlebnisse bezieht oder umfassender ist.

Furcht vor der Mathearbeit ist noch keine Schulangst. „Es ist klar, dass jedes Kind irgendwann einmal Furcht in der Schule hat, zum Beispiel vor einem lautem Lehrer, dem Sportunterricht oder der Mathearbeit”, erklärt der Psychologe. Das sei normal. Löst aber bereits der Gedanke an die Schule Angst aus, müsse etwas geschehen.

Angst zu versagen, nicht akzeptiert und stigmatisiert, schlecht bewertet oder gemobbt zu werden - das alles sind mögliche Ursachen. Hat das Kind überwiegend Angst davor, von den Eltern getrennt zu sein, sprechen Experten von Schulphobie. In Gesprächen mit dem Kind, den Eltern und Lehrern sowie Tests suchen sie nach Gründen.

„Man muss überdenken, ob das Kind auf der richtigen Schulform und gegebenenfalls über- oder unterfordert ist”, sagt Petersen, der Mitautor des „Handwörterbuch Pädagogische Psychologie” ist. Auch sollte geprüft werden, ob eine Teilleistungsschwäche wie eine Lese- und Rechtschreibschwäche vorliegt oder ob das Kind nicht gut sehen oder hören kann.

Sind diese Faktoren ausgeschlossen, geht es laut Petersen darum, das Sozialverhalten des Kindes zu ergründen und zu fragen, ob es generell ängstlich ist. „Eigentlich gehen die meisten Kinder gerne in die Schule, denn sie wollen am sozialen Leben teilhaben, zu einer Gruppe gehören.”

Anzeichen für spätere Schulangst gibt es oft schon im Vorschulalter: Das Kind ist ängstlich, fühlt sich in Gruppen nicht wohl oder möchte nicht in den Kindergarten gehen, erklärt Hoffmann. „Viele Eltern haben dann so reagiert, das Kind diesen Situationen nicht auszusetzen - es gibt ja keinen Kindergartenzwang.”

Das ist bei der Schule anders. Vermeidung führe eher zu einer Verstärkung der Probleme, warnt der Psychologe. Regelmäßig Entschuldigungen zu schreiben, sei fatal. „Es werden keine Erfahrungen gemacht und das einzige, was hilft, sind positive Erfahrungen, angstbesetzte Situationen gemeistert zu haben”, sagt Petersen.

Auch wenn das Kind morgens heftig weint - häufig ein Symptom bei einer Schulphobie -, sollte es einem Lehrer oder Mitschüler übergeben werden, rät Hebebrand. „Das hört sich hart an, es muss aber ein klarer Schnitt da sein. Oft ist die Angst nach zehn Minuten vorbei, und der Tag läuft gut.” Glauben Eltern, sie schaffen das nicht, könne jemand anderes das Kind in die Schule bringen. Die Eltern sollten auch überdenken, wie ängstlich sie selbst sind und ob sie solche Gefühle aus ihrer Kindheit kennen.

„Ganz wichtig ist es, die Ängste des Kindes nicht abzutun”, sagt Hoffmann. Gibt es einen konkreten Anlass für die Angst, zum Beispiel gewalttätige Mitschüler, helfen Sätze wie „Dann geh denen doch aus dem Weg” nicht weiter. Denn das sei in der Realität nicht so einfach möglich. „Stattdessen sollten Fachleute einbezogen werden.” In speziellen Programmen können die betroffenen Kinder gestärkt werden.

Laut Hebebrand führt Schulangst bei Grundschulkindern in den seltensten Fällen zu einer Schulverweigerung, also dem Fernbleiben vom Unterricht über einen längeren Zeitraum. „Dennoch sollte man Schulangst in jedem Fall sehr ernst nehmen.”

Mögliche Zeichen einer Schulangst

Eine Schulangst oder Schulphobie macht sich ganz unterschiedlich bemerkbar: über körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfweh, Einnässen, Schlafstörungen, starkes Weinen am Morgen, aber auch regelrechte Panikattacken. Oft merken Eltern bei den Hausaufgaben, dass bestimmte Fächer nicht bearbeitet werden und die Kinder dabei abgelenkt und unruhig sind. Kommt so etwas regelmäßig vor, sollten sie versuchen, der Ursache auf den Grund zu gehen - wenn nötig, mit der Hilfe von Lehrern und Schulpsychologen.
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