Berlin/Hof - Der lange Abschied vom Nesthocker

Der lange Abschied vom Nesthocker

Von: Maria Hilt, ddp
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Berlin/Hof. Heutzutage gilt es als normal, dass Kinder spätestens nach dem Abschluss ihrer Ausbildung ihr Elternhaus verlassen. Doch längst nicht alle Sprösslinge zieht es im Erwachsenenalter in die große, weite Welt.

Manche bleiben lieber weiter bei Mama und Papa und genießen die Vorzüge eines gut eingespielten Familienlebens - nicht immer zur Freude ihrer Eltern. „Im Grunde ist es ganz einfach: Wenn Eltern nicht mehr bereit sind, so eng mit ihrem erwachsenen Kind zusammenzuleben, sollten sie den Nesthocker einfach hinauskomplimentieren”, sagt Hans-Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratungsstelle an der Freien Universität (FU) Berlin.

Doch in der Realität sei das Problem oft vielschichtiger, als es den Anschein habe. „Schließlich gab es bisher starke Kräfte, die die Familie so eng zusammengehalten haben”, sagt Rückert. So sei es möglich, dass die Eltern sich zwar eigentlich die Unabhängigkeit ihres Kindes wünschten, im Alltag aber doch immer wieder seine Nähe suchten und es verwöhnten.

„Andererseits ziehen Eltern oft trotz allem Ärger einen Nutzen aus dem Zusammenleben mit dem Nesthocker”, sagt Rückert. So sorge das Kind beispielsweise für soziale Kontakte, unterstütze seine Eltern im Haushalt, plane die Familienurlaube oder sorge schlicht dafür, dass es zu Hause nicht langweilig werde: ”Viele sogenannte Nesthocker zögern auch deshalb, von zu Hause auszuziehen - sie fürchten, dass dort nach ihrem Weggang Streit und Chaos ausbrechen.„

Der Auszug des Kindes bedeute für Eltern oft tatsächlich, Bilanz zu ziehen und mitunter harten Fakten ins Auge blicken zu müssen. ”Zu diesem Zeitpunkt wird beispielsweise deutlich, ob das Kind zu einem guten Leben fähig ist oder ob es vielleicht mit dem Leben als Erwachsener Probleme hat„, sagt Rückert. Auch die Qualität der Paarbeziehung zwischen Mutter und Vater trete in diesem Lebensabschnitt plötzlich besonders deutlich in den Vordergrund und zeige dabei unter Umständen auch ihre Schattenseiten.

Das Problem sei also nicht allein auf Seiten der Nesthocker zu suchen. ”Eltern sollten sich darüber klarwerden, dass sie Teil eines Systems sind, das den Nesthocker hervorgebracht hat. Dieses System kann man nicht plötzlich unterbrechen - es muss langsam entflochten werden”, sagt Rückert. Der Diplom-Psychologe empfiehlt Familien, erst einmal herauszufinden, wie es zu dieser Situation gekommen ist, welchen Nutzen beide Parteien aus dem Zusammenleben ziehen und weshalb sie sich nun plötzlich doch getrennte Wohnverhältnisse wünschen.

Wenn Eltern und ihre erwachsenen Kinder noch unter einem Dach leben, ist das allerdings nicht grundsätzlich problematisch. Die allgemeine Vorstellung, die Abnabelung vom Elternhaus sei nur durch einen Auszug aus demselbigen zu bewerkstelligen, hält Rückert für zu eng. „Früher war es normal, dass Kinder noch bis zu ihrer Hochzeit bei den Eltern lebten. Das bedeutet nicht per se, dass solche Kinder keine eigenständige Persönlichkeit entwickeln können”, sagt er. Manchmal seien auch finanzielle Zwänge der Grund dafür, dass ein Kind noch keine eigene Wohnung habe, oder die Familie habe gemeinsame Aufgaben zu erledigen, bei denen das Kind gebraucht werde.

Auch der Erziehungsberater Andreas Engel aus dem bayerischen Hof kennt viele Situationen, in denen das Zusammenleben mehrerer Generationen ohne Nachteile für die jeweilige Lebensführung funktioniert. „Problematisch ist so eine Konstellation allerdings dann, wenn die Rollenverteilung zwischen Eltern und Kind starr bleibt, wenn das Kind also in einer Kinderposition verharrt und Hemmungen hat, ein Erwachsenenleben zu führen”, sagt der Diplom-Psychologe.

Um eine zu enge Bindung innerhalb der Familie zu lösen, ist es wichtig, dass Eltern ihr eigenes aktives Leben wieder entdecken. „Anstatt jeden Abend mit dem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen, sollten Mutter und Vater ausgehen, an einem Tanzkurs teilnehmen oder andere Dinge machen”, sagt Rückert. So entzögen sie ihrem Sprössling den Komfort der familiären Nähe und regten ihn an, seinerseits aktiv zu werden.

Für manche Nesthocker kann auch eine Einliegerwohnung ein erster Schritt in die Unabhängigkeit sein. „Dadurch werden die Lebensbereiche von Eltern und Kind klar getrennt und jeder kann lernen, ein eigenständiges Leben zu führen”, sagt Andreas Engel. Das Ziel sollte sein, dass das Kind Verantwortung für seinen Alltag und sein Leben übernimmt. „Dazu gehört auch, dass der Nachwuchs einen finanziellen Beitrag zum Haushalt leistet - sofern er schon sein eigenes Geld verdient”, sagt Engel.

Rückert empfiehlt, dem Nesthocker bei Bedarf offiziell die Kündigung auszusprechen: „Es ist wichtig, dass Eltern auch einmal deutlich sagen, dass sie nicht mehr mit ihrem Kind zusammenleben möchten.” Man sollte gemeinsam eine Frist vereinbaren, innerhalb derer das Kind ausziehen muss. Dabei könne man auch überlegen, welche Unterstützung die Eltern anbieten können.

„Eltern sollten aber auch darauf vertrauen, dass das Kind fähig ist, alleine klarzukommen”, betont er. Eine Familienberatung oder ein Therapeut könnten Betroffene bei diesem Abnabelungsprozess mit Ratschlägen unterstützen.
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