Aussöhnen statt Aufwühlen: Den Angehörigen noch etwas sagen

Von: Julia Kirchner, dpa
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In einem Brief können Sterbende ihren Angehörigen noch wichtige Dinge mitteilen - wenn sie sich über das Geschriebene noch mit Ihrer Familie austauschen wollen, sollten sie ihn aber nicht zu lange unter Verschluss halten. Foto: dpa

Bingen. 60 Jahre lang hatte sie das Geheimnis bewahrt. Erst auf dem Sterbebett konnte Ursel S. (Name von der Redaktion geändert) ihrer Tochter die Wahrheit sagen: Ihr biologischer Vater sei in Wirklichkeit ein Soldat gewesen, die Schwangerschaft die ungewollte Folge einer Vergewaltigung auf der Flucht während des Zweiten Weltkriegs.

Gut gehütet zu Lebzeiten, schien es der alten Frau am Schluss unmöglich, Ungesagtes mit ins Grab zu nehmen. Zuerst überwog für die Tochter der Schock. Letztlich war die Offenbarung aber wie ein Schlüssel, der das schon immer unterkühlte Verhältnis zu ihrem vermeintlichen Vater erklärte.

Die letzte Lebensphase lässt Dinge, die Sterbende ihren Hinterbliebenen nie anvertrauen wollten, auf einmal in einem anderen Licht erscheinen. Doch was kann den Angehörigen zugemutet werden? Und in welcher Form vermittelt man lange Zurückgehaltenes am besten?

Oft sind es ähnliche Themen, um die die Gedanken Sterbender kreisen, weiß Monika Renz. Die Schweizerin arbeitet als Psychoonkologin am Kantonsspital St. Gallen und hat etwa 1000 Menschen in ihren letzten Stunden begleitet. „Es geht um Familiäres, biografische Dinge und irrationale Ängste”, sagt Renz, die auch Bücher zu dem Thema verfasst hat.

Geheimnisse und verschwiegene Dinge haben durchaus Einfluss auf den Sterbeprozess. Denn was aufwühlt und beschäftigt, wirkt oft wie ein Anker, der die Sterbenden im Leben hält. „Meine Erfahrung ist: Bevor etwas nicht gesagt wird, stirbt die Person nicht”, sagt Renz. Diese Einschätzung teilt auch Christel Grimm, zweite Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand (IGSL) in Bingen: „Menschen, die schwer beladen sind, tun sich schwer, loszulassen.”

Wenn Grimm Sterbende nach dem Grund fragt, warum ein bestimmtes Thema nicht schon früher behandelt wurde, lautet die Antwort häufig: „Ich habe Angst, dass der andere es nicht verkraftet.” Ganz unbegründet ist diese Befürchtung nicht: Für die Angehörigen ist es eine schwere Belastung, zusätzlich zum nahenden Tod eine eventuell lebensverändernde Information verarbeiten zu müssen. Deshalb sei es wichtig, den Zeitpunkt der Enthüllung nicht zu weit hinauszuschieben: „Sonst bleibt keine Zeit mehr, noch einmal darüber zu sprechen”, sagt sie.

Sterbende sollten deshalb bedenken, dass sie die Wirkung ihrer Äußerungen unter Umständen nicht mehr korrigieren können: „Zum Beispiel können Vorwürfe nicht mehr relativiert werden. Das kann für das Leben der Hinterbliebenen zerstörerisch sein”, erklärt Leo Montada, emeritierter Professor für Psychologie an der Uni Trier. Deshalb sollten Sterbende vor einem Gespräch versuchen, sich in den Empfänger der Mitteilung hinzuversetzen. Zudem sollten sie sich bewusst machen, welche Ziele sie mit ihren Worten erreichen wollen und was für ein Verschweigen sprechen würde.

Wollen Menschen sich durch ihre Erzählung in erster Linie erleichtern, ist es manchmal besser, eine außenstehende Person einzuweihen. „Es passiert sehr häufig, dass wir Sterbebegleiter etwas erzählt bekommen, auch wenn wir den Inhalt nicht immer einordnen können”, sagt Grimm. Gegenüber den Angehörigen bestehe aber natürlich Schweigepflicht.

In vielen Fällen dränge die Wahrheit aber in den letzten Stunden hervor und richte sich direkt an die Angehörigen, sagt Renz: „Die Abwehrmechanismen werden schwächer, Ambivalenzen weichen einem inneren Frieden.” Die Ehrlichkeit muss dabei aber nicht immer schockieren: „Viele Angehörige sind sehr berührt durch die Enthüllungen und empfinden eine große Nähe zum Sterbenden.”

Einige ihrer Patienten bereiten sich auf diesen Moment vor, indem sie einen Brief an die Angehörigen schreiben - ähnlich wie ein Testament. Dies wirke oft sehr entlastend. Das geschriebene Wort kann aber auch harsch wirken: „Es kann nicht mehr zurückgenommen werden”, sagt Christel Grimm. Deshalb rate sie zu einem Gespräch unter vier Augen: „Mündlich kann man noch etwas gerade biegen oder erklären.”

Wenn Sterbende dennoch lieber etwas zu Papier bringen möchten, sollten sie den Brief besser nicht bis zuletzt zurückhalten. Denn dann besteht laut Montada keine Chance mehr, absichtliche oder unabsichtliche Folgen zu mildern.

Um sich überhaupt darüber klar zu werden, was vor dem Tod noch gesagt oder geklärt werden muss, sollte man am besten frühzeitig damit anfangen. Das Schreiben der Patientenverfügung bietet dazu eine gute Gelegenheit: „Zum Beispiel bei der Frage, wer später als Betreuer eingesetzt werden soll. Da tun sich bei einigen schon Risse auf, etwa wenn klar wird, dass nicht zu allen Kindern Kontakt besteht”, sagt Grimm.

Nicht immer gelingt Sterbenden und Angehörigen eine richtige Aussprache. Ausgesprochenes bleibt unklar, Groll oder Verbitterung überwiegen. So hinterlassen Sterbende manchmal nur vage Andeutungen, etwa ein Fotoalbum: „Da kommt es dann darauf an, was die Angehörigen wissen wollen oder ob es noch Zeitzeugen gibt, die sie fragen können.” In jedem Fall sollten sie sich aber die Frage stellen: Kann ich mit der Antwort leben?

Ein Anrecht auf letzte Wahrheiten oder Erklärungen haben Angehörige leider nicht. Vor allem von Menschen, die sich ein Leben lang schwer mit dem Kommunizieren getan haben, ist nicht viel zu erwarten: „Wenn 40 Jahre nicht miteinander geredet wurde, kommt es in den letzten Tagen oder Wochen auch nicht mehr dazu”, sagt Grimm.
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