Deutschlands Kinderheime sind voll

Von: Martin Holzhause, dpa
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Münster/Berlin. Jessica, Kevin, Robin, Lea-Sophie: Alle diese Kinder starben qualvoll durch Hunger, Vernachlässigung oder Gewalt. Keiner hatte sie vor ihren Eltern geschützt. Jugendämter standen mit jedem neuen Skandal-Fall stärker unter dem Druck der Öffentlichkeit.

Immer häufiger nahmen sie dann in den vergangenen Jahren Kinder und Jugendliche schon früh aus Problemfamilien. Jetzt zeigen sich die Folgen: Deutschlands Heime sind rappelvoll.

„Seit 2006 hat die Zahl der Heimunterbringungen erheblich zugenommen”, sagt Diakonie-Experte Karl Späth. Er ist Fachreferent für Hilfe zur Erziehung beim Bundesverband in Berlin. „Alle unsere Einrichtungen sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt.”

Das habe zwei Gründe. Zum einen seien Behörden merklich sensibler geworden, wenn das Wohl von Kindern gefährdet sei. In den Jahren vor der Wirtschaftskrise hätten die Kommunen aber auch gute Steuereinnahmen verbucht und so die kostspieligen stationären Plätze bezahlen können.

Mehr als 32.000 Mal nahmen die Ämter in Deutschland im vergangenen Jahr Kinder und Jugendliche in Obhut - oft nur für wenige Stunden, häufig aber auch für lange Jahre. Das ist eine deutliche Steigerung von 14,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und sogar von 26 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden beziffert.

Betroffen sind alle Altersgruppen. Doch vor allem jüngere Kinder haben die Ämter häufiger zumindest zeitweise aus den Familien genommen. Der Anteil der unter Dreijährigen lag 2008 bei zehn Prozent und damit doppelt so hoch wie im Jahr 2000. Mittlerweile ist jedes vierte entzogene Kind acht Jahre alt oder jünger.

„Keiner findet, dass Kinder ins Heim gehören”, sagt Harald Weichert. Dennoch sei dies oft zunächst die erste Anlaufstation. Weichert ist seit 23 Jahren Erziehungsleiter im Vinzenzwerk, einem im Grünen gelegenen Kinder- und Jugendheim am Rande von Münster. Die 119 Plätze seien fast immer vollständig vergeben, das Durchschnittsalter der Schützlinge spürbar gesunken.

Früher seien mehr als 80 Prozent zehn Jahre und älter gewesen, nun sind es nur noch 70 Prozent. Noch vor ein paar Jahren gab es die Überlegung, eine von zwei „Diagnosegruppen” zu schließen. Dort werden Kinder im Vor- und Grundschulalter betreut, bis sie in Pflegefamilien kommen oder zu den Eltern zurückkehren. Zur Schließung kam es nicht. „Alle 15 Plätze sind belegt”, sagt Weichert.

Jugendhilfe-Träger bauen ihr Angebot an Heimen und Wohngruppen wieder aus. So sind etwa in Westfalen in den vergangenen beiden Jahren rund 770 neue Plätze entstanden. „Der Zuwachs ist ungewöhnlich”, sagt Matthias Lehmkuhl, Referatsleiter im Landesjugendamt Westfalen.

Aus Gesprächen mit den Spitzenverbänden der Einrichtungsträger und dem Austausch mit anderen Ämtern weiß auch er, dass die Heime nicht nur in seinem Landesteil voller geworden sind. Zu Überbelegungen komme es deshalb aber nicht. Diese seien ungesetzlich und würden nur in Einzelfällen kurzfristig genehmigt.

Noch in den 90er Jahren waren Heime geschlossen worden. „Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 wurden verschiedene ambulante Maßnahmen eingeführt, um Familien in der Selbsthilfe zu stärken”, erklärt die Expertin für Gewaltprävention, Cordula Lasner-Tietze, vom Deutschen Kinderschutzbund in Berlin. Sozialpädagogen betreuten fortan intensiv Familien, in denen es kriselte. Von ihnen gebe es aber einfach nicht genug, um die Familienprobleme zu lösen. „Denn trotz zunehmender Hilfen ist der Personaleinsatz gleichgeblieben.” Von einem Scheitern der Familienhilfe könne aber nicht die Rede sein.

Für Kinder, die aus ihrem Zuhause genommen werden müssen, seien Pflegefamilien der richtige Ersatz, um familienähnliche Bedingungen zu bieten, findet Lasner-Tietze. Die Heime seien auf die steigende Zahl junger Kinder nicht ausreichend vorbereitet. Zugleich steckten jedoch die Jugendämter in dem Dilemma, in sehr kurzer Zeit professionelle Pflegepersonen finden zu müssen. „Das ist schwierig.”
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