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Der Pate: Wenn Studenten Hauptschüler betreuen

Von: Marc Herwig, dpa
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Mohammed Dampha (l) und Pablo Streich sind ein Coaching-Paar bei Rock your life - einer Initiative, die bundesweit Schüler und Studenten zusammenbringt. Foto: dpa

Tübingen. Für Mohammed ist Pablo so etwas wie ein großer Bruder. „Einen Älteren als Vorbild zu haben, ist gar nicht schlecht”, erzählt der 14-Jährige. „Wir haben Spaß zusammen. Und wenn ich Probleme habe, dann kann er mir helfen.” Der Achtklässler und der 21-jährige Student aus Tübingen sind ein Coaching-Paar bei Rock your life - einer Initiative, die bundesweit Schüler und Studenten zusammenbringt.

Vor allem Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien sollen mit dem Coach an ihrer Seite den Weg durch die Pubertät und den Sprung ins Berufsleben schaffen. Und die Studenten sammeln schon im Studium eine Menge soziale Kompetenzen.

Zwei Jahre lang wird Pablo Streich als Coach für Mohammed Dampha da sein. Alle ein bis zwei Wochen treffen sich die beiden einen Nachmittag lang. „Es geht nicht nur darum, dass Mohammed seinen Schulabschluss schafft, es geht auch um die kleinen Alltagsprobleme”, sagt der Geoökologie-Student. „Ich bin auch nicht sein Nachhilfelehrer, selbst wenn ich in ein paar Fächern vielleicht mal helfen kann. Aber es geht vor allem darum, ganz grundsätzliche Impulse zu geben.”

Was in den Coaching-Beziehungen passiere, sei ganz individuell, sagt Rock-your-life-Mitbegründer und Geschäftsführer Stefan Schabernak. „Jeder hat ein bisschen was anderes davon. Eine Coaching-Beziehung lässt sich nicht in ein Raster zwängen.”

Schabernak und seine Mitstreiter waren selbst noch Studenten in Friedrichshafen am Bodensee, als sie die Idee entwickelten und 2009 zum ersten Mal den Kontakt zu Schülern suchten. Vor allem Hauptschüler in den letzten beiden Jahren vor ihrem Abschluss nahmen sie in den Fokus. „Es gibt immer mehr, die untergehen in den Klassen und eine intensivere Betreuung brauchen. Für die Lehrer ist es sehr schwer, individuell auf die Schüler einzugehen”, sagt er. „Uns geht es vor allem um Schüler, die aus schwierigen Beziehungen kommen, vielleicht Sprachprobleme haben, mitten in der Pubertät in einer schwierigen Phase sind - und die trotzdem wissen müssen, was sie nach der Schule machen wollen.”

Die Idee von Rock your life wuchs rasant. Mittlerweile gibt es das Konzept an 25 Standorten bundesweit. Weitere Zweigstellen werden gerade aufgebaut. Das funktioniert nur, weil jeweils Studenten vor Ort die Verantwortung für ihren Standort übernehmen.

Die Dach-Gesellschaft am Bodensee sorgt vor allem dafür, dass die Studenten auf ihre Aufgabe als Coach vorbereitet werden. „Bevor man überhaupt mit dem Schüler arbeitet, muss man zwei Wochenenden lang ein Grundlagenseminar belegen”, erklärt Schabernak. „Die Studenten müssen schließlich auf möglichst viel vorbereitet sein. Manchmal geht es um Probleme in der Schule, manchmal um Probleme in der Familie, manchmal weiß der Schüler mit seiner Freizeit nichts anzufangen, und manchmal ist man auch mit Kriminalität konfrontiert.”

Mohammed und Pablo sind zu Beginn ihrer Coaching-Beziehung im Moment dabei, die Ziele für die nächsten zwei Jahre abzustecken. Der 14-Jährige hat mal ein Praktikum in einem Filmstudio gemacht und war davon ziemlich begeistert. Aber auch einen kaufmännischen Beruf kann er sich vorstellen. „Erwachsene machen immer so viele Vorschläge. Aber viel davon interessiert mich gar nicht”, sagt Mohammed.

Sein Coach will deshalb jetzt erstmal gemeinsam mit ihm überlegen, welche Berufe infrage kommen und wo er in einem Praktikum nochmal reinschnuppern könnte. „Und wenn er wirklich etwas Kaufmännisches machen möchte, dann muss das Ziel sein, auf jeden Fall noch den Realschulabschluss zu schaffen”, sagt Pablo Streich. Zwei bis drei Stunden plant er pro Woche für das Coachen ein. „In der Prüfungszeit müssen wir dann einfach sehen, wie wir das machen. Da reicht es vielleicht auch, wenn wir in einer Woche mal nur miteinander telefonieren.”

Initiativen, bei denen Studenten ehrenamtlich für Schüler da sind, haben seit Jahren starken Zulauf. Going forward oder Chancenwerk sind einige Beispiele. „Das ist ein fantastisches Instrument, bei dem sich Studenten weit über ihr Fach hinaus bilden können”, sagt Susanne Wilpers, Professorin für Personalmanagement an der Hochschule Heilbronn. „Da geht es um Lebenserfahrung, Sozialkompetenz und Konfliktlösungsstrategien.” Solche Soft Skills seien auch später im Beruf unbezahlbar. „Man lernt, mit Konflikten umzugehen und auch in schwierigen Situationen selbstsicher zu bleiben.”

Für die Schüler wiederum sei es eine tolle Erfahrung, einen Ansprechpartner zu haben, der nicht viel älter ist als sie selbst, sagt die Professorin. Mit so einem Coach könnten sie besser auch mal über die Lehrer schimpfen, als das mit den Eltern möglich ist. Und trotzdem hätten sie einen Ansprechpartner, der viele Jugendprobleme mit ein wenig Abstand besser einschätzen könne.

Trotzdem: Studenten, die so einfach wie möglich Sozialpunkte für ihren Lebenslauf sammeln wollten, seien bei Rock your life falsch, betont Schabernak. „Der Zeitaufwand ist enorm. Man verpflichtet sich, zwei Jahre lang am Ball zu bleiben, an Seminaren und Supervisionen teilzunehmen.” Die Motivation der Coaches sei meist eine andere, erzählt er. „Viele sagen, sie haben es richtig gut gehabt im Leben und wollen nun etwas zurückgeben.”

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