Frankenthal - Wohnen in der Scheune: Neue Bauideen für ländliche Gegenden

Wohnen in der Scheune: Neue Bauideen für ländliche Gegenden

Von: Simone Andrea Mayer, dpa
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Äußerlich hat sich nicht viel an der alten Scheune im sächsischen Frankenthal getan - so sah sie auch um 1900 herum aus. Das darin heute eine Familie wohnt, zeigen die Terrassenmöbel und das Kinderspielzeug vor dem Haus. Foto: KfW/Claus Morgenstern

Frankenthal. Früher lagerten in der Scheune im sächsischen Frankenthal die Pferdegespanne und das Heu fürs Vieh. Man kann sich gut vorstellen, wie die Bauern nach getaner Arbeit vor dem Gebäude unter dem Baum saßen, sich ausruhten.

Äußerlich hat sich seither kaum etwas getan, so könnte es auch um 1900 ausgesehen haben. Aber heute hängt an dem Baum eine bunte Plastikschaukel, daneben gibt es einen Sandkasten. Und hinter dem großen Scheuneneingang mit den aufgeklappten Holztoren ist die Terrasse des Hauses. Stühle stehen darauf, eine Hängematte baumelt von der Decke.

Aus der alten Scheune ist ein traumhaftes Wohnhaus geworden. Dazu noch eines, das architektonisch und energetisch neuesten Standards entspricht. Dafür wurde die Besitzerin Anja Klinger mit dem Award der KfW-Förderbank 2015 ausgezeichnet.

In Deutschlands ländlichen Gegenden gibt es unzählige alte landwirtschaftliche Gebäude, die heute ungenutzt sind. Für jene, die in ihren Heimatgemeinden leben wollen, aber nur teure Bauplätze finden, ist ihre Sanierung eine Chance. Denn seit langem leerstehende Gebäude können vergleichsweise billig zum Verkauf angeboten werden. Und oft liegen die Gebäude auf den besten Grundstücken des Ortes: im Dorfkern oder wie in Klingers Fall auf einer gut einsehbaren Anhöhe.

Auch kann der Umbau dieser Objekte einen Beitrag zum Erhalt des traditionellen Dorflebens leisten, denn diese Gebäude bestimmen die Optik des Ortes - noch. Denn wenn neues Bauland ausgeschrieben wird und moderne Einfamilienhäuser daraufgesetzt werden, ist das eine optische Zäsur, findet der Schweizer Architekt Thomas Metzler. Auch müssen die neuen Häuser viel weiter weg von den Straßen stehen als die alten Bauerngebäude. „Das ergibt nach und nach eine andere Anmutung des Dorfkerns”, sagt Metzler. Er findet daher: „Es lohnt sich, diese alten Objekte sorgfältig zu renovieren, umzunutzen und so das spezifische dieser Bauerndörfer zu bewahren.”

Gerade alte Scheunen scheinen in den Fokus vieler Architekten und Bauherren zu rücken. Es sind große Hallen mit hohen Decken, ganz ohne Innenwände. Das heißt: mit viel Raum, darin die Wohnräume der künftigen Besitzer so zu gestalten, wie sie es wollen. Sogar loftartige Grundrisse sind möglich. Das ist der große Vorteil dieser Gebäude im Vergleich zu den alten bäuerlichen Wohnhäusern mit teils geringen Raumhöhen. Auch Anja Klinger, die als Architektin die Scheune in Sachsen selbst umgebaut hat, sagt: „Wir wollten kein altes Bauernhaus mit kleinen Räumen und wenig gestalterischen Möglichkeiten.”

Nur vier Objekte schaute sich Klingers Familie an, dann fiel ihre Wahl auf die alte, 27 Meter lange und 13 Meter breite Scheune. Klinger plante drei Etagen ein, wobei das Zentrum ein hoher, offener Raum ist - in dessen Mitte steht der Esstisch. „Ich wusste sofort, wo er stehen soll”, sagt sie. Und das ist heute ihr Lieblingsplatz. Klinger war es bei den Umbauten aber auch wichtig, dass „die Scheune Scheune bleibt” - und damit das Ortsbild erhalten. Sogar die Außenwand haben die Bauleute nicht extra hergerichtet, sondern nur einzelne Stellen ausgebessert.

Aber die Umnutzung einer solchen Scheune bringt Probleme mit sich: Die Nutzungsänderung zieht nach sich, dass energieeffiziente Maßnahmen nötig werden, die sich an jenen für Neubauten orientieren. Aber hier ist das oft baulich nur schwer, teuer oder gar nicht umsetzbar.

Ein solches Problem ist die Dämmung. Steht das Gebäude sogar noch unter Denkmalschutz, kann es unter Umständen sein, dass die Außenhülle gar nicht verhängt werden darf. Architektin Klinger löste das, indem sie statt einer einfachen Dämmung eine radikale Maßnahme wählte: In die alte Scheune hinein wurde ein neues Haus in Form einer Holzkonstruktion mit eigener Wärmedämmung gebaut. Die alte Fassade ist nur noch hübsche Verpackung und Regenschutz. Hans Kollhoff, Jury-Vorsitzender des KfW-Awards, nennt diesen Umbau „wirklich intelligent auf eine ganz einfache, verblüffend direkte Weise”.

Die Familie hat nur so viele Räume in der Scheune angelegt, wie sie bislang braucht - etwa 550 von insgesamt 700 Quadratmeter möglicher Wohnfläche stehen noch leer und können jederzeit in neue Räume umgewandelt werden, ob für Kinderzimmer, Büro oder eine Einliegerwohnung. Derzeit lagern dort Fahrräder und Brennholz.

Der Architekt Metzler nutzte eine ähnliche Lösung für die Dämmung einer Scheune in Uesslingen in der Schweiz: Auch hier wurde innerhalb der alten Bruchsteinmauern eine neue Holzkonstruktion aufgebaut, die für einen guten Dämmwert sorgt. Trotzdem war beim Bau nicht jeder Eingriff möglich. So lässt sich das Erdgeschoss nur zum Teil beheizen. Metzler betont daher: „Bei solchen Gebäuden muss man immer individuelle Lösungen suchen.” Genau das ist für ihn ein weiterer Vorteil der Scheunen gegenüber dem Umbau alter Bauernhäuser - in letzteren sind viele Lösungen aufgrund der Statik erst gar nicht denkbar.

Selbst der Innenausbau der bisherigen Scheune ist herausfordernd. „Bei so einem Umbau hat man viel größere Raumtiefen als beim konventionellen Haus”, sagt Metzler. Das ergibt ein Problem mit der Helligkeit. Um lichtdurchflutete Räume zu erhalten, muss man eigentlich zusätzliche Fensteröffnungen in die Fassade brechen. Klinger verzichtete darauf. Sie hinterlegte stattdessen die offenen Scheunentore mit Glas, was große Fensterflächen und eine Terrassentür ergab. Und es gibt nun Dachfenster, die in der offenen Innenraum-Konstruktion von oben für Licht im ganzen Haus sorgen.

Metzler stört aus gestalterischer Sicht das Licht-Problem gar nicht. „Man hat hier die Möglichkeit mit Licht und Schatten zu spielen, so dass es Abwechslung gibt in einem Raum”, erklärt er. „Ich finde es immer schön, wenn ein Wohnhaus sowohl große wie kleine Räume, helle wie dunkle Räume hat. Es gibt nichts Langweiligeres, als wenn alle Räume gleich sind.”

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