Abschied von der Sonderschule? Eine UN-Konvention mit Folgen

Von: Theresa Münch und Karl-Heinz Reith, dpa
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Berlin. Abschied von der Sonderschule? Die neue UN- Konvention für die Rechte Behinderter könnte das Ende für das Abschieben von behinderten Schülern in spezielle Förderschulen bedeuten.

Fast alle Kinder - behindert oder nicht behindert - sollen nach der Konvention gemeinsam in eine Klasse gehen. Doch die Kultusminister sind noch ratlos. Vergangene Woche haben sie erst einmal eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

Zwei Jahre lang wurde hinter den Kulissen um die deutsche Unterschrift unter die UN-Konvention gerungen, die mit Jahresbeginn auch für die Bundesrepublik wirksam wurde.

Die Richtlinie stärkt eindeutig die Rechte von Eltern, die für ihr behindertes Kind einen Platz in einer Regelschule einfordern. Seit Jahren laufen in allen Bundesländern dazu Klagen.

Fast eine halbe Million Kinder wird in Deutschland sonderpädagogisch gefördert. Aber nur 15,7 Prozent haben die Chance, dass dies gemeinsam mit Nicht-Behinderten in einer regulären Schule erfolgt.

In den skandinavischen Ländern sind es 90 Prozent - egal, ob sie lern-, körper- oder geistig behindert sind.

Bei der Integration von behinderten Schülern gehen die Bundesländer unterschiedliche Wege. In Berlin und Schleswig-Holstein beispielsweise nimmt jeder Dritte behinderte Schüler an normalem Unterricht teil.

In Bremen haben betroffene Eltern als einzige sogar einen Rechtsanspruch, die Schule für ihr Kind zu wählen. 44,9 Prozent der behinderten Schüler gehen dort in Regelschulen. Schlusslichter bei der Integration sind Niedersachsen (4,7 Prozent) und Sachsen- Anhalt (5,5 Prozent).

Die UN-Konvention bricht nach den Worten der Vize-Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, mit der „selektiven deutschen Schultradition”.

Für nahezu alle Behindertenverbände und auch viele Wissenschaftler beruht die Konvention auf der Idee einer „inklusiven Gesellschaft”, in der jeder Mensch von Anfang an dazugehört.

Gesunde Kinder lernen, mit Behinderten zu leben und keine Scheu vor dem Umgang mit ihnen zu haben. Für behinderte Schüler bedeute der gemeinsame Schulbesuch Ansporn für eigene Leistungen, betont der Schulforscher Rolf Werning von der Universität Hannover.

Integrierte Klassen machen natürlich den Einsatz speziell ausgebildeter Sonderpädagogen nicht überflüssig. Häufig unterrichten sie gleichzeitig mit dem Fachlehrer. Der Behinderte bekommt Aufgaben, die an sein Können angepasst sind.

„Das erfordert von den Lehrern eine unglaublich differenzierte Vorbereitung”, sagt die Berliner Lehrerin Barbara Bott. Demmer ergänzt: „Das erfordert auch ständige Fortbildung.”

Von der klassischen Hilfsschule zur Sonderschule - oder wie es heute heißt „Förderschule mit besonderem Schwerpunkt” - die Geschichte des deutschen Sonderschulwesens ist über hundert Jahre alt.

So groß wie in Deutschland ist der Anteil der getrennt unterrichteten Schüler aber in kaum einem anderen Industriestaat. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer (SPD), empfindet dies als „beschämend für ein zivilisiertes Land”.

Vom UN-Abkommen erwartet sie nun einen echten Aufbruch. „Ein integratives Bildungssystem ist im Kern ohne Alternative.”

Evers-Meyer will, dass auch in Deutschland der international übliche Begriff „Inklusion” für die weltweit angestrebte Schule von morgen verwendet wird - denn: „Integrieren muss man etwas Fremdes.” Inklusion bedeutet laut UN-Konzept dagegen, dass Strukturen und Didaktik von vornherein auf die Unterschiedlichkeit der Schüler und individuelles Fördern und Fordern ausgerichtet sind.

Die Kultusminister hingegen wollen erst einmal Zeit gewinnen. Eine Arbeitsgruppe soll zunächst Begriffe klären und Vorschläge für eine Neufassung der seit 1994 in Deutschland geltenden Sonderschul- Empfehlung vorlegen. Dabei stehen die Kultusminister unter Druck. Eine erste Elternklage, die sich auf die neue UN-Konvention stützt, ist bereits eingereicht.

Und Beobachter erwarten unzählige Folgeklagen. Viele Eltern berufen sich dabei auch auf Bundespräsident Horst Köhler, der schon vor einem Jahr den Kampf einer Mutter für die Einschulung ihrer behinderten Tochter in eine normale Grundschule mit einem Verdienstorden ausgezeichnet hat.
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