Das Zappeln in den Griff kriegen: So lässt sich mit ADHS umgehen

Von: Philipp Laage, dpa
Letzte Aktualisierung:
ADHS/ Unterricht/ Schulkind
Wenn das Konzentrieren schwerfällt: Viele Grundschüler schaffen es nicht, über mehrere Schulstunden aufmerksam zu sein. Foto: dpa

Hamburg/Forchheim. Einschulung - das bedeutet für viele Kinder auch, dass sie mit einem Mal über längere Zeit stillsitzen und sich konzentrieren müssen. Doch nicht jedes Kind kommt damit zurecht: Bei manchem macht sich das als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bemerkbar.

Damit ihr Nachwuchs den Anforderungen in der Schule gewachsen ist, greifen immer mehr Eltern zu Medikamenten - der Absatz an Präparaten mit dem Wirkstoff Methylphenidat hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Doch das ist oft nur in schweren Fällen wirklich sinnvoll.

Viele Grundschüler mit ADHS könnten die Daueraufmerksamkeit über mehrere Schulstunden nicht durchhalten, sagt Christiane Eich, Landesleiterin Hamburg und Schleswig-Holstein des Selbsthilfevereins ADHS-Deutschland. Sie seien leicht ablenkbar und bekämen große Teile des Unterrichts gar nicht mit. Wird ein Kind auffällig, sollten die Eltern zuerst mit dem Klassenlehrer sprechen. „Oft stecken auch Lernstörungen, familiäre Konflikte und Akzeptanzprobleme zwischen Lehrer und Schüler hinter den Auffälligkeiten.” Nicht jedes unruhige Kind habe schließlich ADHS.

Die nächsten Schritte sind dann pädagogischer Art: Das Kind braucht klare Strukturen. „Freies Lernen und selbstbestimmtes Arbeiten sind Gift für Kinder mit ADHS, weil sie damit überfordert sind”, warnt Eich. Klare Ansagen mit eindeutigen Forderungen, Zeit- und Arbeitsvorgaben brächten mehr als eine Gruppenarbeit, erläutert auch Klaus Skrodzki von der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte in Forchheim (Bayern). Gleichzeitig bräuchten die Kinder Anerkennung für die Dinge, die sie können und richtig machen.

Ein zweiter wichtiger Punkt: Die Eltern müssen geschult werden. Um der Leistungsschwäche vorzubeugen, hilft laut Skrodzki ein striktes Hausaufgabenmanagement, das die Eltern konsequent begleiten. „Kinder mit ADHS reagieren impulsiv, überschießend, rasten schnell aus. Diskussionen in einer solchen Situation sind nutzlos.” Nach einer Auszeit fänden sich bessere Umstände für ein Gespräch. Unpassende Aktionen, Impulsivität und die Aufmerksamkeitsstörung seien aber nicht nur zu Hause ein Problem. Auch in der Schule falle es den Kindern schwer, Gleichaltrige zu verstehen und Spielregeln zu beachten.

Ob und wann Medikamente sinnvoll sind, hängt Eich zufolge davon ab, wie stark das Kind in seinen Leistungen und im psychosozialen Bereich beeinträchtigt ist. Außerdem spielten der Leidensdruck und die Gefährdung seiner weiteren Entwicklung eine Rolle. Medikamente pauschal abzulehnen, hält sie nicht für sinnvoll. Manche Kinder befänden sich bereits in einer Negativspirale aus Misserfolg, Frustration und Ablehnung: „Sie brauchen schnelle Hilfe.” Konzentrationstrainings etwa zeigten erst nach Monaten Wirkung. „Viele Kinder haben aber diese Zeit nicht, wenn sie in der Schule am Ball bleiben wollen.”

ADHS-Medikamente sind aber in erster Linie eine kurzzeitige Lösung. Die Stimulanzien führten nicht zu einer Heilung der Krankheit, erklärt Eich. „Ähnlich wie bei einem Schmerzmittel verschwinden die Symptome nur für die Zeit, in der das Medikament eingenommen wird.” Verbesserungen seien aber recht schnell sichtbar: Oft profitierten die Kinder erst bei medikamentöser Behandlung von Förder- und anderen Therapien. Die positiven Erfahrungen setzen bei ihnen dann den wichtigen Nachreifungsprozess in Gang.

„Eine Pharmakotherapie sollte Hilfe zur Selbsthilfe sein”, sagt Prof. Manfred Döpfner, geschäftsführender Leiter des zentralen adhs-netzes in Köln. Eine vollständige Reduzierung sei aber nicht immer möglich. Die Medikation sei mit Abstand das wirksamste Mittel, die Aufmerksamkeitsstörung der Kinder zu verringern, fügt Skrodzki hinzu. Voraussetzung sei aber, dass das Kind auch wirklich ADHS hat und die Störung so ausgeprägt ist, dass Medikamente nötig sind. Eine Verhaltenstherapie und psychomotorisches Training seien durchaus sinnvoll. „So lernen die jungen ADHS-Patienten, ihre Handlungen und Bewegungen zu kontrollieren, sozusagen Gas- und Bremspedal zu dosieren.”

Kinder mit ADHS stehen aber oft auch noch vor anderen Hürden: Viele psychosoziale Möglichkeiten werden laut Döpfner nicht genutzt. Die könnten die Symptome deutlich verringern - die Schulen seien auf diese Art der Behandlung aber selten eingestellt. „Ein einfaches Beispiel ist die Größe der Klassen.” Der Lehrer könne nicht gezielt auf das Kind eingehen und die Betreuung bieten, die es braucht. Außerdem gebe es immer noch Lehrer, die behaupten, so etwas wie ADHS gebe es überhaupt nicht, ergänzt Skrodzki. „Andere stellen die Diagnose einfach selbst und geraten so nicht selten in Konflikte mit den Eltern.”

Viele Fachärzte sind außerdem stark überlastet und haben lange Wartelisten, fügt Eich hinzu. Therapieplätze bei Verhaltenstherapeuten und Lerntherapeuten seien rar gesät und die Kosten übernehmen die Krankenkassen oft erst nach zähem Ringen. „Das ist für viele Familien ein Kampf gegen Windmühlen.” Dabei erhöht sich gerade durch solche Behandlungen die Chance, irgendwann auf Medikamente verzichten zu können.

Literatur: Manfred Döpfner u.a.: Ratgeber ADHS: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher zu Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen, Hogrefe, ISBN 978-3-80172-104-6, 6,95 Euro.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert