Gründer unter Verdacht

Von: vo
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Knapp die Hälfte aller Neugründungen basiert auf dem Wunsch eigene Ideen zu verwirklichen. Foto: Pixabay.com / StartupStockPhotos (CC0 1.0)
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Die Online-Präsenz ist mit der wichtigste Erfolgs-Faktor für ein Unternehmen. Foto: Pixabay.com / kropekk (CC0 1.0)

Berlin. Laut dem letzten KfW-Gründungsmonitor lag die Anzahl der Neugründungen in 2014 bei 915.000 und damit bei 47.000 mehr als im Vorjahr. Immer mehr Menschen versuchen so der unsicheren Wirtschaftslage zu entgehen und sich ein eigenes Standbein aufzubauen.

Um die 30 Prozent der Neugründer gab an, dies aus der Not heraus zu machen, da keine bessere Erwerbsalternative vorhanden ist. Immerhin 48 Prozent der Befragten sahen die Neugründung als Chance zur Selbstverwirklichung und wollten in erster Linie eigene Ideen umsetzen.

Den meisten ist bewusst, dass die Umsetzung der Selbstständigkeit nicht ohne Risiken ist. Schätzungen zufolge scheitert jedes zweite Unternehmen innerhalb der ersten fünf Jahre. Dabei ist es selten die eigentliche Geschäftsidee oder das Konzept, wodurch das Scheitern verursacht. Vielmehr sind es finanzielle Notlagen, die durch ein zu dünnes Rücklage-Polster entstehen.

Ein Großteil der Gründer versucht daher sein finanzielles Risiko dadurch zu mindern, dass die Gründungen in weniger kostenintensiven Bereichen erfolgen. So zeigt der KfW-Gründungsmonitor, dass ein hoher Anteil der Neugründungen auf freiberufliche Tätigkeitsfelder entfällt. Dozententätigkeiten, Webdesign, Übersetzertätigkeiten, aber auch Coachings und Beratungstätigkeiten sind stark im Kommen. Damit ist auch das Qualifizierungsniveau der Gründer sehr hoch: Insgesamt 82 Prozent können eine berufliche oder akademische Ausbildung vorweisen.

Das Buhlen um Aufmerksamkeit

Somit ist dieser Personengruppe meist auch bewusst, dass sie sich auf dem Markt behaupten müssen. Die Konkurrenz ist bereits auf dem Markt vorhanden und wächst ständig weiter an.

Strategien, die Aufmerksamkeit auf das eigene Unternehmen zu lenken haben mit die höchste Priorität. Eine eigene Marke aufbauen. Präsenz zeigen. Give-Aways wie Feuerzeuge oder preisgünstige Schreibgeräte mit Werbeaufdruck helfen den Bekanntheitsgrad zu steigern. Je öfter und länger solche Werbeträger im Einsatz sind, desto eher bleibt der Name des Unternehmens im Gedächtnis der Menschen haften.

Doch die Maßnahmen gehen bei den meisten noch weit darüber hinaus. Onlinemarketing nennt sich das aktuelle Schlagwort, mit dem sich jedes neugegründete Unternehmen und auch jeder Solo-Selbstständige auseinander setzen muss. Wer nicht im Netz sichtbar ist, existiert nicht. Der Aufbau einer eigenen Webseite, die Präsenz auf Social Media Plattformen und bestenfalls eine intelligent ausgetüftelte Medienstrategie schaffen die Basis für die nötige Aufmerksamkeit potentieller Kunden.

Und genau diese sind das wichtigste für den dauerhaften Erfolg des Unternehmens. Dies gilt vor allem für ein Ein-Mann-Unternehmen. Denn gerade im Dienstleistungssektor entstehen schnell Situationen, die bei mangelnder Kundenzahl eine Scheinselbstständigkeit vermuten lassen. Der Staat agiert hier sehr wachsam, da ihm an dieser Stelle Einnahmen verloren gehen.

Stolpersteine für Selbstständige

Die hohe Freiberufler-Quote lässt daher immer öfter die Gewerbeaufsicht oder das Finanzamt auf dem Spielplan erscheinen. Wer hier nicht umsichtig handelt, bekommt seine Selbstständigkeit schnell wieder aberkannt und darf mit Nachzahlungen rechnen.

