Als Leihoma oder Vorleser: So finden Ältere Ersatz für fehlende Enkel

Von: Eva Neumann, dpa
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Fehlende Enkel vermissen ältere Menschen vielleicht erst im Ruhestand. Doch selbst dann lässt sich die Rolle als Oma oder Opa anderweitig ausfüllen: Viele Bibliotheken oder Familien suchen Helfer. Foto: dpa

Bonn. Viele ältere Menschen, die keine Enkel haben oder deren Nachkommen weit weg leben, empfinden das als schmerzliche Lücke. Sie wird besonders an Weihnachten oder an Geburtstagen spürbar, aber nicht nur dann: „Kinder bringen Energie und Lebensfreude in den Alltag”, sagt Eva-Maria Marischka, Psychotherapeutin in Kempten.

Und Kinder vermitteln älteren Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden. Für Senioren gibt es aber viele Wege, um Kontakte zur jungen Generation knüpfen.

Das Bewusstsein „Mir fehlen Enkelkinder” wächst in vielen Fällen erst nach und nach. „Gerade in den letzten Berufsjahren ist man sehr durch die Arbeit gefordert”, sagt Ursula Lenz, Sprecherin der Bundesvereinigung der Seniorenorganisationen (BAGSO) in Bonn. In dieser Lebensphase mag das Fehlen von Enkeln noch im Hintergrund stehen. Schließlich füllt die berufliche Tätigkeit einen Großteil des Alltags auf. Und: „Im Berufsleben erfahren Menschen, dass sie ihren Beitrag leisten, es gibt ihrem Leben Sinn und Wert”, erklärt Andrea Schaal, Psychologin aus Köln.

Das alles ändert sich mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben radikal. „Der eigene Wert wird mit einem Fragezeichen versehen”, sagt Schaal. Hinzu kommt, dass manch sozialer Kontakt wegbricht. Der Alltag muss neu organisiert werden. All diese Veränderungen schärfen den Blick für das, was fehlt. „Wenn Senioren in dieser Lebensphase zum Beispiel bei gleichaltrigen Freunden beobachten, wie diese mit ihren Enkelkindern umgehen, wird ihnen sehr drastisch vor Augen geführt, dass es in ihrem Leben eine Lücke gibt”, sagt Lenz.

Solche Situationen können der Anstoß für enkellose Senioren sein, nach anderen Möglichkeiten des Kontakts zu suchen. „Heute werden Ruheständler leicht angeprangert mit Sätzen wie Ihr habt ein bequemes Leben und eine gute Rente. Solchen Sätzen möchten viele Senioren aktiv begegnen”, erläutert Randolf Gränzer, Vorstandsvorsitzender des Vereines Patenschaften aktiv in München. „Für sie ist es wichtig, sich nützlich zu fühlen, gebraucht zu werden, ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.”

Beziehungen zwischen Alt und Jung können auf den verschiedensten Wegen angebahnt werden. „Zunächst sollte man versuchen, für sich selbst einen Rahmen abzustecken: Welche Tätigkeit könnte ich mir vorstellen? Mit welcher Altersgruppe und welcher Anzahl von Kindern möchte ich mich beschäftigen? Wie viel Zeit, Kraft und Gefühle kann und will ich einbringen?”, erklärt Gränzer.

Ein solcher Rahmen grenzt die Suche ein. Dann kann man sich im Umfeld umschauen: Wo könnte ich gebraucht werden? Kindergärten, Schulen, Mehrgenerationenhäuser oder Kirchengemeinden freuen sich oft über Mitwirkende. Regionale Freiwilligenagenturen und Projektdatenbanken im Internet bieten einen guten Überblick, welche Träger vor Ort Unterstützung suchen. „Für den Senioren hat es viele Vorteile, sich von einem Projektträger vermitteln zu lassen: Es spart Zeit, und sie haben viel Erfahrung darin, Menschen zusammenzubringen”, fasst Gränzer zusammen.

Sind Familie und Ehrenamtliche einmal zusammengekommen, heißt es: Vertrauen bilden und einen gemeinsamen Alltag aufbauen. Senioren, die sich auf Ersatzenkel einlassen, können dabei vieles erleben, was auch leibliche Großeltern erfahren. „Durch die Fragen oder Sorgen junger Menschen beschäftigen sich Senioren mit Themen, zu denen sie sonst gar keinen Bezug hätten”, sagt Psychotherapeutin Marischka. Nicht selten ebnet die junge Generation den Weg zur eigenen E-Mail-Adresse. Umgekehrt können die Senioren durch ihre Zeit, Ruhe und Lebenserfahrung den jungen Menschen viel geben.

Allerdings sei die Beziehung zu einem leiblichen Enkel immer noch ein bisschen intensiver. „Da spielt auch das genetische Material eine Rolle: Man erkennt sich selbst oder den Partner oder das eigene Kind im Enkel wieder. Und indem man sich um ein Enkelkind kümmert, gibt man gleichzeitig dem eigenen Kind etwas”, sagt Psychologin Schaal.

Ob als Leihoma bei der Diakonie, Vorleser in der Bibliothek oder Hausaufgabenhilfe beim Arbeitskreis Asyl - vor jeder Betätigung sollten Formalien geklärt sein. „Wie formal die Beziehung organisiert wird, hängt von den Personen und dem Kontext der Beziehung ab”, erläutert BAGSO-Sprecherin Ursula Lenz. Bei Projektträgern sind schriftliche Vereinbarungen üblich. „Der Senior sollte unbedingt durch eine Haftpflicht- und eine Unfallversicherung geschützt sein. Außerdem darf er nicht draufzahlen müssen.” Über die Erstattung von Fahrtkosten und ähnlichem muss also gesprochen werden. Außerdem sollten die gegenseitigen Erwartungen, Betreuungszeiten und Inhalte des Miteinanders klar formuliert sein. Das schützt ältere Menschen davor, ausgenutzt zu werden.
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