Blinde Wut und Tränen: Mit Gefühlsausbrüchen umgehen

Von: Carina Frey, dpa
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Schlechte Noten oder ein dummer Spruch: Manchen Schülern treibt das sofort die Tränen in die Augen.

Wuppertal. Unter der Klausur steht eine rote Fünf, schon laufen die Tränen - wie von selbst. Mit ihnen kommt die Scham. Wegen einer Note vor der Klasse zu heulen, ist vielen Schülern mehr als peinlich. Vor allem Jungen.

Bei anderen Jugendlichen steigt blitzschnell die Wut auf, sie brüllen herum oder treten gegen Möbel. Mit solchen Gefühlsausbrüchen ecken sie leicht an. Aber es gibt Strategien, die Emotionen in den Griff zu bekommen.

DIE TRÄNEN: „Jeder Mensch hat eine andere Persönlichkeit, manche sind einfach emotionaler”, erklärt Miriam Mohr plötzliche Tränen. „Das ist erstmal nichts Negatives. So jemand hat vielleicht auch einen besseren Zugang zu seinen Gefühlen”, sagt die Psychologin vom Jugendtelefon Nummer gegen Kummer in Wuppertal. Bei Mädchen ist das eher akzeptiert, Jungen hören dagegen oft dumme Sprüche.

Laut Prof. Herbert Scheithauer stecken ganz unterschiedliche Gründe hinter den Tränen. Wer immer wieder bei schlechten Noten weinen muss, sollte sich fragen, warum das so ist: „Schäme ich mich vor der Rückmeldung vor der ganzen Klasse, dass meine Leistung mangelhaft war?”, fragt der Entwicklungspsychologe von der Freien Universität Berlin.

Manche hätten genug Selbstsicherheit, sich zu sagen: „Bei der nächsten Klausur wird es bestimmt besser!” Bei anderen hapere es genau daran: Sie hätten nicht nur ein negatives Bild von sich selbst, sondern erwarteten von vornherein, dass sie Aufgaben nicht hinbekommen. Dann kann es helfen, sich zu überlegen, was man gut kann, um daraus Kraft zu schöpfen, sagt Mohr.

Probleme können aber auch Jugendliche bekommen, die zu Hause gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen. Und die dafür in der Schule plötzlich ausgelacht werden. „Bei manchen hat sich auch einfach das Umfeld geändert. Die waren in einer Schule, in der über Gefühle gesprochen wurde, sind umgezogen, und jetzt herrscht ein anderes Klima”, erklärt Scheithauer. Dann bleibe einem nichts anderes übrig, als zu versuchen, sich anzupassen.

Doch was kann man tun, wenn die Tränen fließen? „Erstmal hat man das Gefühl: Das ist nicht kontrollierbar”, sagt Mohr. Sie rät, genau zu beobachten, was vorher passiert. Wird der Hals eng oder kribbeln die Hände? Wer seine Körperreaktionen kennt, kann sich eher wappnen. „Man kann versuchen, tief in den Bauch zu atmen oder sich etwas besonders Schönes vorzustellen.” Das kann die Tränen aufhalten.

Klappt das nicht, wird es schwieriger. „Mit plötzlichen Tränen umzugehen, das kriegen auch viele Erwachsene nicht hin”, sagt Scheithauer. Eigentlich brauche es dann einen Lehrer, der sich einschaltet. „Die Mitschüler sollten sich einmischen. Und einen Sprüche-Klopfer zur Rede stellen”, findet Laszlo Pota, Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Fließen die Tränen, kann es helfen, Abstand zu schaffen und zum Beispiel vor dem Klassenraum zu versuchen, sich zu beruhigen, rät Scheithauer. Gibt es einen Grund für die Tränen? Dann kann man sich überlegen, ob man den der Klasse nennt. „Ich würde reingehen und erstmal gucken, wie die Situation ist.” Sagt niemand etwas, sei es besser, einfach über die Tränen hinwegzugehen. Fragt aber jemand nach, könne man sagen: „Ich war so traurig, weil ich mir was ganz anderes erhofft hatte.” Mehr Erklärung ist nicht notwendig.

DIE WUT: Plötzliche Tobsuchtsanfälle sind häufig die Folge aufgestauter Gefühle, erklärt Mohr. „Wut über sich und andere sammelt sich an. Das ist dann wie der Dampfkocher, der plötzlich explodiert.” In diesem Fall helfe Vorsorge: Wer seine Gefühlen rechtzeitig auslebt, verliert seltener die Kontrolle.

Bei plötzlichen Wutanfällen gilt das Gleiche wie bei Tränen: Auf die Gefühle kurz davor achten und versuchen, sich abzulenken. „Wer seine Fäuste ballt, kann versuchen, die Muskeln bewusst zu entspannen”, rät Mohr. Tief atmen und bis Zehn zählen helfe ebenfalls runterzukommen. Laszlo Pota empfiehlt, sich bei einem Freund Hilfe zu holen: Merkt er, dass der Kumpel gleich explodiert, könne er ein Warnzeichen geben. Steigt die Wut trotzdem, ist es laut Mohr besser, schnell den Klassenraum zu verlassen, bevor es richtig Ärger gibt - notfalls rausgezerrt von einem Freund.


Hilfe holen

Wer dauerhaft unter seinen Gefühlsausbrüchen leidet und sie nicht in den Griff bekommt, sollte sich Hilfe holen, findet Prof. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Die gibt es nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei Schulsozialarbeitern und -psychologen sowie Jugendbetreuern. „Auch wer sich schämt, darf nicht den Kopf in den Sand stecken. Schließlich ist man als Jugendlicher kein Kind mehr und damit für seine Zukunft selbst verantwortlich.”

Informationen: Kinder- und Jugendtelefon Nummer gegen Kummer (Tel.: 0800 1110333)

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