Denn während Arbeitnehmer in ihrem Arbeitsverhältnis dazu verpflichtet sind Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung abzuführen, gilt dies nicht für Selbstständige. Die bisher durchgeführten Feststellungverfahren zur Überprüfung einer Scheinselbstständigkeit zeigen jedes Jahr höhere Quoten. Nach den Daten der Deutschen Rentenversicherung (DVR) lag die Quote der Scheinselbstständigkeit bei den überprüften Unternehmern zuletzt bei 47 Prozent. Damit ist fast jeder zweite Unternehmer betroffen.

Somit scheinen Freiberufler unter Generalverdacht zu stehen. Dass die DVR möglicherweise ein Eigeninteresse daran hat, eine hohe Quote an Scheinselbstständigkeit nachzuweisen und rückwirkend Beiträge für Renten- und Pflegeversicherung einzuziehen, bleibt unbeachtet. Die Frage, ab wann eine echte Selbstständigkeit vorliegt und ab wann Scheinselbstständigkeit, ist möglicherweise einer großen Anzahl Freiberufler nicht bewusst.

Die Unterschiede sind allerdings einfach zu erkennen. Tritt jemand als selbstständiger Unternehmer auf und muss die Aufgaben unter denselben Bedingungen erfüllen wie ein Arbeitnehmer, ist eine Scheinselbstständigkeit sehr wahrscheinlich. Dazu gehören Bedingungen wie feste Arbeitszeiten, Reporting-Pflichten, feste Bezüge, Urlaubsanspruch und Weisungsbefugnis des Auftraggebers.

Bei Unklarheiten sollte sich juristischer Rat geholt werden und zwar vor einer Statusfeststellung durch die DRV. Je mehr Auftraggeber ein selbstständiger Unternehmer aufweist, desto weniger kommt der Verdacht einer Scheinselbstständigkeit auf.

Verlust der Selbstständigkeit durch Formfehler

Allerdings droht ein "Verlust der Selbstständigkeit" auch aus einer ganz anderen Richtung. Möchten verantwortungsbewusste Unternehmer für ihre spätere Rente vorsorgen, bleibt ihnen die Möglichkeit einer freiwilligen Rentenversicherung.

Auf der Seite der DRV finden sich dazu Beiträge, die eine freiwillige Rentenversicherung für Selbstständige anbieten. Die Beitragshöhe und die Anzahl der Beitragszahlungen darf dabei selbst gewählt werden. Dadurch sollen Ansprüche aufgebaut werden, ohne eine bindende, finanzielle Belastung herbeizuführen.

Doch bei Antragstellung wird erst mal überprüft, ob nicht doch ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis vorliegt. Wer die Fragebögen ausfüllt, ohne entsprechende Erläuterungen eines weiteren Formulars beachtet zu haben, dem droht eine gesetzliche Pflichtversicherung oder eine unerwünschte Feststellung einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung.

Sollte aus den eingesendeten Formularen hervorgehen, dass eine gesetzliche Pflichtversicherung droht, muss der Antrag auf eine freiwillige Rentenversicherung nicht gestellt werden. Auch hier kann eine rechtzeitige juristische Beratung sinnvoll sein.

Wie die Politik eingreift

Da immer mehr Gründungen erfolgen und immer mehr Menschen mit einer Selbstständigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist die fehlende Vorsorgepflicht dieser Personengruppe auch in den Fokus der Politik gerückt.

Die Bundestagsfraktionen der SPD sieht eine Überforderung der Selbstständigen, sich aufgrund ihrer finanziellen Situation freiwillig im gesetzlichen System zu versichern. Eine eigene, private Vorsorge ist unter anderem durch den hohen Anteil an Krankenversicherungsbeiträgen nicht zusätzlich zu leisten. 

Forderungen gehen in die Richtung einer Rentenversicherungspflicht und niedrigeren Krankenkassenbeiträgen. Damit soll der drohenden Altersarmut vorgebeugt und eine Benachteiligung zu angestellten Beschäftigten ausgeglichen werden.

Damit bleibt das Thema Gründung ein zweischneidiges Schwert. Während es in einigen Fällen zu einer Schaffung von mehr Arbeitsplätzen führt, ist es in anderen Fällen eine Vermeidung einer finanziellen Notlage. Das Armutsrisiko im Alter wird damit bisher noch nicht gesenkt.

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